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Blanche und das Elend der Welt

Stralsund Blanche und das Elend der Welt

André Previns Oper „Endstation Sehnsucht“ als deutschsprachige Erstaufführung am Theater Vorpommern in Stralsund

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„Endstation Sehnsucht“, eine Oper von André Previn mit Gunta Cēse (Blanche DuBois, l.) und Franziska Ringe (Stella Kowalski). Foto: Vincent Leifer

Quelle: Vincent Leifer

Stralsund. Es geht tief hinab: von dem oben über die ganze Bühne führenden Gang runter in eine enge Wohnung. Von da oben betritt auch Blanche DuBois die Szene, hochtrabend, leicht exaltierter Auftritt, elegante Garderobe, Dame von Welt, mit zwei knallroten Koffern. Ihr Abstieg in die Wohnung, in der ihre Schwester Stella mit ihrem Mann Stanley lebt, wo beide nachts heftig und laut sind, wo sie nun ein Kind erwarten, führt über eine steile Treppe. Blanche empfindet diesen Gang als sozialen Abstieg in niedere Verhältnisse, die sie mit Geringschätzung sieht. Später – nach Enthüllung der Tatsache, dass sie aus anderen Niederungen kam – erweist er sich als letzte Zuflucht einer Lebensmöglichkeit, die aber am Ende zerstört ist.

Doch nicht nur auf die Lebenslügen der Blanche konzentriert sich die Oper „Endstation Sehnsucht“ von André Previn, deren deutschsprachige Erstaufführung am Samstag im Theater Vorpommern mit viel Beifall aufgenommen wurde. Enthüllt werden das tragische Schicksal der Figur sowie ihr dahinsterbender Anspruch auf Lebendigkeit. Wie Sehnsucht sich immer mehr in die Traumwelt der Fantasie verschiebt, ist hier eindrucksvoll erzählt. Vielmehr: gesungen, es ist ja Oper.Deren Vorlage, das Schauspiel „Endstation Sehnsucht“ aus dem Jahre 1947, ist das bekannteste Stück von Tennessee Williams. Nicht selten wird es banalisiert: als Abrechnung mit Lebenslügen oder bedauernswerte Krankengeschichte. Das alles ist „Endstation Sehnsucht“ wohl auch, aber vor allem geht es nicht nur um eine Figur, sondern um Unmoral und seelische Krankheit einer bürgerlichen Gesellschaft mit ihren destruktiven Interessen-Strukturen.

Die Oper des US-Amerikaners André Previn, 1997 entstanden, verhindert solche Vereinfachungen durch den Zwang musikalischer Strukturen, indem sie den Gefühlsraum der Figuren ernst nimmt. Dass das Theater Vorpommern das Werk ins Deutsche brachte (Übersetzung Bettina Bartz und Werner Hintze), ist ein enormer Gewinn. Wird doch in der Sprache über psychologische Tiefen und das Elend der Welt ebenso kommuniziert wie über höchst Oberflächliches („wo ist der Schnaps“ oder „ich nehme ein Bad“), und die „zwischen den Zeilen“ mitschwingenden Beziehungen erkennt nur, wer die Zeilen versteht. Formbewusst, ergreifend und nuancenreich präsentieren sich Vorpommerns Opernensemble und Philharmonie unter musikalischer Leitung von Generalmusikdirektor Florian Csizmadia und in der Regie von Horst Kupich. Die Komposition von Prévin, einem Wanderer zwischen den Musikwelten, erweist sich als kaum innovativ, jedoch für Musiker (vor allem die Bläser) und für die Sänger als anspruchsvoll herausfordernd, was diese souverän bewältigen.Prévin schöpft aus dem Kosmos spätromantischer Moderne, Anklänge an Gershwin oder Satie, zuweilen direkt Jazziges oder filmmusikalische Klischees klingen aus dem Orchestergraben. Aus allem hat der Komponist ein interessantes Material mit Sogwirkung geschaffen, das in routinierter Kombination die Innenwelten der Figuren auslotet, Gefühle illustriert, zuweilen leicht distanzierend kommentiert, Spannung und nervöse Angespanntheit vermittelt.

Gunta Cese gibt die Hauptrolle mit energievollem, warmem Sopran und spielerischer Kraft, überzeugend in der Selbstbehauptung, der Verzweiflung und der Selbsttäuschung. Deutlich erarbeitet die Inszenierung, wie sehr das Elend der Blanche im Elend einer männlich dominierten Umgebung voll unterschwelliger Gewalt wurzelt. Wenn Therapie nötig ist, dann für alle Beteiligten: für den primitiv-rohen Stanley Kowalski (Thomas Rettensteiner), für Blanches Schwester Stella (Franziska Ringe), die diesem Burschen lange verfallen ist. Oder für Harold Mitchell (Karo Khatchatryan), der als betagtes, aber naives Muttersöhnchen mit völliger Hörigkeit gegenüber Autoritäten kaum eine Rettung für Blanche gewesen wäre. Was ihr bleibt, sind am Ende Träumereien: in einer Anstalt.

Weitere Aufführungsermine: 10. Dezember am Theater Stralsund; 22. Dezember Premiere im Theater Greifswald

Dietrich Pätzold

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