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Stralsund Das ist doch noch gut
Vorpommern Stralsund Das ist doch noch gut
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00:00 21.10.2017
Mitarbeiter der Stralsunder Tafel sortieren Obst und Gemüse für die Ausgabe: Sie sind auf Spenden von lokalen Betrieben angewiesen. Quelle: Foto: Dana Frohbös
Stralsund

„Ich hab’ kein Verständnis für das Wegwerfen, das ist doch krank“, ärgert sich Marcus Bauermann. „Ich will ein ordentliches Lebensmittel herstellen, und zwar für den Konsum und nicht, um es dann wegwerfen zu müssen.“ So wie dem Rüganer Fleischer, der seine Landschlachterei in Parchtitz betreibt, geht es vielen Betrieben in Vorpommern. Sie alle haben ihre ganz eigenen Methoden, um Lebensmittel vor der Tonne zu retten.

Zwei volle Einkaufswagen jährlich – so viel wirft jeder Deutsche im Schnitt in den Müll. Betriebe in Vorpommern wollen diesen Berg reduzieren.

6,7 Millionen Tonnen Lebensmittel landen in Deutschland jedes Jahr in der Tonne. Sechs Prozent davon sind Fisch und Fleisch. Zu dem Ergebnis kommt eine vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft geförderte Studie. Viel schlimmer trifft es den Bereich Obst und Gemüse, hier sind es sogar 44 Prozent. Ein Großteil davon ist nicht verdorben, sondern nur unansehnlich. Schnell landen schrumpelige Karotten oder Bananen mit braunen Flecken im Müll. Nicht so bei „Anne’s Fruchtinsel“. Seit 26 Jahren ist Inhaberin Anne Lerch in Ribnitz-Damgarten für ihre Kunden da. „Die Menschheit wird immer verwöhnter. Die Leute wollen Bio, aber es soll aussehen wie aus einem Stück“, fasst sie ihre Erfahrungen zusammen. „Oft sind es sogar die Kunden selbst, die Äpfel kaputtmachen.

Es wird gedrückt und geknetet“. Solche Äpfel können dann nicht mehr verkauft werden. Anne Lerch hat gelernt, möglichst effizient zu planen. Viel bleibt nicht übrig. Eine Spende an die Tafel lohnt sich kaum. „Mein Mann kann sehr gut organisieren. Wir stellen Kisten zusammen, die dann direkt von bedürftigen Familien abgeholt werden. Da ist dann von Blumenkohl bis Obst alles dabei.“

Ganz anders sieht es in Bäckereien aus. In den insgesamt 25 Filialen der Kette „Junge“ in Vorpommern, etwa in Zingst, Grimmen oder Greifswald, liegt auch abends kurz vor Ladenschluss die Theke noch voll. „Die Kunden erwarten zu jedem Zeitpunkt eine Riesenauswahl. Da geht dann abends natürlich auch mehr zurück“, sagt Unternehmenssprecher Gerd Hofrichter. In Stralsund zum Beispiel werden abends übrig gebliebene Backwaren verpackt und am nächsten Morgen abgeholt. Sie werden an Bedürftige weitergegeben oder der Tierverfütterung zugeführt.

Doch das war der Bäckereikette noch nicht genug. „Die produzierten Mengen sind so sehr explodiert. In Deutschland wird mit Lebensmitteln nicht mehr so umgegangen, wie sie es verdient haben“, so Hofrichter. Junge-Geschäftsführer Tobias Schulz kam auf die Idee der „BrotRetter“. In etwa 100 Filialen werden abends Kisten gepackt, die am nächsten Morgen von den BrotRettern abgeholt werden. Sie fahren die nicht verkauften Brote in die beiden BrotRetter-Filialen nach Hamburg und Lübeck. Dort werden sie für etwa die Hälfte des ursprünglichen Preises verkauft. „Bei Weizenbrot ist dies kaum möglich, aber dunkles Brot ist oft am zweiten oder dritten Tag erst richtig gut. Das Konzept kommt sehr gut an“, freut sich Hofrichter. „Wir machen hiermit keinen Gewinn, ganz im Gegenteil, aber so müssen wir den Kunden nicht erzählen, dass Backwaren im Müll landen. In Hamburg retten wir pro Woche etwa 500 Brote. Außerdem tun wir etwas Gutes“. Damit meint Hofrichter nicht nur die Rettung der Lebensmittel. Es geht auch um die Schicksale der Menschen. Viele der BrotRetter sind ehemalige Obdachlose, die nun eine neue Chance bekommen. „Das macht mit den Leuten unheimlich viel, sie haben ein neues Selbstbewusstsein“, weiß Hofrichter.

Viele Hotels hingegen sind gezwungen, Nahrungsmittel zu entsorgen. Im Steigenberger Hotel in Heringsdorf auf Usedom haben die Mitarbeiter keine Wahl. „Die offenen Lebensmittelreste, die auf dem Frühstücksbuffet ausgelegt werden und quasi Gastkontakt hatten, müssen laut einer Richtlinie der Lebensmittelindustrie direkt entsorgt werden“, erklärt Corinna Schmidt, PR-Managerin des Unternehmens.

Lebensmittel, die noch nicht beim Gast waren, versucht das Küchenteam weiter zu verarbeiten, etwa für Tagesangebote im Restaurant oder das Personal in der Kantine“.

Indem sie sehr strikt einkaufen, engagieren sich. Je Produkt wird die Nachfrage berücksichtigt. In der Netto-Filiale in Bergen auf Rügen werden Produkte kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums reduziert. So sollen Pasta, Backwaren oder Molkereiprodukte noch abverkauft werden, bevor sie aus den Regalen müssen. Viel geht auch an die Tafeln im Land. Zudem gibt es immer wieder Aktionen, die auf die Lebensmittelverschwendung aufmerksam machen. Im Mai lief etwa die Initiative „Keiner ist perfekt“. In den Netto-Regalen landeten bundesweit heimische Äpfel und Karotten mit Schönheitsmakeln.

Marcus Bauermann, der sein Unternehmen als Salami-Manufaktur beschreibt, schließt es gleich bei der Produktion aus, später etwas entsorgen zu müssen. „Frischen Unsinn mache ich erst gar nicht. Das ist ein Systemfehler.“ Stattdessen bietet Bauermann seine Salami und Leberwurst im Glas an. „Ich konserviere meine Produkte ordentlich. Das haben Oma und Opa vor 100 Jahren besser hinbekommen als viele Betriebe heute.“

App „Too Good To Go“ rettet Lebensmittel – und spart Geld

Acht Mitarbeiter von „Too Good To Go“ sind ständig in Deutschland unterwegs. Ihre Mission: Restaurant- und Bäckerei-Betreiber von ihrer App überzeugen. Vor gut zwei Jahren wurde sie in Kopenhagen entwickelt. Inzwischen gibt es sie in sechs Ländern – ein siebtes ist in Planung.

Wer sie nutzt, hat viele Vorteile. In ein Suchfeld gibt man seine Stadt ein. Dann werden einem die Bäckereien und Restaurants aufgelistet, die mitmachen. In der App wählt man ein Paket aus, zahlt online einen geringen Betrag, bekommt einen Code und holt sich in einer vorgegebenen Zeit sein Paket ab.

Das können verschiedene Backwaren oder auch ein Sterne-Menü sein. Gemütlich kann dann für den halben Preis geschlemmt werden. Besonders populär ist die App in Berlin.

In Mecklenburg-Vorpommern hingegen, gibt es noch kein einziges teilnehmendes Unternehmen. Deutschlandweit sind bereits rund 1000 Betriebe registriert. Mehr als 300000 Kunden nutzen die kostenlose App.

Weitere Infos: unter www.toogoodtogo.de

Dana Frohbös

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