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Der Glöckner von Pütte beim letzten Geläut

Der Glöckner von Pütte beim letzten Geläut

In der Kirche Pütte wurde Sonntag zum letzten Mal per Hand geläutet, die Glocke bekommt einen Motorantrieb. Und so verabschiedet sich auch Glöckner Ewald Wichering.

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Ewald Wichering ist seit über 25 Jahren in der Pütter Kirche der Glöckner vom Dienst. Mit 80 Jahren verabschiedet er sich in Rente. Weil ein Nachfolger fehlt, bekommen die Glocken nun einen Elektro-Antrieb. FOTOS (2): INES SOMMER

Pütte. Dieser Moment geht in die Geschichte ein: Zum letzten Mal greift Ewald Wichering nach dem Glockenseil im Turm der Pütter Kirche, beginnt, sanft zu ziehen, lässt das Seil aber sofort wieder ein Stück durch die Hände zurückgleiten. Langsam wird sein Zug kräftiger, bis die Glocke über ihm den richtigen Rhythmus schlägt. Fünf Minuten läutet der 80-Jährige an diesem Sonntag die über 100 Jahre alte Glocke. So wie jeden Sonntag in den letzten 25 Jahren. Und wenn er mal keine Uhr dabei hat, zählt er einfach 165-mal den Griff zum Seil.

 

OZ-Bild

Das Modell in der Kirche verkündet: Zwei neue Glocken werden erwartet.

Quelle:

„Das war’s“, sagt der Mann aus Krönnevitz, nachdem er das Seil, das nach Erzählungen von Ewald Wichering von einer NVA-Sturmbahn stammt, ein letztes Mal zum Stillstand bringt. Die Pütter Kirchenglocke ist verstummt. „Ein denkwürdiger Moment“, findet Pastor Stefan Busse und erklärt, dass Glocke samt Läute-Seil schon zum nächsten Gottesdienst abgebaut werden. Die etwa 450 Kilogramm schwere Glocke – im einstigen Dreiergeläut der Dorfkirche die kleinste – wird repariert und mit einem elektrischen Antrieb versehen. Dann entfällt das ohnehin selten gewordene Läuten per Hand.

„Schade eigentlich, aber es hat sich für mich kein Nachfolger gefunden...“, bedauert Ewald Wichering. So lange er denken kann, geht er mit seiner Frau Anneliese zum Gottesdienst nach Pütte. „Mit 55 – da war ich schon im Ruhestand – hörte mein Vorgänger plötzlich auf. Und da ich ja sowieso immer in der Kirche war, hab’ ich mir gesagt: Dann kannst du auch die Glocke läuten.“ Gesagt – und mehr als zweieinhalb Jahrzehnte getan.

Tun einem nicht die Arme weh, wenn man fünf Minuten läutet? „Nö, ich wechsle zwischen rechts und links, aber Muskelkater hatte ich nie“, sagt der Mann, der viel jünger aussieht als 80. Ein schelmisches Grinsen huscht über sein Gesicht. „Das Läuten ist doch jetzt nichts Besonderes...“, sagt er und zeigt, wie man das Seil in der Hand hält. „Das normale Läuten vor dem Gottesdienst dauert fünf Minuten. Bei Beerdigungen geht es natürlich länger“, nickt er bestätigend und schiebt hinterher: „Weihnachten, wenn gemeinsam ,Stille Nacht’ gesungen wird, läute ich auch die ganze Zeit. Also kalt ist einem da nicht.“

Der gelernte Landwirt, der erst in der Wirtschaft des Vaters und nach dem sozialistischen Frühling in der LPG arbeitete, hat bei seinem letzten Läuten in der Pütter Kirche ausnahmsweise viel Publikum um sich herum. Ein kleines Mädchen hummelt so lange, bis es das Seil auch mal anfassen darf. Natürlich nur unter Obhut des Meisters, denn der will sich auch beim letzten Geläut keine Blöße geben – da muss alles klappen.

Ehefrau Anneliese lauscht derweil drinnen der Predigt des Pastors. Ja, das Ehepaar Wichering – er stammt aus Schmedshagen und sie aus Hinterpommern – ist eng mit der Kirchengemeinde Pütte-Niepars verbunden. „Wir haben Jahrzehnte im Chor gesungen – schon in den Zeiten, als der Vater von Stefan Busse noch Pastor von Pütte war“, sagt Anneliese Wichering stolz. Die 75-Jährige, die als Kindergärtnerin und Verkäuferin ihr Geld verdiente, bevor eine schwere Krankheit sie in die Invalidität zwang, hat ihre große Liebe Ewald 1962 geheiratet, an einem Freitag, dem 13. Zwei Kinder wurden geboren. Und in Krönnevitz haben sie sich gemeinsam aus einem Nachkriegs-Behelfsheim ein eigenes Nest gezaubert.

Noch heute sind die Wicherings stolz auf ihr Zuhause in der Krönnevitzer Hauptstraße – auf das Haus, auf die Werkstatt, den Klubraum (in dem schon so mancher Skat gekloppt wurde), die Hühner und natürlich auf den Garten mit Kartoffeln, Tomaten und vielen Blumen. „Wir haben hier immer zu tun. Aber wir sind auch gern und viel unterwegs“, antwortet Ewald Wichering verschmitzt auf die Frage, was die beiden so jung gehalten hat und sagt mit Blick auf seine Anneliese freudig: „Die Koffer für die nächste Reise sind schon gepackt.“

Glockeneinholung ohne Glocken

Das erlebt man auch nicht alle Tage: Da verabredet sich die Kirchengemeinde in Viersdorf, um die Glocken auf dem Weg nach Pütte zu begleiten – und was fehlt, sind die Glocken...

2 neue, aber gebrauchte Glocken sind gekauft. 10000 Euro hat die Kirchengemeinde dafür bezahlt. Doch die fünf und sieben Zentner schweren Stücke ließen am Sonntag auf sich warten. „Ich sollte einen Anruf bekommen. Zur Not hätten wir die Glocken ja selbst abgeholt. Aber auf den Anruf warte ich heute noch“, sagte Pastor Stefan Busse am Sonntag gegenüber der OZ.

Die Gemeinde entschloss sich dann aber, trotzdem mit Kremser und Fahrrad von Viersdorf nach Pütte zu fahren, sozusagen als Sonntagsausflug, gekrönt mit Kaffeetrinken vor der Kirche und anschließendem Gottesdienst.

Für die Gäste hatte die Kirchengemeinde übrigens passend zum Thema eine kleine Sektflasche „Jubilate“ vorbereitet, mit dem die neuen Glocken ja auch später noch bejubelt und begossen werden können.

3 Glocken gehörten einst zum Dreiergeläut der Pütter Dorfkirche. Die beiden größten Klangkörper wurden vor 100 Jahren für die Kriegsmaschinerie geopfert. Seitdem musste Pütte mit einer Glocke auskommen, und die wurde noch per Hand geläutet.

1802 wurde die jetzige Glocke in Stralsund in der Gießerei Metzger gegossen. Sie wird jetzt repariert und mit einem Elektro-Antrieb versehen.

Am 11. Juni soll sie zum Sonntags-Gottesdienst wieder in der Kirche erklingen – dann ist sie die größte Glocke in einem neuen Dreiergeläut. Denn mit der Ankunft der verspäteten zwei neuen Glocken wird in den nächsten Tagen gerechnet...

Ines Sommer

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