Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Stralsund Der Mann, der den Bau der A 20 filmte
Vorpommern Stralsund Der Mann, der den Bau der A 20 filmte
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:10 04.12.2017
Es gibt wohl nur wenige, die die A20 bei Tribsees so gut kennen wie Siegfried Casper. Die Kamera hat er immer dabei. Quelle: Alexander Müller
Anzeige
Tribsees

Der Anruf, der Siegfried Casper aus Tribsees im ganzen Land zu „Mister A20“ machen sollte, kommt morgens um halb neun. Als es klingelt, sitzt er gerade mit seiner Frau am Frühstückstisch - nichtsahnend, was gleich passieren würde. Ein Beamter von der Fernstraßenplanung ist angeblich am Apparat und weist Siegfried Casper rüde zurecht: „Sie treiben sich doch ständig an der A20-Baustelle rum und lenken die Leute ab. Ihnen ist klar, dass Sie da nichts verloren haben?“, fragt er, und mit jedem Wort wird Casper wütender.

„Ich lenke die Leute doch nicht ab“, entgegnet er, „die sagen zu mir: Hey, da biste ja wieder.“ Siegfried Casper filmt zu diesem Zeitpunkt jeden Tag den Baufortschritt an der A20 bei Tribsees - und dieses liebste Hobby will ihm nun jemand wegnehmen. Ein Unding! Er erkennt in seinem Ärger nicht, dass er gerade von NDR-Radio-Scherzkeks Leif Tennemann reingelegt wird. Erst als seine Frau das Lachen nicht mehr halten kann, fliegt der Schwindel auf.

Zwölf Jahre ist dieser Anruf nun her, und mittlerweile ist die Autobahn wieder in aller Munde. Nur zum Lachen ist dabei niemandem mehr zumute. Das ganze Land rätselt, wie ein gewaltiges Stück Asphalt bei Tribsees ins Moor hinabrutschen konnte, sodass dort bis heute ein gewaltiges Loch in der Straße klafft.

Doch einer, der Antworten liefern könnte, wurde bis heute nicht gefragt: Siegfried Casper. Der 78-Jährige kennt dieses Stück Straße so gut wie sein eigenes Haus. Er hat fast jeden Handschlag auf der Baustelle mit seiner Videokamera festgehalten. Der Hobbyfilmer ist so etwas wie der Chronist von Tribsees. Immer, wenn etwas in der Stadt passiert, hält er drauf, natürlich auch beim Bau der A20 über die nahe Trebel.

„Das sind so viele Stunden Material - so viele Stunden gibt es gar nicht.“ Das ist so ein typischer Satz von Siegfried Casper, ein rotgesichtiger Herr im Karo-Hemd, der immer für einen flotten Spruch zu haben ist. Noch so ein Satz lautet: „Wer mit mir über die A20 reden will, kann sogar nachts um Zwölf bei mir klingeln.“

Also reden wir über die A20 - oder besser gesagt, wir schauen sie uns an. Siegfried Casper hat eine DVD mit einem Video vom 24. Oktober 2001 in das Abspielgerät gelegt. Auf dem Bildschirm erscheint eine gelbe Maschine inmitten grüner Landschaft. Der Bau der A20 befindet sich hier westlich der Trebel noch ganz am Anfang. „Ich will hier mal das Baugerät zeigen, mit dem 60000 Löcher ins Moor gebohrt werden“, kommentiert der Filmer die Bilder, die er gerade macht. Er zoomt erst auf die Maschine mit dem länglichen, mehrere Meter hohen Bohrer und schwenkt dann auf die Erde. „Hier kommt Betongemisch rein, um die Fahrbahn zu verfestigen“, erklärt er weiter seinem imaginären Publikum.

Heute weiß Siegfried Casper, dass er damals genau an jener Stelle stand, über die heute alle reden. Die 60 000 dünnen Säulen - das ist genau jenes System, über das nun die Verantwortlichen in der Politik und den beteiligten Firmen streiten, ob es überhaupt für den Bau einer solchen Straße auf morastigem Untergrund geeignet war. „Ich hätte doch damals nie geahnt, dass dieses Video mal von großer Bedeutung sein würde“, sagt Casper.

Der Tribseeser kann etliche Geschichten vom Bau der A20 über die Trebel erzählen. Im Laufe der Jahre hatte er sich mit den Vorarbeitern angefreundet, die ihn überallhin mitnahmen. Es gibt einen Clip, in dem Siegfried Casper bei laufender Kamera in einem Baufahrzeug sitzt und über die provisorischen Schotterpisten rumpelt. Kurz vor der Eröffnung bittet Casper einige Polizisten sogar, ihren Einsatzwagen wegzufahren, sie stünden ihm im Bild. Die gehorchten brav.

Macht es ihn traurig, was nun mit seiner A20 geschieht? „Nein, das ist nun mal so. Da ist wenigstens was los in Tribsees.“ Seit Jahrzehnten hält Casper das Verschwinden seiner Stadt fest. Die Häuser, die erst verfallen und dann abgerissen werden. Die Bahn, die erst an vier Stationen im Ort hielt und jetzt gar nicht mehr nach Tribsees kommt. Und nun die A20, die erst als Hoffnung für die Region galt und nun für ihr Scheitern steht.

Kurz nach dem Abbruch der Autobahn ist Siegfried Casper noch einmal mit seinem Rad rübergefahren und die Böschung hinaufgeklettert. Vielleicht, dachte er, könne er dabei helfen, das Rätsel zu lösen.

Er ruft einem der Arbeiter zu: „Ich weiß, was hier mit dem Boden los ist. Ich habe alles gefilmt.“ Doch der scheucht ihn davon. Wenn er nicht gleich verschwinde, nehme ihm die Polizei den Führerschein ab. Siegfried Casper machte, dass er weg kam. Doch die Lücke in seinem Archiv ließ ihm keine Ruhe. Er verrät zwar nicht wie, doch irgendwie hat er sich die Bilder vom großen A20-Loch dann doch noch besorgt. Für alle Fälle.

Alexander Müller

Stralsund GUTEN TAG LIEBE LESER - Stromlos in Stralsund

Während in den Jamaika-Verhandlungen der Abschied vom Verbrennungsmotor ab dem Jahr 2030 schon früh aufgegeben worden ist, geht Stralsund dennoch voran.

18.11.2017

Viele Stralsunder entdecken als Rentner das Auto wieder für sich. Doch ihr Wunsch nach Mobilität und Freiheit ist auch eine Gefahr. Die Zahl der Unfälle mit älteren Fahrern steigt seit Jahren.

18.11.2017

Nachdem die Polizei im September ein Diebestrio in Rambin geschnappt hat, läuft jetzt die Suche nach Eigentümern der Beute.

18.11.2017
Anzeige