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Der doppelte Direktor

Archiv-Skandal geht in neue Runde: Die Stadt steht vor einer komplizierten Personalentscheidung. Der doppelte Direktor

Regina Nehmzow hat den Chefsessel zurückgeklagt. Aber es gibt schon einen Nachfolger.

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Wird sie wieder historische Schriften wie die des portugiesischen Mathematikers Francisco de Mello (1490-1536) begutachten können? Dr. Regina Nehmzow war mit ihrer Klage gegen die fristlose Kündigung als Leiterin des Stadtarchivs vor dem Arbeitsgericht erfolgreich.

Quelle: Jens Köhler

Stralsund. Ironie des Schicksals: Der Beauftragte der Hansestadt für historische Bibliotheken, Dr. Burkhard Kunkel, versichert am Dienstag, dass die Stadt seit dem Bekanntwerden des Schimmelbücher-Skandals „alles richtig“ gemacht habe. Fast zeitgleich gibt das Stralsunder Arbeitsgericht der gekündigten Archivdirektorin Dr. Regina Nehmzow (56) in ihrer Klage auf Wiedereinstellung Recht.

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Wird sie wieder historische Schriften wie die des portugiesischen Mathematikers Francisco de Mello (1490-1536) begutachten können? Dr. Regina Nehmzow war mit ihrer Klage gegen die fristlose Kündigung als Leiterin des Stadtarchivs vor dem Arbeitsgericht erfolgreich.

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„Nun haben wir den Salat. Es ist eingetreten, was wir schon befürchten mussten“, sagt der Bürgerschaftsabgeordnete Niklas Rickmann (SPD). Das Urteil sei zu respektieren. Er hätte sich ein klügeres Agieren der Verwaltung gewünscht. Wie eine Lösung aussieht, stehe nun in den Sternen.

Dr. Ronald Zabel (CDU/FDP-Fraktion) spricht im Zusammenhang mit dem Urteil von einem Formfehler der Stadt, weil es vor der Kündigung keine Abmahnung gegeben habe. Die inhaltliche Auseinandersetzung mit Fehlern der Archivchefin stehe dagegen noch aus. Das sei möglicherweise in einem Strafrechtsverfahren zu klären. „Es liegt eine Anzeige wegen Untreue gegen Regina Nehmzow vor“, bestätigte Oberstaatsanwalt Ralf Lechte. Ob ein Verfahren eröffnet werde, entscheide sich in zwei bis drei Monaten.

Bereits in der vergangenen Woche hatte sich der Hauptausschuss für Dr. Dirk Schleinert (47) als neuen Archivdirektor bei einer Gegenstimme und einer Enthaltung entschieden. Der gebürtige Greifswalder ist im Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt beschäftigt. Eigentlich soll er am 1. November seine Tätigkeit am Sund aufnehmen. Allerdings hängt das davon ab, wann er sein Beschäftigungsverhältnis in Magdeburg auflösen kann.

Der Historiker und Archivar wollte sich gestern nicht zu dem Thema äußern. Von einem Bekannten hatte er am Morgen davon erfahren, dass Regina Nehmzow ihren Rechtsstreit gewonnen hat. Hier liegt für Niklas Rickmann das Problem: „Eine kuriose Situation: Wir haben jetzt zwei rechtskräftige Arbeitsverhältnisse, zwei Archivleiter.“ Ronald Zabel hält die Entscheidung des Hauptausschusses keineswegs für verfrüht. „Die Einstellung eines ausgewiesenen Fachmanns war längst überfällig.“ Unter der Leitung von Frau Nehmzow seien „ falsche Beurteilungen“ historischer Bestände vorgenommen worden, was zum Verkauf wertvoller Bücher führte. Das habe deutschlandweit zu einem Aufschrei geführt. „Jetzt muss jemand her, der das fachlich richtig bewerten kann.“

Dass Regina Nehmzow ein Arbeitsplatz zugesprochen wird, „der ihrer Qualifikation entspricht“, fordert Kulturausschuss-Vorsitzender Wolfgang Meyer (Die Linke). Seine Fraktion hatte sich im Hauptausschuss enthalten. „Die Entscheidung wirft neue Fragen auf. Auch zu den Kosten“, sagt Meyer. Er bedauere, dass der von seiner Fraktion geforderte Untersuchungsausschuss nie zustande gekommen war.

„Abwarten, wie die Stadt reagiert“, will zunächst Michael Philippen (Bürger für Stralsund). Für Jürgen Suhr (Forum Kommunalpolitik) „macht es keinen Sinn, wenn die Stadt jetzt in Berufung geht“. Die Situation werde sich nicht ändern. Seine Fraktion habe das Gerichtsurteil kommen sehen und wollte eigentlich einen Antrag auf Änderungskündigung einbringen. Vor dem Hintergrund, dass die „schwerwiegenden Verfehlungen“ von Regina Nehmzows keine weitere leitende Funktion zulassen, aber wohl den Erhalt ihres Arbeitsverhältnisses. Dazu kam es aber nicht. Jetzt müsse sich die Stadtspitze mit der Archivarin an einen Tisch setzen, um zu einer Lösung zu kommen.

Peter Koslik, Pressesprecher der Stadtveraltung, verweist darauf, dass in der mündlichen Urteilsbegründung deutlich wurde, „dass das Gericht Pflichtverstöße von Frau Dr. Nehmzow bejaht hat“ und deshalb die Einleitung arbeitsrechtlicher Schritte gerechtfertigt war. Jetzt wolle man das schriftliche Urteil abwarten. Danach werde über das Einlegen von Rechtsmitteln und den weiteren Umgang mit Regina Nehmzow entschieden. Weiter wolle man sich nicht äußern, da strafrechtliche Ermittlungen gegen Regina Nehmzow laufen. Die Frage der Neubesetzung des Direktorenpostens sei unabhängig vom Rechtsstreit entschieden worden.

Chronologie der Ereignisse
17. Oktober 2012: Schimmelalarm im Stadtarchiv: Die Stadt hatte einen Teil der ehemaligen Gymnasialbibliothek an einen Antiquar verkauft. Der erkannte den schlechten Zustand der Bücher.

Das Archiv bleibt für die Öffentlichkeit geschlossen.


5. November 2012: Aufschrei unter Historikern und Archivaren — die Gymnasialbibliothek hätte nie verkauft werden dürfen. Das bestätigt später ein externer Gutachter. Bekannt wird zudem, dass es gängige Praxis war, Bücher aus dem Archiv zu verkaufen. Die Gymnasialbibliothek wird zurückgekauft.


12. Dezember 2012: Archivdirektorin Regina Nehmzow wird fristlos entlassen.


21. Februar 2013: Im Archiv beginnt die Reinigung der Schimmelbücher.


3. September 2013: Das Arbeitsgericht erklärt die fristlose Kündigung von Regina Nehmzow für Unrecht.

In der münd- lichen Urteilsbe- gründung wurde auch deutlich, dass das Gericht Pflichtverstöße von Frau Dr. Nehmzow bejaht hat.“Peter Koslik, Presse- sprecher der Hansestadt

 

Marlies Walther und Jens-Peter Woldt

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Stralsund
Darf Regina Nehmzow wieder als Archivdirektorin in Stralsund arbeiten? Hier präsentiert die zeitgenössische Abschrift eines Briefs von martin Luther, die sich im Bestand der Stralsunder Sammlung befindet. Die Aufnahme stammt aus dem Jahre 2011.

Das Stralsunder Arbeitsgericht hat entschieden, dass die wegen des Skandals um schimmelbefallene Bücher Entlassene wieder eingestellt werden soll.

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