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Der verlängerte Arm des Lehrers

Stralsund Der verlängerte Arm des Lehrers

Mit ihrem Job sorgen sie für Sicherheit in der Hansestadt. Hier geben Polizisten Einblick in ihre Arbeit.

Stralsund. Das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern ist mitunter gewissen Spannungen ausgesetzt. Vor allem der Schüler gerät dann schnell in die Gefahr, den Kürzeren zu ziehen – etwa, wenn er Lehrers richtungsweisende Worte falsch auslegt.

Serie

Polizeigespräch

„Es stand Gruppenarbeit auf dem Stundenplan, eine jener Unterrichtsstunden, die eigentlich das Zusammenarbeiten befördern sollen“, sagt Kriminalhauptmeister Heiko Lutzke. „Deshalb geht es dabei meist auch etwas lockerer zu.“

Die Tür zum Klassenraum stand offen, einige der Realschüler arbeiteten im Raum, andere auf dem Schulflur. Die Atmosphäre war wohl ziemlich entspannt. Zumindest so lange, bis ein 13-Jähriger aufstand, um sich einen seiner Bleistifte am Papierkorb anzuspitzen. „Dabei steuerte er schnurstracks auf einen Pulk beschäftigter Mädchen und Jungen zu“, weiß der Ermittler. Den Ruf der Lehrerin, doch besser durch den freien Mittelgang zu gehen, um die anderen nicht zu stören, überhörte er offenbar.

Ein Klassenkamerad hatte die Worte jedoch vernommen, und er sah den Jungen samt Anspitzer auf die arbeitende Gruppe zukommen. Als der schnell hinter ihm durchhuschen wollte, klemmte er den Mitschüler samt Bleistift zwischen der Rückenlehne seines Stuhls und der Wand des Klassenraums ein. Nach etwas Gerangel kam der Eingeklemmte frei und beschwerte sich lautstark, was das solle. Sei 14-jähriger Gegenüber berief sich auf die Ansage der Lehrerin, wonach der Mittelgang benutzt werden sollte.

Das wollte sich der Jüngere nicht einfach so gefallen lassen und piekte seinem Kontrahenten mit dem Plastelineal in den Bauch. Der wiederum sah nun rot und ging dem Piekser mit einem Würgegriff an den Hals. „Der Griff war nicht gerade harmlos, denn der Junge schob sein Opfer am Hals die Wand hoch“, berichtet der Kriminalist. Der Strangulierte wird später aussagen, ihm sei dabei schwarz vor Augen geworden. Die Lehrerin stand zu weit weg, um unmittelbar eingreifen zu können. Es war ein Mitschüler, der die beiden auseinanderbrachte, bevor noch etwas Schlimmeres passierte.

Inzwischen hatte auch die Lehrerin wieder zu Worten gefunden. Über dem Würger ging eine ordentliche Standpauke nieder. Der allerdings verstand jetzt die Welt überhaupt nicht mehr und fühlte sich zu unrecht beschimpft. Schließlich habe er doch nur den Befehl der Lehrerin durchsetzen wollen – gewissermaßen als ihr verlängerter Arm. Zutiefst beleidigt, schnappte er sich seine Mappe und stürmte aus dem Schulhaus.

Das Opfer stellte sich beim Arzt vor, der den Jungen zwei Tage krankschrieb. Es folgte eine Anzeige wegen Körperverletzung.

Damit erhielten die beiden Streithähne Gelegenheit, wechselseitig auf dem Kriminalkommissariat zu jeweils ausführlichen Gesprächen vorbeizuschauen. „Bei der Befragung räumte der Ältere der beiden ein, dass er durchaus leicht reizbar sei“, erzählt der Kriminalist. Auf die Frage, wann er sich denn vor allem gereizt fühle, folgte eine schnelle Antwort: Meistens, wenn er ungerecht behandelt werde. Anscheinend gibt es da noch etwas Diskussionsbedarf zu der Frage, was ist wann gerecht oder besser: richtig.

Auf jeden Fall hat sich der Delinquent bei seinem Mitschüler entschuldigt. Eine Geste, die vielleicht der Staatsanwalt berücksichtigt, der die abgeschlossene Untersuchungsakte zu dem Streitfall zugeschickt bekam.

Jörg Mattern

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