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„Die geplante Verzwergung abwenden“

„Die geplante Verzwergung abwenden“

In Stralsund wird seit einigen Wochen über den Wiederaufbau der Orgel in der St. Jakobikirche diskutiert

Welches Instrument soll in Zukunft in der Jakobikirche wieder erklingen? Eines, das dem letzten funktionierenden an dieser Stelle nachempfunden ist oder ein modernes, fast vollständig neu erbautes Klangwerk? Bislang war Konsens, dass die Orgel so wieder aufgebaut wird, wie sie der Stralsunder Orgelbauer Friedrich Albert Mehmel (1827-1888) übergeben hat. Dieser Weg soll nun zugunsten eines Neubaus verlassen werden. Drei Meinungen zu diesem Thema.

Mutig an eine große Tradition anknüpfen

Wer einmal das Glück hatte, den Klang der Orgeln des Aristide Cavaillé-Coll (1811-1899) in den großen Pariser Kirchen St. Sulpice, St. Eustache oder gar in der Kathedrale Notre-Dame zu erleben, der weiß, zu welcher Kraft und vollendeter Schönheit der romantische Orgelbau Ende des 19. Jahrhunderts fähig war.

Bis zu der Entscheidung der Orgelkommission Ende April konnten wir Vorpommern uns darauf freuen, in der Stralsunder Sankt-Jakobi-Kirche bald wieder ein Instrument zu hören, welches in seiner französisch-romantischen Disposition nicht nur in Deutschland geradezu einzigartig ist, sondern wegen seiner Ausmaße und seiner klanglichen Perfektion zur Spitze des europäischen Orgelbaus gehört.

Der Stralsunder Orgelbauer Friedrich Albert Mehmel (1827-1888) hat anno 1877 ein Instrument geschaffen, das mit seinen 3500 Pfeifen und 69 Registern nicht nur die größte Orgel der Hansestadt war, sondern nach Ansicht der Zeitgenossen auch klanglich Maßstäbe setzte. Es ist nicht zuletzt ein herausragendes Beispiel pommerscher Handwerkskunst auf europäischem Niveau, das auch heute veranschaulicht, wozu die Menschen unserer Region fähig sind.

Stralsund hat nun die einmalige Chance, durch den Wiederaufbau der Mehmel-Orgel an seine Tradition als europäische Kulturstadt anzuknüpfen. Man stelle sich vor, wie neben der frühbarocken Stellwagen-Orgel und der frühromantischen Buchholz-Orgel eine wiedererrichtete spätromantische Mehmel-Orgel die Hansestadt zu einer Orgelstadt machen würde, wie es nur wenige in Europa gibt. Man stelle sich vor, wie hier die Kompositionen eines Charles-Marie Widor, Charles Gounod oder Louis Vierne erklingen könnten. So würde hörbar werden, wie hanseatischer Bürgerstolz und Schaffenskraft außergewöhnliche Werke hervorgebracht haben, die zu Recht zum Erbe der Menschheit gehören.

Es wäre wünschenswert, an diese große Tradition – die nichts Ängstliches oder Enges hatte, sondern Europäisch war und auf der Höhe der Zeit – mutig anzuknüpfen und sie fortzuschreiben.

Zum Abschluss noch ein Wort zur Machbarkeit. Die Orgel ist nach Einschätzung des bestellten Experten rekonstruierbar. Die finanziellen Voraussetzungen sind gegeben. Praktische Hindernisse gibt es somit keine; allein unhanseatischer Provinzialismus steht der Wiedererrichtung von Mehmels Hauptwerk im Weg. Stralsund ist nicht Provinz. Die geplante Verzwergung kann abgewendet werden. Ein Gewinn wäre es allemal, nicht nur für Stralsund.

Dr. Sascha Ott, CDU-Landesvorstand

Den Namen Mehmel-Orgel unbedingt weiter erhalten

Dem lokalen Chefredakteur der OZ, Herrn Fischer, kommt das Verdienst zu, mit mehreren Artikeln das Thema nachhaltig in die Öffentlichkeit gebracht zu haben. Allerdings gibt es in den Artikeln mehrere Stichworte („ausgemehmelt“ und „Etikettenschwindel mit Sinn“), die dem Bürgerkomitee „Rettet die Altstadt Stralsund“, das sich seit längerer Zeit um die Rekonstruktion bemüht, natürlich nicht so ganz gefallen. Es geht im Kern um die Fragen, wie die Orgel rekonstruiert werden und wie man die Orgel dann nennen soll.

Einigkeit besteht insoweit, dass vor allem der Prospekt oder die sichtbare Fassade der Orgel wiederhergestellt werden soll. Dies ist vom Denkmalschutz her der wichtigste Teil der Orgel. Es ist ein barocker Prospekt, in den der Stralsunder Orgelbauer Mehmel im 19. Jahrhundert seine große Orgel eingefügt hat. Von der Klangfarbe her war sie eine romantische Orgel, geeignet vor allem für das Spiel der großen Komponisten des 19. Jahrhunderts, vor allem von Franz Liszt. Die Mehmel-Orgel ist leider unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg sehr stark zerstört worden.

Das Bürgerkomitee hat von Anfang an die Meinung vertreten, dass die Mehmel-Orgel restauriert werden und das der Name Mehmel erhalten bleiben müsse. Der Orgelbauer Eule vertritt die Auffassung, dass eine solche Rekonstruktion möglich sei. Die vom OB Badrow eingesetzte Orgelkommission, in der allerdings nur ein einziger Orgelbauer sitzt, ist anderer Meinung; sie will eine neue Orgel bauen lassen, die dann auch einen anderen Namen haben müsse.

Das Bürgerkomitee sieht hier die folgende Lösung: Zunächst muss natürlich sehr gründlich geprüft werden, ob eine Rekonstruktion der Mehmel-Orgel möglich ist. Sollte das nicht der Fall sein, führt kein Weg am Bau einer neuen Orgel vorbei. Auch diese neue Orgel würde – nach außen unsichtbar – in den barocken Prospekt eingefügt, wie das auch Mehmel gemacht hat. Deshalb kann und sollte der Name Mehmel-Orgel unbedingt weiter erhalten bleiben. Einmal ist Mehmel ein Stralsunder Orgelbauer, dem hier ein Denkmal erhalten bleiben soll. Und zum anderen sind alle Werbe- und Einwerbemaßnahmen bislang unter dem Namen Mehmel-Orgel gelaufen. Das muss unbedingt so bleiben.

Rupert Eilsberger (SPD), Bürgerkomitee „Rettet die Altstadt Stralsund“

Konfuse Situation

Über einen langen Zeitraum hinweg ist in Stralsund unter maßgeblicher Beteiligung der Kirchenmusiker sehr umfangreich und engagiert dafür geworben worden, das beschädigte Werk des Stralsunder Meisters Mehmel wiederauferstehen zu lassen. Es ist gelungen, für ausschließlich diesen Zweck Zuwendungen des Bundes und der Hansestadt einzuwerben. Die restaurierungstechnische Machbarkeit ist vor langer Zeit nachgewiesen und seither mehrfach aktuell bestätigt worden. Jetzt könnte es eigentlich losgehen. Eigentlich. Denn die Kirchenmusiker haben relativ kurzfristig ihren lange und wortreich vertretenen Standpunkt verlassen, um jetzt aus persönlich-künstlerischen Gründen die eingeworbenen Millionen umzulenken auf einen Orgelneubau gänzlich anderer Prägung unter Einschuss der endgültigen Aufgabe der Orgel von Mehmel. In der vorhandenen Substanz in der Jakobikirche kann diese Mutation nicht begründet sein. Sie hat sich nicht verändert in den vergangenen Jahrzehnten.

Leider ist – auch durch den Beitrag in der OZ vom 10. Juni („Etikettenschwindel mit Sinn“) – die sehr geschlossene Situation jetzt widersprüchlich und konfus. Sie ist geeignet, die Begeisterung für dieses Projekt zum Absterben zu bringen. Bitte kehren Sie zurück zu jenem Ziel, dem wir uns alle verpflichtet gefühlt haben!

Eckehard Lüdke, Orgelbaumeister

OZ

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