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Stralsund „Dieses Getreide ist Sondermüll“
Vorpommern Stralsund „Dieses Getreide ist Sondermüll“
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00:02 23.06.2018
Vorpommern

Notreife bei Getreide. Schwache Ähren. Kleine Körner. Miese Erträge. Unterirdische Preise. Das Szenario für den Erntesommer 2018 in Vorpommern kann düsterer kaum sein. „Es wird ein ganz bitteres Jahr. Das hat nichts mit Jammern zu tun. Aber am Ende wird es um die Existenz von Betrieben gehen“, schätzt Marco Gemballa von der Agrargesellschaft Zinzow (Kreis Vorpommern-Greifswald) und stellvertretender Vorsitzender des Bauernverbandes Ostvorpommern ein.

Nach der langen Trockenheit rechnen Vorpommerns Bauern mit extremen Verlusten von bis zu 30 Prozent bei Getreide und Futter

Schon jetzt stehe fest: „Die Erträge und Qualitäten sind extrem schlecht“, sagt Gemballa aus den ersten Erfahrungen im Süden an der Landesgrenze, wo bereits geerntet wurde. Gerste müsse im Normalfall um die 62 Kilo pro Hektoliter wiegen. Gebracht habe das Getreide dort gerade mal 45 Kilo pro Hektoliter. „So etwas habe ich in meinem Leben noch nicht gehört. Das ist Sondermüll. Geht weder für die Tierfütterung noch für den Export“, sagt der Landwirt.

Es sei kein Mehlkörper im Korn. Eine sinnvolle Nutzung falle ihm da nicht ein. Mais und Rüben könnten von dem jetzigen Regen vielleicht noch profitieren. Aber bei Raps, Weizen, Gerste und Roggen, die 80 Prozent auf den Feldern ausmachen, seien „die Messen gelesen“. Ebenso würden bei Erntegut, das für die Biogas-Anlagen gehäckselt wird, die Erträge unter 30 Prozent des Durchschnitts liegen.

Dadurch sei eine vernünftige Gas-Produktion kaum möglich. Das dritte schlechte Jahr in Folge mache deutlich: „Die Landwirte in MV sind erheblich auf Mittel von Brüssel angewiesen“, so Gemballa.

Jegliche Diskussion gegen die Direktzahlungen der EU würde sich verbieten.

Auch der Geschäftsführer des Bauernverbandes Nordvorpommern, Christian Ehlers, rechnet „mit massiven Einbußen zwischen 25 und 30 Prozent. Der Regen kam für die Gerste zu spät.“ Vor allem Gebiete mit leichten Sandböden im Süden des Landkreises, die kein Wasser speichern, seien betroffen.

Hier nennt Ehlers die Bereiche Bad Sülze und Tribsees. „Wir haben eine sehr angespannte Situation.“ Nächste Woche wollen mehrere Bauern mit dem Probedrusch beginnen. Dann wisse man mehr. Einzig die Landwirte an der Küste hätten durch den Tau einen kleinen Vorteil bei der Trockenheit gehabt, erklärt Ehlers, der auch im Kreistag Vorpommern-Rügen sitzt.

Das kann Walter Lonskowski, Vorsitzender des Bauernverbandes Rügen, zwar bestätigen. Aber dennoch rechnet auch er auf der Insel mit Verlusten bei Getreide von „mindestens 25 Prozent“. „Wie sich das finanziell auswirkt, müssen wir sehen. Zu den Qualitäten können wir noch keine Aussagen treffen“, sagt Lonskowski. Derzeit stehe das Getreide noch. „Probleme werden wir auch beim Futter kriegen“, macht er deutlich. Beim ersten Schnitt seien bereits Verluste zwischen 30 und 40 Prozent eingefahren worden. Jetzt stehe der zweite Schnitt bevor – „mit insgesamt massiven Ausfällen“.

„Ohne Wasser keine Nährstoffe, ohne Nährstoffe kein Wachstum. Doch wenn das Korn keinen Mehlkörper hat und nur aus Schale besteht, nehmen uns das die Mühlen gar nicht ab. Dann kannst du das auf den Müll hau’n“, schimpft Landwirt Hans-Walter Blunck aus Lüssow und ergänzt: „Mit Einbußen müssen wir rechnen, aber ich hoffe, dass wir die Ernte loswerden.“ Für Mais, Zuckerrüben und Erbsen hat er noch Hoffnung, da könnte der Regen jetzt noch etwas helfen. Aber beim Getreide sieht Blunck, der den Betrieb am 1. Juli an seinen Nachfolger übergibt, schwarz und sagt: „Ein Jahr verkraftest du das, im zweiten Jahr wird’s eng, doch die dritte schlechte Ernte in Folge bedroht bei einigen schon die Existenz.“

Ganz so dramatisch sieht es Aurel Hagen nach dem Rundgang über seine Felder rund um Stralsund nicht. Der Landwirt aus Wendorf meint: „Wir haben es ja an der Küste immer etwas kühler, nachts auch feuchter. Also ich rechne nicht mit einer Katastrophe. Wir müssen erst mal anfangen mit dem Dreschen, und dann gucken wir, was rauskommt“, will der Bauer keine Panik schieben. Man könne ja schlechtere Erträge zu Futter verarbeiten.

Wie sein Lüssower Nachbar will auch Aurel Hagen Ende Juni, Anfang Juli mit der Ernte beginnen. „Das ist 10 bis 14 Tage früher als sonst. Ich bin gespannt, welche Ergebnisse wir dann haben.“

Marlies Walther/ines Sommer

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