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Ein Offizier wird Psychologe und Seilgärtner

Greifswald Ein Offizier wird Psychologe und Seilgärtner

Michael Schicha war im Afghanistan-Einsatz, heute leitet er einen Kletterpark

Greifswald. Es ist schon eine Kehrtwende, die Michael Schicha in seinem Leben hingelegt hat: Zwölf Jahre lang arbeitete er bei der Bundeswehr, entschied Personalangelegenheiten mit, übte aber auch auf Trainingsplätzen, auf Zielscheiben zu schießen – um im Ernstfall Konflikte mit der Waffe zu lösen.

 

OZ-Bild

Hängt nur hier in den Seilen: Michael Schicha im Greifswalder Kletterpark.

Quelle: Foto: Sybille Marx

Heute macht er so ziemlich das Gegenteil: Als Psychologe forscht der 36-Jährige an der Universität Greifswald, hat den Kletterwald neben dem Greifswalder Volksstadion aufgebaut und hilft dort Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, auf friedliche, spielerische Art Konflikte zu lösen – die im Inneren und auch die in der Gruppe.

„Das ist Erfüllung für mich“, sagt Schicha mit seiner sanften, freundlichen Stimme. „Weil ich total naturverbunden bin und es mir so wichtig ist, dass Kinder und Jugendliche nicht nur Medien konsumieren, sondern auch ihren Körper spüren, an ihre Grenzen gehen.“ In schwindelerregender Höhe zum Beispiel auf Brettern, die mit Seilen zu wackligen Wegen verbunden sind. „Selbsterfahrung ist wichtig, um Selbstbewusstsein zu entwickeln“, sagt er. Und im Kletterwald könne man auch als Gruppe Stärkendes erleben, etwa: „Wir können uns aufeinander verlassen.“

Ein Afghanistan-Einsatz im Jahr 2005 hatte bei Schicha den Veränderungsprozess angestoßen. „Wir waren in der Hauptstadt Kabul stationiert“, erzählt er, die Truppe sollte den Aufbau der völlig zerstörten Infrastruktur koordinieren helfen. „Ich hatte erwartet, dass uns ständig Kugeln um die Ohren fliegen würden“, erzählt er. Doch tatsächlich geriet er als Soldat kein einziges Mal in eine Kampfhandlung. Etwas anderes aber traf ihn mitten ins Herz: die Beobachtung, wie die Afghanen in den Ruinen lebten. „Die besaßen fast nichts, wirkten aber extrem glücklich“, erzählt er. Und der Zusammenhalt in der Großfamilie war sichtlich stark. „Das hat mich total beeindruckt.“

Schicha begann nachzudenken. Darüber, welche Werte in Deutschland gälten, warum die Familie hier einen so geringen Stellenwert habe, Konsum und Leistung so wichtig schienen. Und darüber, welche Werte er selbst verfolgte.

In Cottbus in Südbrandenburg ist er aufgewachsen. „Nach dem Abitur habe ich mich für zwölf Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet, weil ich dort Entwicklungsmöglichkeiten hatte“, einen sicheren Arbeitsplatz, Aufstiegschancen. Dass man körperlich an die Grenzen ging, reizte ihn ebenfalls. Und der Drill? „Das war bei uns nicht so krass“, sagt er. Die Kameraden hätten sich als Gemeinschaft erlebt, zumal auch bei den Vorgesetzten pädagogische Kompetenz da gewesen sei. „Aber das Pädagogische war dort natürlich nur Mittel zum Zweck: damit man reibungslos zusammenarbeitet“, sagt er. „Mir selbst geht es mit der Pädagogik darum, dass Kinder Gemeinschaft erfahren, sich als selbstwirksam erleben.“ Um ihrer selbst willen.

Auf Kabul folgten weitere Erlebnisse, die Schicha nachdenklich machten, etwa der Besuch eines Gottesdienstes, in dem der Pfarrer zu mehr Gemeinschaft aufrief. 2010 hängte Schicha die Offiziersuniform an den Nagel und wurde Psychologiestudent. Erst in der Bankenstadt Frankfurt am Main, die ihm nicht gefiel – dann in Greifswald.„Hier leben so viele verschiedene Menschen auf kleinem Raum, und jeder hat mit jedem zu tun“, schwärmt er. In diesem Mikrokosmos fühlt er sich wohl.

Im Studium konzentrierte sich Michael Schicha auf Entwicklungs- und Sozialpsychologie. Mit anderen Engagierten gründete er 2014 den Klettergartenverein, baute den Hochseilgarten auf. Schicha hatte als Soldat einmal eine Bergtour in den Alpen mitgemacht, hatte dort geschwitzt, gekeucht, im überraschend fallenden Schnee gefroren und immer wieder die überwältigenden Blicke ins Tal genossen. „Ich habe mich dort so sehr am Leben gefühlt“, sagt er. Der Kletterpark ist sein Versuch, die Berge nach Greifswald zu holen und Menschen neue, körperliche Erfahrungen zu ermöglichen.

Am liebsten würde Schicha den Seilgarten mit erlebnispädagogischen Angeboten hauptberuflich betreiben. „Aber es ist schon schwer, überhaupt nur kostendeckend zu arbeiten“, seufzt er. Dem Verein sei es wichtig, die Eintrittspreise niedrig zu halten, die Betreuung durch geschulte Trainer hoch, die Aufenthaltsdauer für die Besucher lang. „Die Leute sollen mit positiven Lernerfahrungen wieder rausgehen.“ Das scheint zu klappen. „Wir kriegen sehr viel positive Resonanz“, sagt Schicha. In seiner Denkwelt ist auch das viel wert.

Kletterwälder in Vorpommern

Die meisten Kletterparks im Raum Vorpommern gibt es derzeit auf Rügen: in der Inselhauptstadt Bergen, in Prora und in Altefähr. Weitere Waldseilparks warten in Born auf dem Darß, in Greifswald neben dem Volksstadion (siehe Beitrag oben) und in Ückeritz auf Usedom auf Besucher. Wer etwas weiter fahren möchte, findet auch in Ueckermünde einen Kletterwald. Geöffnet sind die meisten Waldseilparks von Frühjahr an bis in den Herbst hinein. Die Preise sind meist davon abhängig, wie lange man im Kletterwald unterwegs ist. Erwachsene zahlen zum Beispiel in Altefähr für 2,5 Stunden 18 Euro, in Born auf dem Darß für drei Stunden 20 Euro und in Ückeritz auf Usedom für zwei Stunden 18 Euro.

Sybille Marx

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