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Stralsund Ein Zuhause mit ganz viel Geschichte
Vorpommern Stralsund Ein Zuhause mit ganz viel Geschichte
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00:01 25.10.2017
Jen (19) und Pascal (18) haben bei dem Projekt „Zeitensprünge“ mitgemacht und die reiche Geschichte des Hauses in der Frankenstraße 43 erforscht. FOTOS (4): MARLIES WALTHER

Eigentlich stand es schon kurz vor dem Abriss – das Haus in der Frankenstraße 43. So hatte es die Stadt Stralsund 1977 beschlossen. Aber irgendwie überlebte die Ruine und schaffte es über die Wende. 2003 wurde der Gebäudekomplex, zu dem auch die Frankenstraße 43 a und b gehören, aufwändig von der ter Smitten Immobilien GmbH saniert. Am 1. Juni 2004 mietete sich der Stralsunder Chamäleon-Verein ein. Seitdem wohnen dort Jugendliche mit Suchtproblemen. Und die wollten wissen, wer in den Jahrhunderten vor ihnen in den alten Mauern gelebt haben.

Jugendliche des Chamäleon-Vereins wollten wissen, wer in der Frankenstraße 43 gelebt hat

Programm Zeitensprünge

Seit 2003 organisiert der Landesjugendring MV das Programm „Zeitensprünge“.

Mehr als 5000 Jugendliche haben in diesem Zeitraum in fast 500 Projekten regionale Geschichten gesammelt und erforscht.

Aufspüren, Entdecken, Erforschen heißt es auch beim 14. Jugendgeschichtstag am 21. November im Schweriner Schloss. Der Stralsunder Chamäleon-Verein ist mit dabei.

Genau das fanden sie über das Projekt „Zeitensprünge“, das vom Landesjugendring MV gefördert wird, heraus. Entstanden sind eine kleine Broschüre und eine Ausstellung. „Einen Frisör hat’s hier mal gegeben. Und eine Limonadenfabrik“, erzählt Jen. Die 19-Jährige gehört mit Pascal (18) zu der Gruppe, die sich intensiv mit der Historie befasst hat.

„Wer wohnt heute schon in einem Kemladen“, sagt Chamäleon-Mitarbeiterin Christine Jendsch, die das Projekt „Unser Zuhause – Ein Haus mit Geschichte“geleitet hat. „Es ist schön für die Jugendlichen, dass sie wissen, wo sie leben“, findet sie. Und was sie außerdem freut: Das Interesse für die Arbeit zur Hausgeschichte sei überaus groß. Allein bei der Premiere der Ausstellung zur Langen Nacht des offenen Denkmals im September wurden rund 800 Besucher gezählt.

„Ohne die Unterstützung des Stralsunder Historikers Dr. Andreas Neumerkel wären wir aber nie so weit gekommen“, berichtet Christine Jendsch über die Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv. „Dass es am Ende so umfangreich wurde, hätten wir am Anfang aber auch nicht gedacht“, beschreibt sie.

Im Jahr 1647 sind auf dem so genannten Staude-Plan, der Einblick in die Bebauung der Stadt gibt, auf den Grundstücken 43 und 43 a noch zwei große Giebelhäuser zu sehen. Die Fläche reicht von der Frankenstraße bis an die damalige Straße an der Frankenmauer. Vorder- und Hinterhaus waren durch den sogenannten Kemladen miteinander verbunden. Der Kemladen war der eigentliche Wohnraum des Kaufmanns und seiner Familie. Im querstehenden Speichergebäude wohnte in abgeschlagenen Kammern das Gesinde. Der Name Kemlade leitet sich übrigens von Kemenate ab. Als der Große Kurfürst von Brandenburg mit seinen Truppen die Stadt im Jahr 1678 belagerte, wurden die Giebelhäuser zerstört. Nur noch die mittelalterlichen Grundmauern waren vorhanden. Noch 1706 wurde der Bereich als öde und leer beschrieben.

Ab 1720 setzte in der Stadt jedoch ein regelrechter Bauboom ein. Fischer Johann Suhr errichtete ein kleines, zweigeschossiges Traufenhaus. Fortan lebten dort Schiffer, eine Witwe, Branntweinbrenner oder ein Kaufmann. Verbunden ist das Ensemble aber auch mit der Stralsunder Spielkartenfabrik. 1866 war Friedrich Wegener mit seiner Manufaktur aus der Jacobiturmstraße 12 übergesiedelt. Weitere Kartenfirmen folgten. Der Standort wurde in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts aufgegeben. Ab 1891 gehörte das Grundstück dem Kaufmann Otto Dornheckter. Der Königliche Hof-Eisenbahn- Spediteur besaß eine Speditionsfirma.

Sechs Jahre später war es der Schmiedemeister Carl Strüsing, der eine Schlosserwerkstatt neben dem Wohnhaus errichten wollte. Das wurde ihm 1897 erlaubt. Strüsing ließ 1901 im Wohnhaus ein Schaufenster einbauen. Um 1905 befand sich dort das Zigarrengeschäft von Friedrich Körth. Ab 1911 führte der Jude Simon Steinfeld ein Möbel- und Kredithaus. Dieses Kapitel gehört zu den traurigsten und bewegendsten der Hausgeschichte, denn mit seiner Frau Amelie wurde Steinfeld deportiert und in Piaski ermordet. 1938 zog Friseur Karl Loose ein. Und August Luutz hatte seit Mitte der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts seine Limonaden- und Mineralwasserfabrik in der Nummer 43a.

Marlies Walther

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