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Stralsund Einsatz zwischen Schock und Wut, Trauer und Freude
Vorpommern Stralsund Einsatz zwischen Schock und Wut, Trauer und Freude
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00:01 09.05.2016
Zurück aus Griechenland: Dirk Pfefferkorn (l.), Thomas Wegner.
Stralsund/Hohe Düne

Seit Ende Februar sind Angehörige der Bundespolizei See aus Stralsund, Warnemünde, Cuxhaven und Neustadt in Holstein in der Ägäis im Einsatz. Angefordert wurden sie zur Unterstützung der griechischen Küstenwache zum Schutz der Außengrenze der Europäischen Union von der europäischen Grenzschutz-Agentur „Frontex“. Doch ihre tägliche Aufgabe war die Rettung von Menschenleben: 778 Flüchtlinge aus Syrien, Irak und Afghanistan, von skrupellosen Schleusern in lebensgefährliche Situationen gebracht, oft ohne reale Chance für das Überleben, retteten die Bundespolizisten aus höchster Not und brachten sie mit ihren beiden Warnemünder Patrouillenbooten „Uckermark“ und „Börde“ in Sicherheit. Sechsmal jedoch kam auch ihre Hilfe zu spät — die meisten Todesopfer waren Frauen und Kinder.

„Unsere Vorbereitung war ausgezeichnet“, sagt Polizeioberkommissar Dirk Pfefferkorn (54), nach sechs Wochen Einsatzzeit auf der griechischen Insel Samos wieder zurück in Warnemünde. „Trotzdem: Alle Theorie ist grau. Die Realität war hart. Die Belastung, körperlich, aber auch seelisch, war für alle hoch.“ Der Seemann erzählt von eiskalten, stockfinsteren Nächten, in denen sowohl die Grenzschützer als auch die Flüchtlinge in unbeleuchteten Booten und bei oft rauer See zwischen Griechenland und der Türkei unterwegs sind. Die einen in der Hoffnung, bald in Freiheit, ohne Krieg und Not leben zu können. Die anderen mit dem Auftrag, kriminellen Schleusern das Handwerk zu legen. Am Ende ist die Begegnung beider nur die Rettung von buchstäblich nackten Menschenleben. „Das ist drin im Seemann“, sagt Pfefferkorn. „Da lässt man niemanden zurück.“ Und er erzählt von dem Vater, der selbst dem Ertrinken nahe, seinen toten Sohn umklammerte, von den Wiederbelebungsversuchen — alles vergeblich.

Pfefferkorn nennt es „ein Verbrechen“, wie die Schleuser vorgehen: Sie kassierten für die Passage viel Geld, verkauften den Flüchtlingen auch noch vermeintliche Rettungswesten — aus farbigem Nylon mit Füllungen aus Wolle, Papier oder Schaumgummi, die sich im Ernstfall nur vollsaugen. Und dann die Schlauchboote: untauglich für den Einsatz auf See, hoffnungslos überladen mit bis zu 60 Menschen auf acht Metern Bootslänge. Niemand an Bord, der so ein Boot fachkundig führen könnte, und das angeblich rettende Ufer ist eine schroffe Steilküste, an der niemand landen, niemand heil und wohlbehalten ankommen kann. „Das schockiert. Das macht Wut“, sagt Pfefferkorn.

Pfefferkorn arbeitete im Stab im Hafen von Vathy. Er koordinierte unter Befehl der griechischen Küstenwache die Arbeit der deutschen Polizisten mit den Helfern aus Schweden, der Hubschrauberbesatzung aus Rumänien, den Seenotrettern aus Italien, den Ärzten der Hilfsorganisationen und den Helfern im Flüchtlingslager. Acht Stunden Schicht, immer nachts.

Zusätzlich je eine Stunde Vor- und Nachbereitungszeit war für die Besatzungen auf den Booten „Uckermark“ und „Börde“ nötig, erzählt der Stralsunder Polizeihauptmeister Thomas Wegner (49). 833 Einsatzstunden waren die beiden sonst in Warnemünde stationierten Boote im Einsatz. „Am Ende aber überwiegt das Positive“, sagt Wegner. „Wir haben Menschen gerettet. Das ist gut. Auch wenn man es weiß, dass oben an Deck ein totes Kind liegt.“

Beide Bundespolizisten sind bereit, auch ein zweites Mal in den Einsatz zu gehen, wenn Griechenland erneut um Hilfe bittet und das Mandat der Bundespolizei See verlängert wird. Pfefferkorn: „Wir sind darauf vorbereitet.“

Von Klaus Walter

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