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„Es ist ein Wunder, dass ich lebe“

Stralsund „Es ist ein Wunder, dass ich lebe“

Marcel Hensel war 13 Jahre lang heroinabhängig. Um an den Stoff zu kommen, wurde er kriminell, saß etliche Jahre im Gefängnis. Die Droge war der Ersatz für die Familie, die er nicht hatte. Mittlerweile ist er clean. Mithilfe des Stralsunder „Chamäleon“ Vereins baut er sich ein neues Leben auf.

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Marcel Hensel arbeitet im Technikzentrum des Stralsunder „Chamäleon“ Vereins an einer alten Holztür, die er wieder aufbereitet. Der 34-Jährige war 13 Jahre lang heroinabhängig und saß mehrere Jahre wegen Beschaffungskriminalität im Gefängnis.

Quelle: Fotos: Alexander Müller

Stralsund. Die Drogenvergangenheit hat tiefe Spuren am Körper von Marcel Hensel hinterlassen. Ihm fehlen mehrere Zähne, er hat tiefe Falten im Gesicht, seine Bewegungen sind langsamer als bei anderen Menschen. Doch das Heroin konnte ihn nicht komplett zerstören, der 34-Jährige ist kein gebrochener Mann. Ganz im Gegenteil, er ist so selbstbewusst wie vielleicht nie zuvor. Marcel Hensel sagt, in Stralsund hat er endlich die Heimat gefunden, nach der er sich all die Jahre gesehnt hat. Er kann sein Glück kaum fassen: „Es ist ein Wunder, dass ich noch am Leben bin.“

OZ-Bild

Marcel Hensel war 13 Jahre lang heroinabhängig. Um an den Stoff zu kommen, wurde er kriminell, saß etliche Jahre im Gefängnis. Die Droge war der Ersatz für die Familie, die er nicht hatte. Mittlerweile ist er clean. Mithilfe des Stralsunder „Chamäleon“ Vereins baut er sich ein neues Leben auf.

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Seine Familie, das ist jetzt der Stralsunder „Chamäleon“ Verein, der suchtkranken Menschen hilft, wieder zurück ins Leben zu finden. Ein wichtiges Mitglied davon ist Sophie Kapust, die unter anderem als Ergotherapeutin im Technikzentrum in der Alten Richtenberger Straße tätig ist, einer Art Werkstatt für Suchtkranke. Am vergangenen Sonnabend hatte der Verein dort zu einem Hoffest eingeladen, um Berührungsängste und Vorurteile zwischen Anwohnern und Patienten abzubauen. Unter dem Thema „Wilder Westen“ gab es Stockbrot am Feuer, Hufeisenwerfen und ein Tipi-Zelt. „Man bekommt schnell den Stempel: Das sind jetzt hier die Junkies. Das wollen wir auch mit so einem Fest verhindern“, sagt Sophie Kapust.

Indem die 32-Jährige im Technikzentrum gemeinsam mit den jungen Menschen mit Holz, Metall und anderen Materialien arbeitet, lernen die Betroffenen, ihrem Alltag wieder einen Rhythmus zu geben.

Morgens aufstehen, pünktlich sein, konzentriert eine Aufgabe erledigen. Ihre Schützlinge kommen meist von weit her. Hamburg, Berlin, Bremen. Sie müssen aus ihrem Umfeld raus, brauchen Abstand. In Stralsund und Umgebung werden sie in speziellen Unterkünften 24 Stunden am Tag betreut. Erfolgreich ist die Therapie dann, wenn die Leute danach in der Lage sind, allein zu wohnen oder sogar eine Arbeit finden.

Marcel Hensel war 13 Jahre lang abhängig vom Heroin. „Die Droge hat mir die Wärme gegeben, die ich zu Hause nie hatte“, sagt der Leipziger. Mittlerweile sind beide Eltern gestorben. „Meine Mutter hat sich tot gesoffen.“ Der Satz klingt hart, doch Marcel sagt ihn ohne Wut, er erzählt seine Geschichte ruhig und reflektiert. Um an den Stoff zu kommen, hat Marcel ständig geklaut, landete immer wieder im Gefängnis, zuletzt drei Jahre am Stück. Dort hat es dann irgendwie Klick gemacht. Marcel Hensel machte einen Entzug und schaffte sogar die Schule. Aber nicht die Hauptschule. Von wegen!

Realschulabschluss natürlich. Der Gedanke drängt sich im Gespräch mit ihm förmlich auf: Diesem Menschen hätten alle Türen offen gestanden, in einer anderen Familie, einer anderen Stadt.

Marcel Hensel hat jetzt einen Minijob bei einem Hausmeisterservice. Am Nachmittag geht er zu verschiedenen Therapien. Als nächstes will er in eine eigene Wohnung ziehen und sich um eine Vollzeitstelle kümmern. Bis Januar soll alles unter Dach und Fach sein. Marcel denkt jetzt in kleinen, aber klar definierten Schritten. Das Träumen, sagt er, habe er sich abgewöhnt. Statt in einer Scheinwelt zu schweben, will er mit beiden Beinen auf der Erde stehen. Einen Wunsch hat Marcel Hensel dann aber doch: „Ich wünsche mir, gesund zu bleiben.“

Hilfe bei Problemen

Die Angebote des „Chamäleon“ Vereins sind seit der Gründung 1995 auf die Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen ausgerichtet. Dieser Schwerpunkt ist bis heute erhalten geblieben, allerdings wesentlich breiter gefächert, vielfältiger und zielgruppenspezifischer als zur Zeit der Gründung.

Erweitert hat sich die Angebotspalette seit 2004 um stationäre Wohnplätze für junge Erwachsene mit Suchtproblematik.

Hilfe oder Informationen gibt es

unter ☎ 03831/ 2039510

Alexander Müller

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