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Stralsund Etikettenschwindel mit Sinn
Vorpommern Stralsund Etikettenschwindel mit Sinn
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00:01 10.06.2017

Welche Orgel soll in der St. Jakobikirche in Zukunft wieder erklingen? Ein Instrument, das dem letzten funktionierenden an dieser Stelle nach allen Regeln der Orgelbaukunst irgendwie nachempfunden ist oder ein modernes, fast vollständig neu erbautes Klangwerk? Dieses hätte den Charme, dass es in einer Kulturkirche wie St. Jakobi musikalisch breiter einsetzbar wäre – also beispielsweise in Kombination mit einem Orchester oder Bläsern. Auch die Kirche dient – anders als 1877, dem Jahr, in dem der Stralsunder Orgelbauer Friedrich Albert Mehmel (1827-1888) die Orgel an die Gemeinde übergeben hat – heute einem anderen Zweck. Der Kultur.

Prächtig: das Gehäuse der Orgel in der Stralsunder St. Jakobikirche. Es ist 130 Jahre älter als das dahinterliegende Instrument, das der Stralsunder Orgelbauer Friedrich Albert Mehmel 1877 übergeben hat. Quelle: Foto: Stefan Sauer

Dieser Bestimmungswandel des Gebäudes könnte durchaus ein Grund sein, in Erwägung zu ziehen, auch die Orgel im Zuge ihres geplanten Wiederaufbaus der Verwendung der Kirche anzugleichen. Kulturkirche mit Kulturorgel. Das passt. Mehmel schuf vor 140 Jahren indes eine Orgel, die den Zweck der Kirchengemeinde erfüllen sollte, ihre Gottesdienste musikalisch auf hohem Niveau feiern zu können. Das passte damals. Gottesdienste finden heute in St. Jakobi nur sehr selten statt.

Sollte allein die historische Ausgangslage Gradmesser des Erlaubten sein, hätte die Stadtentwicklungsgesellschaft (SES) bei der kürzlich abgeschlossenen Sanierung des Kirchenschiffes konsequenterweise auch auf die neue Heizung verzichten müssen. Frieren möchte aber niemand mehr, auch in einem Kirchbau nicht.

Insofern kann man die Debatte um den Wiederaufbau der Mehmel-Orgel durchaus als merkwürdig empfinden. Denn der Ansatz, den die von der SES eingesetzte Orgelkommission verfolgt, ist noch aus einem weiteren Grund nachvollziehbar. Wer eine Orgel wiederherstellen will, muss ihren Klang kennen, damit die Töne stimmen. Deshalb machen sich Orgel-Experten in so einem Fall, wie er in Stralsund vorliegt, auf die Suche nach vergleichbaren Instrumenten aus der Orgelwerkstatt desselben Erbauers. Es gibt jedoch keine ähnliche Orgel von Mehmel in dieser Größe. Die in der Greifswalder Marienkirche ist lediglich halb so groß wie in Stralsund. Bleibt eine Handvoll Dorfkirchen zum Vergleich, in denen Mehmel sich in noch kleinerer Form verewigt hat. Aus diesem Mangel heraus müssten die Orgelbaumeister in Stralsund eine Mehmel-Orgel nachbauen, von der sie allenfalls annehmen, dass sich das Instrument seinerzeit so angehört haben müsste.

Der Raum für unter Umständen fragwürdige Interpretationen wäre gigantisch, weshalb die Entscheidung der Orgelkommission für einen faktischen Neubau, in dem unter den insgesamt 3000 Pfeifen noch 54 aus Mehmels Werkstatt am Apollonienmarkt stammen sollen, die ehrlichere ist. Aber sie stellt zugleich einen Bruch mit dem dar, was den Stralsundern bisher versprochen wurde: der Wiederaufbau der Mehmel-Orgel. Das Bürgerkomitee „Rettet die Altstadt“, die Herbert-Ewe-Stiftung und selbst Oberbürgermeister Alexander Badrow (CDU) sind schon vorzeiten losgezogen, um Geld für dieses große Vorhaben einzusammeln – bei Bundesregierung, Hansestadt und zahlreichen Spendern. Stralsund ist im Mehmel-Fieber.

Jetzt ist das Umdenken, das die Orgelkommission vollzogen hat, verständlicherweise „harsch und kurzfristig“, wie der Sprecher der Kommission, Kirchenmusikdirektor Frank Dittmer, sagt. Spender fragen sich, ob sie genauso viel Geld für einen Neubau gegeben hätten, und in Berlin wird die Frage laut, inwiefern das Förderprogramm, aus dem eine Million Euro für die 2,8 Millionen Euro teure Wiederherstellung der Orgel kommen soll, noch das richtige ist.

Der Fehler war weniger die Entscheidung der Orgelkommission für den Neubau, sondern ein kommunikativer. Die Mehmel-Fans haben das Geld an sich genommen, ehe klar war, was eigentlich sinnvollerweise machbar ist.

Hätte der Entschluss, die Mehmel-Orgel unter Heranziehung der wenigen vorhandenen Kenntnisse nach historischem Vorbild wiederaufzubauen, bereits im Vorfeld festgestanden, wäre die Arbeit der Kommission von vornherein überflüssig gewesen. Zumal die Mehrheit der Experten dem Instrument angesichts noch vorhandener Teile aus Vorgänger-Orgeln anderer Erbauer, die Mehmel weiterverwendet hat, gar nicht den Mehmel-Stempel aufgedrückt hat. Frank Dittmer spricht, wenn er das neue Klangwerk beschreibt, lieber von der Jakobi-Orgel. Wie eine Klammer beziehe sie Einflüsse aller drei Orgeln ein, die hinter dem prächtigen Prospekt in der Kirche bereits platziert worden sind.

Für Nikolaikantor Matthias Pech ist ohnehin dieses Antlitz der Orgel von größerer Bedeutung für die Öffentlichkeit. Das sei es, was die Menschen kennen und mit Begriff Mehmel-Orgel in Beziehung bringen würden. Und dieses Gehäuse aus der Zeit 130 v. Meh. bleibt. In anderen Kirchen ist auch davon nach dem letzten Weltkrieg nicht viel übrig. In Stralsund steht es beinahe vollständig auf der Empore, sodass sich die neue Orgel damit ganz gut tarnen kann. Mögen die wenigen unter den späteren Konzertbesuchern, die den Unterschied im Klang zwischen einer spätromantischen Orgel nach Mehmel und dem neuen Instrument herauszuhören meinen, den Etikettenschwindel verzeihen.

Benjamin Fischer

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