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Geschichte trifft die Gegenwart

Junge Gemeinde von St. Nikolai in Aktion: Reise nach Breslau / Kinder führen durch Kirche Geschichte trifft die Gegenwart

Stralsunder Jugendliche treffen in Polen Zeitzeugen des Nationalsozialismus

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Die Konfirmanden Adrian Helbig, Leona Bell, Lea Riek und Arvid Kaffke (im Vordergrund v. l.) beim Stadtrundgang in Breslau. FOTOS (3): ELVIRA KLINGHAMMER

Stralsund. /Breslau. Ganz nah dran an der Geschichte sind vor Ostern 25 Konfirmanden aus der Gemeinde St. Nikolai gewesen. Gemeinsam mit Pastor Albrecht Mantei, Gemeindepädagogin Elvira Klinghammer und fünf Teamern verbrachten sie eine Woche im polnischen Breslau. „Wir haben uns intensiv mit dem Judentum beschäftigt“, erklärt Albrecht Mantei. Nach Breslau zu reisen, hatte zwei wichtige Gründe. Zum einen befindet sich unweit der Stadt das einstige Konzentrationslager Auschwitz, zum anderen trafen die Mädchen und Jungen auf Janusz Witt.

OZ-Bild

Stralsunder Jugendliche treffen in Polen Zeitzeugen des Nationalsozialismus

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Der 83-jährige Zeitzeuge berichtete den Schülern von seinen Erlebnissen aus dem Jahr 1939, als Polen angegriffen wurde und warum ihm gerade heute das „Stadtviertel der gegenseitigen Achtung“, welches er mit gründete so wichtig ist. In diesem Viertel machen katholische, evangelische, orthodoxe Kirche und die jüdische Gemeinschaft gemeinsame Sache. „Janusz Witt geht es um Versöhnung und Akzeptanz“, sagt Albrecht Mantei. „Seine lebensfrohe Art und seine Energie haben die Schüler beeindruckt.“ Natürlich erinnerte Janusz Witt auch an den traurigen, dunklen Teil der Geschichte: Die Unterdrückung, Deportation und massenhafte Ermordung der Menschen, die laut den Nationalsozialisten weniger wert als andere waren, besonders eben der Juden. Ein Besuch des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz gehörte zum Programm, um den Schrecken vor Augen zu führen, ihn nicht zu vergessen und mit Hoffnung in die Zukunft zu gehen, damit er sich nicht wiederholt. Eines der Hauptanliegen der Reise: „Wir beschäftigen uns mit dem Judentum, weil wir auch heute noch Botschafter der Versöhnung brauchen“, sagt Mantei. Der Tag nach Auschwitz gehörte ganz der Nacharbeit. „Wir haben intensive Gespräche geführt“, sagt Elvira Klinghammer. Die Schüler hatten schließlich die Möglichkeit, das Erlebte kreativ zu verarbeiten, „sei es in gesprochenem oder geschriebenem Wort, Briefen oder auch Gedichten.“ (siehe rechts) Für Alfons Würfel und Florian Dräger (beide 13) war der Tag in Auschwitz vor allem eines: schockierend. „Wie können sich Menschen nur überlegen, wie man in kürzester Zeit möglichst viele Menschenleben auslöschen kann“, sagt Alfons. „Es ist wirklich schwer zu verstehen, was damals geschah“, ergänzt Florian. Doch trotz des ernsten Themas blieb der Spaß bei der Reise nicht auf der Strecke. „Etwa bei einer witzigen Stadtrallye, bei der wir tolle Einblicke von Breslau bekamen“, sagt Alfons.

Einladung: Am 26. April geben die Konfirmanden einen Rückblick auf ihre Reise, Interessierte sind um 17 Uhr in das Gemeindezentrum, Lindenstraße 151, eingeladen.

Briefe, die niemals ankommen

Nach dem Besuch des Konzentrationslagers Auschwitz, haben sich 25 Mädchen und Jungen der Gemeinde St. Nikolai kreativ mit dem Erlebten auseinandergesetzt. Die 17-jährige Johanna Koch etwa schrieb einen Brief „An ein fremdes Mädchen“ an eine fiktive Person, die ihr Leben im KZ verloren hat.

„Ich kenne deinen Namen nicht. Ich habe zu viele Bilder gesehen, mit zu vielen Menschen, die zu Nummern gemacht, die von grausamen Menschen, Nazis, mit grausamen Methoden getötet wurden. An dich: Es tut mir leid.

Ich stelle mir vor, wie du aussahst, vor deinem Tod. Geschnitten, verbrüht, erfroren, krank, dreckig, erschossen, verhungert, vergast. Gedemütigt, getrennt von Familie, von Träumen. Knochig.

Hattest du Hoffnung? Ich weiß nicht, ob ich sie gehabt hätte. Musstest du mit Ansehen, wie deine Familie starb? Wurdest du gleich getötet?

Hast du den Marsch gespielt? Gehofft, dann könntest du das alles für einen Moment verdrängen?

Hast du deinen Tod erwartet? Oder hat er dich überrascht? Musstest du dich quälen? Wurdest du gequält? Kanntest du die Männer, die dir das antaten?

Kanntest du den Grund? Warst du Jüdin? Oder wusstest du nichts? Nur, dass es bald vorbei war?

Hast du den Karren gezogen, auf dem deine tote Mutter lag? Bist du draußen nackt erfroren? Oder still in deinem Bett, an Hunger gestorben? Dein Tod war nicht nötig, du warst nicht schuldig. Aber niemand hat dich freigesprochen. Wieso?“Johanna Koch (17) begleitete als Teamer die Konfirmanden auf ihrer Reise nach Breslau.

Kleine Guides in großer Kirche

Ruhig und bezaubernd wirkt die Kirche St. Nikolai in Stralsund, wenn man sie betritt und ihre vielen christlichen Symbole oder die riesige Orgel bestaunt.

Doch was steckt hinter der Geschichte der Architektur, und welche Bedeutung hat ein Altar in der Kirche? Diese ganzen Fragen werden ab sofort von kleinen Kinder-Kirchenführern in der Nikolaikirche beantwortet. Leni Gerke ist eine von ihnen. Bereits zum dritten Mal nimmt Leni Kinder und Erwachsene mit auf den Weg durch die Kirche. „Ich habe sehr viel Spaß dabei und freue mich schon auf meine nächste Führung“, sagt die Schülerin der Jona-Schule. Dort gibt es im Wahlpflichtunterricht von der vierten bis zur sechsten Klasse die Möglichkeit, zu einem Kinder-Kirchenführer zu werden.

„Bei diesem Projekt machen wir einen Stationslauf in der Schule, wobei sich die Kinder mit verschiedenen Bereichen der Kirche auseinandersetzen. Jeder Schüler hat dann sein Spezialgebiet, über das er oder sie in der Führung berichten kann. Dank der Kooperation mit der Nikolaikirche ist dies möglich“, sagte die Leiterin des Kurses und Gemeindepädagogin, Elvira Klingenhammer. „Mich beeindruckt immer wieder, was die Mädchen und Jungen für kleine Details in der Kirche entdecken, die ich selbst zuvor noch nie gesehen habe. Außerdem ist es interessant zuzuhören, wie sie erzählen und erklären“, ist Elvira Klinghammer begeistert.

Aus dem Schulprojekt hat sich mittlerweile ein Freiwilligenkurs entwickelt, in dem Kinder von der fünften bis zur siebten Klasse mitwirken, das heißt über die Schule hinaus. Mittlerweile sind die kleinen zu Profis geworden und können alleine ganze Führungen leiten, zu allen Bereichen und verschiedenen Anlässen. Wie etwa gerade zur Osterzeit, als das Thema „Der Weg zum Kreuz“ in den Mittelpunkt gestellt wurde, und es um die Leidens- und Auferstehungsgeschichte Jesu ging.

„Momentan haben wir auch Kontakt zu anderen Kirchen aufgenommen, die ebenfalls mit Kindern in der Form zusammenarbeiten. Es wäre schön, wenn die Kinder sich auch untereinander über ihre Erfahrungen als Kirchenführer austauschen können“, berichtet Lena Goette, die das Projekt ehrenamtlich begleitet.

Für die Zukunft wünscht sich die Gemeindepädagogin Elvira Klinghammer: „Wir sind auf der Suche nach Kindern, die durch die Kirche führen möchten und Spaß dabei haben. Es ist geplant, dass die Kinder später im Sommer auch Touristen durch die Kirche führen.“

Sabrina Scholz (18) besucht die 12. Klasse das Hansa-Gymnasiums.

Johanna Koch und Elvira Klinghammer

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