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„Ich weiß nicht mehr, wie meine Frau aussieht“

Stralsund „Ich weiß nicht mehr, wie meine Frau aussieht“

Harald Freiholz ist blind, seine Augen wurden bei einem Unfall schwer verletzt. Jahr für Jahr sieht der Stralsunder immer weniger. Er führt einen aussichtslosen Kampf gegen das Verblassen seiner Welt.

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Der Stralsunder Harald Freiholz ist blind. Er weiß auch nicht mehr, wie seine Frau und die beiden Söhne aussehen, die Erinnerung ist mit den Jahren verblasst. Doch manchmal träumt er von ihnen. „Aber auch das ist eher ein diffuses Gefühl als ein scharfes Bild.“

Quelle: Alexander Müller

Stralsund. Für Harald Freiholz ist Schönheit keine Frage des Sehens. Schönheit, das ist für ihn die tiefe Stimme seiner Frau, die kalte Luft an einem Wintertag, der Klang vieler Instrumente bei einem klassischen Konzert. Der 63-jährige Stralsunder kann diese Dinge hören, spüren, fühlen – nur sehen kann er sie nicht. Harald Freiholz sieht nicht, wie weiß Schnee ist. Er erkennt nicht das goldene Strahlen eines Konzertsaales. Und er weiß auch nicht, wie seine Frau aussieht. Er wusste es einmal, aber das ist schon lange her. „Mit der Zeit ist die Erinnerung an das Aussehen der Menschen verblasst. Manchmal träume ich von ihnen. Aber auch das ist eher ein diffuses Gefühl als ein scharfes Bild.“

 

Harald Freiholz ist blind. Er war gerade mal 26 Jahre alt, als seine Netzhaut bei einem Arbeitsunfall so sehr beschädigt wurde, dass die Welt heute für ihn nur noch aus Schemen und Farbtupfern besteht.„Sie müssen sich das so vorstellen, als hätten Sie eine Brille auf, die nicht für Sie gemacht ist“, sagt er. Er könne zwar erkennen, dass ihm ein Mensch gegenübersitzt, jedoch nicht, ob er lacht oder weint, wütend ist oder gelangweilt.

Das hält Harald Freiholz – ein kräftiger Mann mit rot gestreiftem Hemd und Schnauzbart – aber nicht davon ab, seinen Mitmenschen beim Sprechen direkt ins Gesicht zu schauen. Seine hellblauen Augen wirken wach, die Hände sind ständig in Bewegung. Vor der Brust baumelt ein Halsband mit einer Lupe hin und her. Ein Prozent Sehkraft hat der Mann noch und auch dieser letzte Rest könnte irgendwann verschwinden. Dann bliebe nur noch Dunkelheit.

Blindenverein hilft Menschen, bei denen die Welt zusammenbricht

„Blind zu sein heißt nicht, dass alles vorbei ist. Der Mensch kann damit leben, man muss es nur lernen“, sagt Harald Freiholz. Er engagiert sich im Blinden- und Sehbehinderten-Verein Stralsund, um anderen Leuten mit ähnlichem Schicksal zu helfen. Zu ihm und seinen Kollegen kommen Betroffene aus allen Altersgruppen. Menschen, die zum Beispiel an Augenkrankheiten leiden oder deren Sehnerv bei einem Unfall verletzt wurde. Harald Freiholz und seine Mitstreiter zeigen ihnen, welche finanzielle Hilfe sie beantragen können. Sie organisieren Mobilitätstrainer, die den richtigen Umgang mit dem Blindenstock zeigen und dabei helfen, Geräusche richtig zu deuten, etwa von einem nahenden Auto. Und sie vermitteln Weiterbildungen, etwa zum Erlernen der Blindenschrift. „Wir helfen den Menschen, bei denen gerade die Welt zusammenbricht“, sagt Harald Freiholz.

„Meine Augen wurden gegrillt wie das Essen in der Mikrowelle“

Der Stralsunder erinnert sich noch sehr genau an den schicksalhaften Tag im Jahr 1981. Er arbeitet damals als Techniker bei der Marine in Parow. Ein Vorgesetzter gibt ihm den Auftrag, ein Radargerät auf einem Kriegsschiff zu reparieren. Reine Routine. Doch als der junge Harald Freiholz die Maschine anstellt, ist er plötzlich – ohne es zu bemerken – direkt ihrer Strahlung ausgesetzt. Als er am nächsten Morgen aufwacht, sieht er die Welt plötzlich verschwommen und farblos. Ein Arzt erklärt ihm kurz darauf, dass seine Netzhaut völlig verbrannt sei, als hätte er stundenlang in die Sonne geschaut. „Meine Augen wurden gegrillt wie das Essen in einer Mikrowelle. Das sind die gleichen Strahlen“, sagt Freiholz heute. Er ist fest davon überzeugt, dass jemand das Radargerät absichtlich beschädigt hat. Bis heute weiß er jedoch nicht von wem und warum. Jahrelang musste der schwererkrankte Mann dafür kämpfen, dass die DDR seinen Vorfall überhaupt als Beschädigung im Dienst anerkennt.

Trotz seiner immer schlechter werdenden Augen, baute sich Harald Freiholz ein glückliches Leben auf. Er lernte einen neuen Beruf und arbeitete jahrelang als Masseur und medizinischer Bademeister im Hanseklinikum. Er heiratete seine Frau und bekam zwei Söhne. Zwei Bandscheibenvorfälle zwangen ihn zwar, seinen Job aufzugeben, doch mit der Arbeit im Blindenverein hat er eine neue Aufgabe gefunden.

Autofahren geht nicht, Einkaufen ist fast unmöglich

Zu Hause kocht Harald Freiholz gerne. Wenn alles in der Küche an seinem Platz ist, findet er sich zurecht. Abends sitzt er vor dem Fernseher, um den Filmen zuzuhören. Sein iPad liest ihm Emails und Zeitungsartikel vor. Dennoch wird es immer viele Dinge geben, die Harald Freiholz nicht erledigen kann. Autofahren geht nicht, auch Einkaufen ist eine riesige Herausforderung. „Ich kann die Preise nicht erkennen und auch das Bezahlen ist schwierig“, sagt er. Die Erziehung der Kinder musste weitgehend seine Frau übernehmen. „Ich konnte meinen Söhnen keine Bücher vorlesen. Und wenn sie mir ein Bild gemalt haben, konnte ich es nicht sehen.“ Die Familie ist trotz aller Schwierigkeiten zusammengeblieben. Harald Freiholz sagt, ohne die aufopferungsvolle Fürsorge seiner Frau wäre es nicht gegangen. Manchmal vergisst sie bis heute, dass er blind ist. Dann fragt sie ihn: „Schau doch mal Harald. Kann ich so gehen?“

Alexander Müller

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