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In Dranske geht der letzte Fischer von Bord

Dranske In Dranske geht der letzte Fischer von Bord

Der Geruch nach Räucheraal, ein schaukelnder Kutter im Hafen: Die Küstenfischerei wird immer mehr zur touristischen Fassade. Jürgen Krieger macht da nicht mehr mit.

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Elf Fischer waren unmittelbar nach der Wende in Dranske tätig. Nun geht in dem Ort mit Jürgen Krieger der letzte von Bord.

Quelle: Fotos: Stefan Sauer/dpa

Dranske. Jürgen Krieger gehört zu einer aussterbenden Spezies. Ende des Jahres wird der Fischer aus Dranske auf der Insel Rügen in Rente gehen. Er wird seinen Kutter „Seestern“ verkaufen, der ihm seit 1992 ein treuer Gefährte war. Er wird versuchen, die niedrige Fangquote von 3,8 Tonnen Hering auf seine Arbeitsboote zu übertragen, damit er sich neben seiner Rente auf 450-Euro-Basis noch etwas dazu verdienen kann.

OZ-Bild

Der Geruch nach Räucheraal, ein schaukelnder Kutter im Hafen: Die Küstenfischerei wird immer mehr zur touristischen Fassade. Jürgen Krieger macht da nicht mehr mit.

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Ich verkauf' nur das, was ich gefangen habe. Das hab' ich immer so gemacht und es wird auf meine letzten Tage auch so bleiben.“Jürgen Krieger, Fischer

Krieger teilt das Schicksal vieler Kollegen, die sich nach der Wende selbstständig gemacht haben und in die Jahre gekommen sind. Dennoch hat sein Abschied besondere Symbolkraft. Er ist der letzte Fischer im Altdorf Dranske, wo das Fischen nach Angaben des Heimatvereins seit dem Mittelalter nachgewiesen werden kann.

Heringe, Flundern, Dorsch und Aal fängt der Fischer in den Gewässern vor seiner Haustür. „Die Bestände sind noch immer gut“, sagt Krieger. Dennoch sei das Fischen in den vergangenen Jahren immer schwieriger geworden, berichtet er und nennt die zehrenden Diskussionen um Quoten, Fangverbotszonen und EU-Reglementierungen. „Jedes Jahr jagt die Wissenschaft eine neue Sau durchs Dorf. Es muss nicht mehr sein.“ Krieger will nicht mehr jeden Tag raus müssen. Sein Rücken hat zwei Bandscheibenvorfälle überstanden. „Das reicht“, sagt er. Insgesamt kommt er auf 45 Arbeitsjahre, so dass er sich nun mit 63 abschlagsfrei in die Rente verabschieden kann.

Mit seinem Arbeitsboot steuert Krieger von seinem Liegeplatz am ehemaligen Marinehafen auf den Rassower Strom. Die Möwen begleiten in stiller Erwartung die Ausfahrt zu den Reusen, die rund 100 Meter vor der Küstenlinie stehen. Der Wind weht mit Stärke vier aus Ostnordost. „Ich verkauf' nur das, was ich gefangen habe. Das hab' ich immer so gemacht und es wird auf meine letzten Tage auch so bleiben“, sagt Krieger.

„Alibifischer“ nennt er die Kollegen, die inzwischen Fisch dazu kaufen und als eigenen Fang an den Urlauber bringen. Die heile Fassade vom wettergegerbten Fischer hält vor den Touristen noch stand.

Noch schaukeln Kutter in den Häfen. Doch die Substanz bröckelt.

Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums sank innerhalb eines Jahres die Zahl der hauptberuflichen Kutter-und Küstenfischer von 270 auf 255. In Wendezeiten waren noch rund 1000 in Mecklenburg-Vorpommern aktiv gewesen. Krieger spricht von einem „Verrentungsboom“, der auf den Landesverband der Kutter- und Küstenfischer zurollt. „Wenn wir jetzt nicht aufpassen, sehe ich schwarz für den Verband.“

Derzeit lassen sich nach Angaben des Ministeriums jährlich nicht einmal fünf Jugendliche in der Küstenfischerei ausbilden. „Um die Anzahl der Betriebe auf dem gegenwärtigen Stand zu erhalten, müssten jedes Jahr 15 bis 20 Azubis eine Ausbildung zum Fischwirt beginnen“, sagt aber eine Ministeriumssprecherin.

Krieger wuchtet den ersten Korb der 300 Meter langen Reuse an Bord. Er ist leer. Langsam arbeitet sich das Boot an der Reuse vorwärts. Mit den Körben zieht Krieger Seetang aus dem Wasser, dann eine Schwarzmundgrundel, die er den bettelnden Möwen zum Fraß zuwirft, eine Strandkrabbe und endlich nach 30 Metern den ersten Aal. Vieles hat sich verändert seit den 1960er Jahren, als Krieger als Jugendlicher mit dem Fischen begann – nicht nur, dass die ursprünglich im Schwarzen und Asowschen Meer beheimatete Schwarzmundgrundel nun regelmäßig auch vor Rügen schwimmt. „Die Gewässer sind eutrophiert.“ Nährstoffe wie Nitrat und Phosphor ließen die Algen wachsen, die Sichttiefe habe sich deutlich verringert. Das Einziehen der Körbe wird wegen der vielen Algen und des Tangs an manchen Tagen zur Schwerstarbeit.

In den 1970er Jahren war Krieger in der Hochseefischerei tätig. Bis in die Barentssee und vor die Küsten vor Mosambik fuhren die Trawler und Verarbeitungsschiffe der DDR-Hochseefischereiflotte. 120 Tage im Jahr war Krieger auf See. Dann wechselte er wegen der Familie 1985 in die Fischereiproduktionsgenossenschaft „Karl Marx“ in Dranske. „25 Tonnen Heringsquote hatte jeder Fischer“, erinnert sich Krieger. Der Hering war wie andere Grundlebensmittel subventioniert. 1,40 Ostmark für ein Kilo bekam die Genossenschaft. Für 80 Pfennige ging der Fisch über die Ladentheke. Ein ökonomischer Irrsinn aus heutiger Sicht.

Die Quote ist seit der Wende nicht mehr an den Fischer gebunden, sondern an das Schiff. Bei knapper werdenden Fangmengen hat die Übertragung der Quoten vom Fischer aufs Schiff den Konkurrenzdruck verschärft, ist Krieger überzeugt. Die Küstenfischerei sieht er vor einer schweren Zukunft, wenn überhaupt. „Der Zug ist inzwischen abgefahren. Wir sind auf einem Stand angekommen, wo sich die Küstenfischerei nicht mehr trägt.“ Die ganzen Quoten und Motorleistungen seien mittlerweile an zwei marktbeherrschende Betriebe gegangen. „Da befinden sich heute die ganzen Quoten, die früher von uns kleinen Fischern bewirtschaftet wurden.“

Krieger hat zwei erwachsene Kinder. Sein Sohn ist nach Norwegen ausgewandert, weil er in Deutschland als Wirtschaftsgeograf keine Arbeit fand. Seine Tochter arbeitet in einer Behörde. Für den Fischereinachwuchs sind die Startbedingungen schlecht, findet nicht nur Krieger. „Kutter-Neubauten werden nicht gefördert“, sagt der Vorsitzende des Landesverbandes der Kutter- und Küstenfischer, Norbert Kahlfuß. Konkret heißt das: Gewerbliche Fischerei darf nur mit Fahrzeugen ausgeübt werden, die in der Fahrzeugkartei der EU bereits registriert sind. Ein Jungfischer müsste also ein bereits existierendes Fischereifahrzeug erwerben. „De facto muss er warten, bis ein alter Fischer wegstirbt“, sagt Kahlfuß.

Die Arbeit ist körperlich anstrengend. In der Heringssaison geht es nachts um drei zu den Netzen. Geld wird nur verdient, wenn ausreichend Fisch gefangen und verkauft wird – vorausgesetzt die Quoten lassen es zu. „Heute will die Jugend lieber warm am Computer sitzen“, sagt Krieger. Dennoch: Für ihn ist der Fischerberuf der schönste auf der Welt. Mit den eigenen Händen ein Produkt der Natur ernten, die Spannung unmittelbar vor dem Einholen der Netze, allein mit dem Kutter auf See, mit den Möwen als Begleiter. „Ich hab' das mein Leben lang richtig gern gemacht“, sagt er. Besonders erfüllt hätten ihn die letzten Jahre als selbstständiger Fischer.

Deshalb würde er den Beruf auch jungen Leuten empfehlen. „Ich will mich gern mit 80 noch mit Leuten unterhalten, die aktiv in der Fischerei unterwegs sind und nicht nur neben einem Fischer gestanden haben“, sagt Krieger, der nun mit Rente, 450-Euro-Zuverdienst und den Einnahmen aus der Vermietung einer Ferienwohnung in den Ruhestand steuert. Schlecht werde es ihm nicht gehen, ist er überzeugt.

Elf Fischer waren unmittelbar nach der Wende in Dranske tätig. Nun geht in dem Ort mit Krieger der letzte von Bord. Im Nachbarort Kuhle arbeitet noch ein weiterer Kollege. Der sei 60, sagt Krieger.

Martina Rathke

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