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Stralsund Kampf um eine größere Bedeutung
Vorpommern Stralsund Kampf um eine größere Bedeutung
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00:00 27.11.2017
Stralsund

„Ehebrecher, Hurenjäger, Säufer, Frevler, die ihren Nächsten mit Gewalt oder falschem Handel und dergleichen beschädigen“ drohten in Stralsund Strafen.

Gotteslästerern übrigens auch, so steht es in der im November 1525 in Kraft getretenen Kirchen- und Schulordnung der Stadt. Die im Auftrag des Rates von dem Lehrer und späteren Superintendenten Hamburgs, Johannes Aepinus (1499-1553), verfasste Kirchen- und Schulordnung ist die erste ihrer Art im evangelischen Raum. Stralsund wurde am 5. November 1525 evangelische Stadt.

Die vier Abschnitte der Ordnung handeln „Von den Predigern“, „Von der Schule“, „Von dem gemeinen Kasten“, „Von der Christlichen Zucht“. Da geht es um die Einrichtung kostenloser Schulen für Mädchen und Jungen, „damit die Armen sowohl als die Reichen studieren können“. Drei Lehrer wurden vorgesehen, die unter der Aufsicht des „obersten Predigers“ standen. Die christliche Erziehung war ausdrücklich Schulziel.

Die Fürsorge für die Armen sollten mit den Geldern aus dem gemeinen Kasten erfolgen, der unter anderem mit den Einnahmen der Kirchengüter gefüllt wurde.

Die „christliche Zucht“ war, wie schon angedeutet, streng. Laut Ordnung sollte die Obrigkeit die Bordelle zerstören, die „ohne Zweifel auch die Heiden nicht bei sich duldeten, um so die losen Weibsbilder zu einem christlichen Leben zu führen und zu zwingen; oder so sie sich nicht bessern wollen, muß sie selbige zur Stadt hinausjagen, Huren und Buben zusammen.“

Als die Kirchenordnung erlassen wurde, war Stralsund eine bedeutende Stadt. Die begehrte Loslösung aus der Herrschaft der Greifenherzöge, die Erlangung der Reichsfreiheit, schien zum Greifen nah.

Mit etwa 12500 Einwohnern war der Ort Pommerns größte und wirtschaftlich bedeutendste Stadt, größer als Hamburg, Rostock oder Wismar. Ein weltoffener Ort, verbunden mit einem daraus erwachsenden, gelegentlich überzogenen Selbstbewusstsein, wie der Kirchenhistoriker Norbert Buske in dem gerade erschienenen Buch „Die Stralsunder Kirchen- und Schulordnung von 1525“ betont

. In seinem sehr zu empfehlendenBeitrag „Zur Geschichte des eigenständigen evangelischen Kirchenrechts in Stralsund – Stichworte und Hinweise" beschreibt er kenntnisreich die Situation im 15. und 16.

Jahrhundert und den Versuch der Stralsunder, einen kirchenrechtlich unabhängigen Weg zu beschreiten. Auf die Gültigkeit der eigenen Ordnung von 1525 hat sich die Stadt in den nächsten Jahrhunderten stets berufen, ob es nun im Kampf um eine eigene Superintendentur ging oder um die (Nicht)anerkennung der Beschlüsse der ab 1541 stattfindenden pommerschen Generalsynoden nach der Einführung der Reformation im Herzogtum 1535.

Stralsunds Rat ging es darum, mit dem Herzog auf Augenhöhe zu verhandeln, schreibt Buske. Die Hansestadt wollte Sitz eines Generalsuperintendenten werden. Dieser sollte für das ehemalige Archidiakonat Tribsees (festländisches Rügen, Bistum Schwerin) und die Insel Rügen (Bistum Roskilde) zuständig sein. Herzog Philipp I. (1515-1560) berief indes Johannes Knipstro (1497 -1556) zum Generalsuperintendenten von PommernWolgast mit Sitz zunächst in Wolgast und bald darauf Greifswald. Das selbstbewusste Stralsund empfand diese Zurücksetzung als Zumutung. Die Zuständigkeiten des Stralsunder Superintendenten und des 1575 errichteten geistlichen Gerichts (Konsistorium) blieben auf sein Stadtgebiet begrenzt.

Über Jahrhunderte konnte Stralsund auch unter schwedischer und preußischer Herrschaft eine gewisse kirchenrechtliche Eigenständigkeit trotz eines Verlusts der wirtschaftlichen und politischen Bedeutung bewahren. Die letzten Reste wurden erst 1922 aufgehoben.

Die auf Geheiß des Rates von Stadtschreiber Johann Segestacke auf Niederdeutsch angefertigte Handschrift liegt im Stralsunder Stadtarchiv und existiert nur in einer Originalfassung. Sie wird im Buch als Handschrift sowie transkribiert durch Stadtarchivar Dirk Schleinert wiedergegeben. Auch die aus dem 19. Jahrhundert stammende Übersetzung Carl Ferdinands von Fabricius wird im Buch wiedergegeben.

Die Stralsunder Ordnung war im Geiste Johannes Bugenhagens (1485-1558), des in Wollin geborenen Doktors Pomeranus, verfasst, sagt Buske.

Ein großes Kompliment für Aepinus. Bugenhagen ist der Verfasser der pommerschen Kirchenordnung von 1535 und mehrerer anderer Kirchenordnungen, zum Beispiel der von Dänemark und Hamburg. Er gilt als bedeutendster Reformator neben Martin Luther und Philipp Melanchthon.

Das Buch

Als Band 20 der von der Arbeitsgemeinschaft für pommersche Kirchengeschichte herausgegebenen Beiträge zur Kirchen-, Kunst- und Landesgeschichte Pommerns ist „Die Stralsunder Kirchen- und Schulordnung von 1525“ mit Beiträgen von Norbert Buske, Heiner Lück und Dirk Schleinert erschienen. Die Ordnung ist im niederdeutschen Original und hochdeutscher Übersetzung aus dem 19.

Jahrhundert abgedruckt, ISBN 978-3-940207-62-3; 34,90 Euro.

Eckhard Oberdörfer

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