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Stralsund Kneipe weg, Feuerwehr weg: Der Aderlass von Zudar
Vorpommern Stralsund Kneipe weg, Feuerwehr weg: Der Aderlass von Zudar
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00:05 22.11.2017
Trauriger Anblick: Das Gerätehaus der ehemaligen Freiwilligen Feuerwehr Zudar ist verwaist. FOTOS (4): STEFAN SAUER/DPA
Zudar

„Wo eine Kirche ist, ist auch eine Kneipe.“ Erhard Sponholz streicht mit der Hand über den Tresen in seiner Gaststätte „Am Tollow“ und wischt die dünne Staubschicht vom Holz. Das alte Gesetz, das wie festzementiert über Jahrhunderte auf den Dörfern galt, hat in Zudar auf der Insel Rügen seine Grundlage verloren. Die Dorf-Gaststätte, wo einst 4 cl Goldkrone einen Euro oder Gulasch mit Rotkohl und Klößen 8,50 Euro kosteten, schloss Sponholz vor fünf Jahren. Lange hatte er noch einen Nachfolger gesucht. Vor einem Jahr gab er die Suche auf. Der 68-Jährige strich dann die Fassade seines Hauses, das seine Frau einst von ihren Eltern geerbt hatte, neu an. Ab und zu vermietet er den Saal für einen Leichenschmaus oder – wie zuletzt im Februar – an die Jugend für eine DDR-Party.

Das Dorf hat seit der Wende wie viele kleine Orte im heutigen Landkreis Vorpommern-Rügen die Hälfte seiner Einwohner verloren

Wenn Sponholz von „Jugend“ spricht, meint er die etwa 50-Jährigen. Zudar ist ein kleiner Ort mit etwa 350 Einwohnern im Süden der Insel Rügen. Seit der Wende verlor der Ort etwa die Hälfte seiner Bewohner. Die Jugendlichen zog es in den Westen oder in größere Städte. Die Älteren blieben. „Wenn unsere Generation weg ist, gibt es keine Einheimischen mehr“, sagt Sponholz.

Vielen kleinen Orten in Mecklenburg-Vorpommern geht es wie Zudar. Während Orte zwischen 5000 und 10 000 Einwohnern überdurchschnittlich wachsen, sind vor allem die Gemeinden unter 2000 Einwohner von Schrumpfung gekennzeichnet, sagt der Greifswalder Wirtschaftsgeograf Helmut Klüter. „Die Annahme aber, dass der gesamte ländliche Raum stirbt, stimmt nicht.“ Kleine Landstädte, Dörfer an wichtigen Verkehrsadern wie der A 20 oder die Seebäder seien attraktiv für Zuwanderer. Dort sei das Wanderungssaldo positiv. „Wir müssen Stereotype relativieren und den ländlichen Raum differenziert betrachten.“

In Zudar ist der Dorfladen – ein Konsum – seit der Wende dicht. Es gibt weder Bäcker, Fleischer noch Schule. Nur die Kirche ist noch offen. In den nächstgrößeren Ort Garz kommen die Dorfbewohner – wenn sie kein Auto besitzen – mit dem Bus. In den Ferien wird selbst das problematisch, weil die Schulbusse wegfallen und der einzige Bus um 6.41 Uhr an der Haltestelle am Dorfanger stoppt. Wer dann zum Einkaufen oder zum Arzt in die Stadt müsse, frage einen Bekannten, sagt Sponholz.

Der Aderlass, von dem Sponholz berichtet, vollzieht sich nahezu unsichtbar: Denn die Häuser in Zudar sind fast alle saniert. Die schönsten von ihnen – wie das Dycke Haus – sind Zweitwohnsitze, die nur im Sommer bewohnt werden. „Dann kommen Herr Rechtsanwalt Soundso und Doktor Soundso aus dem Westen“, berichtet der frühere Gastwirt.

Die Zweitwohnsitzler spielen aber in den Statistiken bislang keine Rolle. „Sie werden weder bei der Berechnung der Einwohnerzahlen noch bei den Schlüsselzuweisungen an die Gemeinden berücksichtigt“, kritisiert Klüter. Dies sei fatal, weil die Gemeinden die Infrastruktur vorhielten. Besonders für Vorpommern, wo zwei Drittel der touristischen Wertschöpfung des Landes generiert werde, sei dies problematisch. In Schweden beispielsweise würden die Sommerhausgebiete im Norden des Landes durch diese Umlagen der reicheren Städter finanziert. Ein Modell für MV?

Obwohl Zudar auf Rügen und damit in einem touristischen Hotspot liegt, profitiert der kleine Ort nicht so stark von den Urlaubern. Der Tourismus komme in dem Hinterlanddorf nur im Hochsommer an, wenn die Badeorte Binz, Sellin oder Göhren vor Urlaubern überschwappen, berichtet Sponholz.

In der Umgebung des Ortes fehlten gut bezahlte Arbeitsplätze, nicht nur im Tourismus, sondern auch in der Landwirtschaft. „Von den Jungen, die nach der Wende gingen, kommt keiner wieder“, sagt ihm seine Erfahrung. Anfangs seien die Jungen noch zu Weihnachten auf Heimatbesuch gekommen. Am zweiten Weihnachtsfeiertag sei dann seine Gaststätte bis auf den letzten Platz gefüllt gewesen. „Doch wenn Oma, Opa oder die Eltern sterben, bricht die Bindung an den Ort ab.“

Was passiert mit den Dörfern? Werden sie verschwinden? „Das entscheiden die Menschen“, sagt Geograf Klüter. „Institutionen können die Entwicklung steuern.“ Mecklenburg-Vorpommern sei das Bundesland mit dem höchsten Zentralisierungsgrad in Deutschland. Die Landesregierung müsse die Entwicklung korrigieren, wieder dezentralisieren – auch wenn es Geld koste. „Artikel drei des Grundgesetzes garantiert die Menschenrechte für alle, auch für die Bewohner ländlicher Räume“, betont der Wissenschaftler.

Hohe Mieten in Großstädten, geringe Grundstückspreise auf dem Land, gekoppelt mit einer vernünftigen Breitbandversorgung machen das Leben auf dem Dorf attraktiv für Zuwanderer. Klüter sieht Chancen für das Dorf, spricht von den „Gärten der Metropolen“.

Zudar liegt im Wahlkreis von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Bei ihren Wahlkampfauftritten im Sommer in ihrer politischen Heimat hat Merkel immer wieder die ländlichen Räume in den Fokus ihrer Reden gerückt und die Anstrengungen des Bundes für eine flächendeckende Breitbandversorgung betont. Auf Rügen werden seit März die ersten Kabel für ein schnelles Internet verlegt.

Die Lebensbedingungen in Deutschland seien so unterschiedlich wie noch nie, erklärte Merkel. „In Großstädten finden die Menschen keine Wohnung, in ländlichen Regionen keinen Arzt.“ Neben Breitband-Internet nannte Merkel einen guten öffentlichen Personennahverkehr und die ärztliche Versorgung als die größten Herausforderungen auf dem Land. Nach den geplatzten Berliner Sondierungsgesprächen ist es offener denn je, ob und wie der Bund ländliche Regionen unterstützen will und damit einer Spaltung der Gesellschaft entgegenwirken kann.

Experte: Ärzte und Schulen müssen aufs Land

„Die Kreisgebietsreform hat das wirtschaftliche Gefälle zwischen dem Osten und Westen des Landes Mecklenburg-Vorpommern vergrößert“, sagt der Wirtschaftsgeograf Helmut Klüter an der Universität Greifswald. Innerhalb von sechs Jahren hätten sich für den östlichen Landesteil Wachstumsverluste von mindestens 4,15 Milliarden Euro ergeben. Der Professor und Experte für Regionalentwicklung spricht sich für Korrekturen aus. Vor allem müsse die Landesregierung jetzt dezentralisieren: Schulen, Gemeindeverwaltungen, Ärzte müssen aufs Land.

OSTSEE-ZEITUNG: Welche Effekte hat die Kreisgebietsreform in Mecklenburg-Vorpommern gebracht?

Helmut Klüter: Die Kreisgebietsreform war und ist noch immer ein grandioses Selbstbeschäftigungsprogramm für die Verwaltung. Mecklenburg war mit den kreisfreien Städten Schwerin und Rostock und Nordwestmecklenburg von der Reform weniger betroffen als der Osten des Landes, in dem sieben Kreissitze verloren gingen. Die Wirtschaftsverluste sind enorm, weil es mit dem Wegfall der Landkreise vor Ort keine Kompensation mit Ersatzarbeitsplätzen gab. Die regionale Wirtschaft verlor wichtige Auftraggeber und bedeutende Konsumenten. Innerhalb von sechs Jahren haben sich für den östlichen Landesteil Wachstumsverluste von 4,15 Milliarden Euro ergeben, wenn man die Reformverluste im westlichen Landesteil in der Modellrechnung gleich Null setzt. Wo demokratische Institutionen, Unternehmen und Entscheidungsträger (wie Kreisverwaltungen) aufgelöst wurden, entstand Platz für undemokratische und verfassungskritische Strukturen, wie die Wahlergebnisse mit dem hohen AfD-Anteil im Osten des Landes zeigen.

Das Land hatte auf Einspareffekte gehofft, kann diese aber bislang nicht beziffern. Wird die Kreisgebietsreform jemals Einsparungen bringen?

Das ist zu bezweifeln. Die Verluste übersteigen bislang die in die Kreisgebietsreform gesetzten Einsparhoffnungen um ein Vielfaches. Für die öffentliche Hand gab es bislang keine Einsparungen, sondern nur zusätzliche Ausgaben. In den ersten drei Jahren nach der Reform stieg die Beschäftigtenanzahl in den Verwaltungen sogar an.

Was muss jetzt passieren, damit die westlichen und östlichen Landesteile nicht weiter auseinanderdriften?

Die Landesregierung muss dezentralisieren, also zerschlagene Strukturen wieder aufbauen. Für die ländliche Bevölkerung sind Waren und Dienstleistungen dreimal schlechter erreichbar als für die ländliche Bevölkerung im deutschen Durchschnitt. In den ländlichen Regionen müssen Schulen, Verwaltungen und Verkehrsanbindungen entstehen. Landstädte wie Anklam, Grimmen und Bergen, die aufgrund der administrativen Blitzeinschläge ihre Funktion verloren haben, müssen gestärkt werden.

Interview: Martina Rathke

Brandenburg hat Kreisreform gestoppt

Die Kreisgebietsreform in MV hat aus Sicht des Wirtschaftsgeografen Helmut Klüter dem ländlichen Raum vor allem im Osten des Landes geschadet.

In Kraft getreten war sie nach am 4. September 2011: Aus 12 Landkreisen wurden damals sechs, von sechs kreisfreien Städten blieben nur zwei. Fünf der neuen Großkreise gehören zu den größten Deutschlands.

Im Land Brandenburg hingegen wurde die Neuordnung der Landkreise und kreisfreien Städte vor wenigen Tagen gestoppt. Dort hatte es massive Kritik an den Plänen für eine entsprechende Reform und ein Volksbegehren gegeben.

Martina Rathke

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