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Goethe – ein Muss in der Schule?

Stralsund Goethe – ein Muss in der Schule?

Stralsunder Jugendliche sprechen in OZelot lokal über Für und Wider von Pflichtlektüre im Unterricht.

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Emmelie Kopmann (13) mit einigen Klassikern in der Bibliothek der Jona-Schule.

Quelle: Foto: Caroline Liebeskind

Stralsund. Im Literatur-Kanon stehen die Namen der Unsterblichen wie in Marmor eingemeißelt – Goethe, Schiller und Fontane. Nach dem deutsch-polnischen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki besteht ein „Kanon“ aus geeigneten Werken für die Schule. Doch sollte es überhaupt Pflichtlektüre im Unterricht geben? Sind „Faust“, „Die Räuber“ und „Effie Briest“ noch zeitgemäß?

 

OZ-Bild

Sophie Heinen.

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Isabelle Bendig.

Für einen Literatur-Kanon in der Schule ist der 16-jährige Andreas Hardies. „Es sollten mehr Bücher in der Schule gelesen werden. Das fördert ein gutes Lese- und Textverständnis. Werke in Alltagssprache würden dazu besser beitragen als altertümliche Dramen“, so der Schüler des Schulzentrums am Sund.

„Einen Literatur-Kanon kann es in der Schule geben, wenn die richtigen Bücher ausgewählt werden“, meint Jonathan Göbel aus Stralsund. Der 16-Jährige interessiert sich privat eher für Science-Fiction und Fantasy-Literatur, was er gerne im Unterricht lesen würde. „Das ,Lied von Eis und Feuer’ und ,Krieg der Sterne’ wären coole Bücher“, sagt der Schüler der Jona-Schule. Die Erstellung eines Kanons stellt sich der Lesebegeisterte schwierig vor. „Die Relevanz von Autoren und Werken aus verschiedenen Epochen festzulegen, muss kompliziert sein.“ Trotzdem würde Jonathan Goethe und Schiller nicht vom Stundenplan streichen. „Die gehören zu unserer Literaturgeschichte“, ist der 16-Jährige überzeugt.

Dabei stimmt Helen Schuler zu. „Ein bisschen Pflichtlektüre schadet nicht.“Das Drama „Faust“ von Johann Wolfgang von Goethe sollten alle Schüler gelesen haben. „Die Geschichte muss man kennen. Die Auseinandersetzung mit deutschen Autoren ist wichtig für eine kulturelle Identität“, erklärt die Gyamnasiastin aus Barth. Und gesteht, dass sie bei der alten deutschen Sprache jedoch Verständnisprobleme hat. „Zur Abwechslung könnte man moderne Bücher lesen“, wünscht sich die Schülerin.

Großes Verständnis hat die Germanistik-Studentin Eva Maria Degler für die Schüler.„Es ist schwer genug, Kinder zum Lesen zu bewegen. Dreihundert Jahre alte Dramen tragen nicht zur Motivation bei“, weiß die 20-Jährige. „Moderne Literatur empfinde ich als ebenso wichtig wie altertümliche Literatur“, fügt die Studentin aus Rostock hinzu.

Laut der JIM-Studie (Jugend, Information, Multimedia) greifen 46 Prozent der Mädchen gern zum Buch. Dafür liest nur knapp jeder dritte Junge (30 Prozent) regelmäßig. Der Anteil männlicher Nichtleser ist hoch (23 Prozent). Nur 13 Prozent der Mädchen lesen gar nicht. Seit 1998 untersucht die Studie das Medienverhalten von Jugendlichen.

Vom Land Mecklenburg-Vorpommern gibt es keine genauen Vorgaben zur Schullektüre – nur Vorschläge, die zur Orientierung dienen sollen. Einen konkreten Plan zur Pflichtliteratur legen die Fachschaften innerhalb der Schulen fest. In der achten Klasse lesen die Kinder der IGS Grünthal ein Jugendbuch. In der Oberstufe stehen Dramen von Goethe, Lessing und Schiller auf dem Lehrplan, die zur Vorbereitung der Abiturprüfungen dienen. „Wir gehen auch auf die Wünsche der Schüler ein“, sagt Anke Schäning, Deutschlehrerin an der IGS Grünthal. „Es ist jedoch schwierig, ein Buch zu finden, das alle mögen“. Einen festgelegten Bücherkanon für alle Schüler würde die Lehrerin gut finden. „Dort könnten dann viele Themen behandelt werden, mit denen sich jedes Kind auseinandersetzen muss“, meint die Literaturbegeisterte. Laut Anke Schäning fördert Lesen das Textverständnis, den Wortschatz und die Allgemeinbildung. „Die Kinder müssen sich in den Prüfungen in Textform artikulieren können“, sagt die Lehrerin an der IGS Grünthal, „Lesen ist aus diesem Grund essenziell.“

Aber bitte zeitgemäß

„Faust“, „Romeo und Julia“ , „Der Untertan“ ... In zwölf Jahren Schule sammelt sich so einiges an Pflichtlektüre an. Ob man die überhaupt lesen möchte, wird nicht gefragt.

Von einem Schüler wird gefordert, sich sportlich zu betätigen – am besten im Verein. Außerdem sollte sich jeder mit Musik beschäftigen. Spielt man also Handball und Gitarre, nimmt das sehr viel Zeit in Anspruch. Dazu kommen Hausaufgaben und generelles Lernen. Dann entscheidet der Lehrer von einer Stunde zur nächsten, 60 Seiten aus „Das Frühlings Erwachen“ aufzugeben – ein Buch aus dem Ende des 19. Jahrhunderts, das sich unter anderem mit der sexuellen Neugierde von pubertierenden Jugendlichen und ihrer Unwissenheit beschäftigt.

Ein Thema, das vielleicht nicht jedem Schüler liegt. Man kommt in Zeitnot, denn mit dem Aufwand hat man nicht gerechnet. Also weniger Zeit für Familie, Freunde und eigene Interessen. Vielleicht hätte man lieber gemalt, Musik gehört oder Schach gespielt, aber man zwingt sich selbst dazu, die aufgegebene Pflichtlektüre zu lesen.

Das spielt sich nicht nur im Unterrichtsfach Deutsch so ab. Auch Englisch und Französisch ziehen mit. Vielen Schülern wird so die Freude am Lesen genommen. Natürlich gehören einige Werke zum Grundwissen. Man sollte wissen, das mit „Faust“ ein Doktor gemeint ist und nicht die Hand. Aber es gibt auch moderne Klassiker, die behandelt werden sollten. „Harry Potter“ etwa ist für die Gesellschaft seiner Zeit genauso wichtig wie „Der Schimmelreiter“ es einst war. Wenn schon Pflichtlektüre, dann doch wenigstens auch mal zeitgemäße! Isabelle Bendig

Besser als jeder Sachtext

„Wer zu lesen versteht, besitzt den Schlüssel zu großen Taten , zu unerträumten Möglichkeiten“, sagte der britische Autor Aldous Huxley. Aber heutzutage ist das Lesen für viele zu einer lästigen Notwendigkeit geworden. Lieber sitzen die Leute vor dem Flatscreen und meiden jeglichen Kontakt mit dem geschriebenen Wort, ohne zu wissen, was sie eigentlich verpassen.

Ein Bücherkanon kann da helfen. Lesen entspannt und erhöht die Konzentration. Man entwickelt ein besseres Sprachgefühl durch den großen Wortschatz, welcher durch das Lesen erlangt wird. Besonders geeignet dafür sind nun mal Klassiker, die mit ihrer Wortwahl auch Sprachvarianten aufzeigen, die heutzutage nicht so geläufig sind.

Ein Bücherkanon verschafft Leuten, die in ihrer Freizeit schon das Lesen für sich entdeckt haben, einen Einblick in Bücher, die sie im Alltag nicht unbedingt in die Hand nehmen würden. Genauso kann er im besten Fall Unbelesene, die sich nie mit Literatur auseinandergesetzt haben, in die Welt der Bücher einführen.

Ein Maß an literarischem Allgemeinwissen hat noch keinem geschadet und wird das auch in naher Zukunft nicht.

Und wer sagt, dass alle Klassiker schlecht und unverständlich sind? „Das Parfüm“ von Patrick Süskind ist kein Vergleich mit den Stücken von Goethe. Außerdem ist Lesen gut für die Gesundheit. Laut einer Studie von Forschern des French National Institute of Medical Research ist das Risiko auf Demenz bei Nichtlesern erhöht. Und seien wir mal ehrlich, das Lesen von abgekauten Klassikern ist immer noch besser als das Analysieren von Sachtexten.

Sophie Heinen Sabrina Scholz

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