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Hundert Jahre alte Stralsunder Briefe entdeckt

Stralsund Hundert Jahre alte Stralsunder Briefe entdeckt

Ein Sammler aus Nordrhein-Westfalen geriet durch Zufall an die Korrespondenz zwischen zwei Brüdern aus den Jahren 1912 und 1919

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Von Stralsund nach Düsseldorf schrieb F. Engelbrecht seinem Bruder Ernst. Briefmarkensammler Wolfgang Miernik (66) aus Selm in Nordrhein-Westfalen kam jetzt durch Zufall in den Besitz der Korrespondenz aus den Jahren 1912 und 1919.

Stralsund. Ein Zufall hatte sie ihm in die Hand gespielt: Zwei alte abgegriffene Kuverts aus den Jahren 1912 und 1919. Als leidenschaftlicher Briefmarkensammler freute sich Wolfgang Miernik aus Selm in Nordrhein-Westfalen über diese Rarität, von der sich ein Arbeitskollege getrennt hatte.

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Ein Sammler aus Nordrhein-Westfalen geriet durch Zufall an die Korrespondenz zwischen zwei Brüdern aus den Jahren 1912 und 1919

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„Ganz überrascht war ich, als ich feststellte, dass in beiden Umschlägen noch Briefe enthalten waren“, sagt der 66-Jährige. Und von da ab war in ihm der Forschergeist geweckt. Mit Hilfe eines pensionierten Lehrerehepaars aus seinem Ort, der zwischen Münster und Dortmund liegt, gelang es, die nur schwer zu entziffernden Zeilen zu übersetzen. „Ich konnte nur ein paar Worte lesen. Aber jetzt kennen wir den gesamten Inhalt“, freut sich Miernik.

Und siehe da, es handelt sich um die Korrespondenz eines Stralsunders an seinen Bruder Ernst Engelbrecht, der zu jener Zeit offenbar in Düsseldorf lebte. Miernik fand heraus, dass es die Becherstraße und die Cecilien-Allee dort auch heute noch gibt. Und besonders berührte ihn an seiner Entdeckung, dass es nicht nur um den privaten Austausch zu einem offenbar geplanten Reisebuch-Projekt geht, sondern zugleich um Hinweise auf lokale Ereignisse in Stralsund. Also Zeitgeschichte hautnah.

So ist von Schneidermeister Falk aus der Frankenstraße 13 die Rede, der seinen 60. Geburtstag feierte. Von Herrn Holtfreter aus Lobshagen, „der seinen Rheumatismus wohl nie los wird“ oder vom Auftritt einer Violin-Virtuosin. Die erst 14-jährige Irma Surányi aus Budapest reiste mit ihrem Vater und hatte am 11. 11. 1912 ihren Abschiedsabend gegeben. Weiter sollte es nach Würzburg gehen.

Der Stralsunder, der seinen Vornamen mit F. beziehungsweise Frh. abkürzt, berichtete am 13. November 1912, dass im Volksgarten eine Holländische Kapelle zu Gast ist. Zu erfahren war auch, dass Herr und Frau Baars in Hoboken bei New York ein Paket aus Bremen erhalten hatten. Und die große Politik spielte eine Rolle: „Der Krieg in der Türkei dauert an. Griechenland, Montenegro, Serbien, Bulgarien, 4 Staaten gegen die Türkei. Die Zeitungen bringen alle Tage Nachrichten. Hoffentlich geht die Türkei nicht ganz zu Ende.“

Im Mittelpunkt stand jedoch die im Jahr 1913 geplante Veröffentlichung von Reise-Beschreibungen mit Skizzen, die Ernst zur Verfügung stellen sollte. Dabei ging es um Ansichten von Bornholm – Hammerhavn, Blick auf die Hammershus Ruine, die Olskirke und eine kleine Landkarte von Bornholm. „Wir fahren selbst immer wieder gern nach Bornholm. Schön zu lesen, dass dieselben Orte, die wir schätzen, schon vor über 100 Jahren ein beliebtes Reiseziel waren“, sagt Miernik. Allerdings müssten die Skizzen noch in Holz geschnitten werden, gab der Bruder zu bedenken. Das Problem war offenbar die Bezahlung der so genannten Clicheés, der Druckstöcke für die Illustrationen. „Ich würde einen Teil der Kosten übernehmen, wenn (es) nicht zu theuer kommt. Fordert der Clicheé-Anfertiger hohe Preise für sämtliche beabsichtigten Clicheés, so müßten wir bei 2 stehen bleiben. Daß die Verbandskasse so arm ist, kann nichts Außergewöhnliches leisten, ist schade.“

Ob das Buchprojekt verwirklicht wurde, konnten wir bislang nicht in Erfahrung bringen. Weder im Stralsunder Stadtarchiv noch in der Nationalbibliothek gibt es Hinweise. Ernst Engelbrecht muss als Maler gefragt gewesen sein. Denn sein Bruder bat ihn im späteren Brief vom 29. Oktober 1919: „Die Familie Holtfreter möchte gerne ein Ölbild von Dir haben, ich glaube, daß Du diesen Wunsch erfüllen kannst. H. muß etwas zugeben, was er auch gesagt hat. Ich übersende Dir 2 Ansichtskarten, die H. ausgesucht – Sporthafen und Fischerhaus in Reddevitz auf Mönchgut. Das Letztere gefiel der Frau, schließlich fand das Bild mit dem Sporthafen noch mehr Beifall, weil Wald und romantisch.“

Noch schöner wäre es, meinte der Stralsunder Bruder, wenn sich Mönchguter in ihrer Tracht vor dem Haus malen ließen. Jedenfalls wurde Ernst die Entscheidung überlassen: „Du kannst zuvor Deine Ansicht äußern, ob Du ein Bild malen willst und welches.“

Dass sich auch der „treusorgende Bruder“ für Kunst interessierte, geht ebenfalls aus diesem zweiten Brief hervor. Nur ein Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkrieges fand im damaligen Hotel Artushof am Alten Markt in Stralsund eine Gemäldeausstellung statt. Organisiert wurde sie von Frau Piepenbrink aus Hamburg. Gezeigt wurden Landschaften, Waldbilder, Seestücke, Schiffs- und Städtebilder „verstorbener Meister und werdender Künstler“. Und es gab eine Auktion. Mit bestem Gruß und dem Satz „Hier hat sich der Regen eingestellt, scheußliches Wetter. Sonst nichts Neues“, schließt der Brief.

Zu gern wüsste Wolfgang Miernik, was aus dem Reddevitzer Bild von 1919 geworden ist. Für den Pensionär ist es nicht das erste Mal, dass er durch die Briefmarken in Familiengeschichte eintaucht. So hat der frühere Mitarbeiter im Personalwesen des Ruhrkohle-Konzerns schon mal einen Enkelsohn eines österreichischen Absenders ausfindig gemacht und eine weitere Spur bis Paderborn verfolgt.

Die Marken seien so außergewöhnlich wiederum nicht. Es handele sich um zu jener Zeit gebräuchliche Postwertzeichen. Und doch ist es schon ein wertvoller Schatz, den Wolfgang Miernik da gehoben hat.

Die Ansichten sind zur Ergänzung der Reise-Beschreibung doch nothwendig. Du fertigst allerdings die Skizzen an, aber sie müssen doch erst in Holz geschnitten werden. Jetzt hast Du zur Veröffentlichung im Janr. 1913 mehr Zeit...

Der Krieg in der Türkei dauert an. Griechenland, Monte- negro, Serbien, Bulgarien, 4 Staaten gegen die Türkei. Die Zeitungen bringen alle Tage Nachrichten. Hoffentlich geht die Türkei nicht ganz zu Ende.“F. Engelbrecht 1912 an Bruder Ernst

Marlies Walther

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