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Sich zu zähmen, ist gegen menschliche Natur

Stralsund Sich zu zähmen, ist gegen menschliche Natur

In dem Stück „Aarons Schweigen“ thematisiert Gerd-Franz Triebenecker das Begehren / Schauspieler sind Patienten der Forensischen Klinik

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In dem Stück „Aarons Schweigen“ spielen Patienten der Forensischen Klinik.

Quelle: Foto: Juliane Voigt

Stralsund. „Du sollst nicht Begehren!“ Um Habgier, Neid und Eifersucht in Schach zu halten, hilft zum Beispiel eines der Zehn Gebote. Denn der Mensch ist eigentlich ein unersättlicher Egoist. Nur Strafen halten ihn vom Schlimmsten ab. Und vielleicht Regeln. Ein christliches Gebot zum Beispiel.

Sich zu zähmen ist gegen die menschliche Natur. Aber wie weit haben wir alle unser Begehren im Griff? Dieses Thema hat der Theatermacher Gerd Franz Triebenecker nun ausgerechnet mit Patienten der forensischen Psychiatrie für die Bühne erarbeitet. Am Donnerstag war die Premiere in der Klinikumskirche im Krankenhaus West.

Die Bühne zog sich als Schneise wie ein schwarzer Laufsteg durch das Publikum. Darauf sechs Männer, im legeren Schwarz. Das Thema „Begehren“ hat Triebenecker in die biblische Mose-Geschichte auf dem Berg Sinai gelegt. Dieser kurze Augenblick der Menschheitsgeschichte, in dem Moses in grausamer Askese auf einen Wegweiser Gottes wartet. Er erhält von ihm die Zehn Gebote. Aber das dauert dem wartenden Volk Israel zu lange. Am Fuße des Berges gießen sie ein Goldenes Kalb und beten es an. Aaron, der Bruder von Moses, hält sie nicht auf. Die Gier hat sie alle am Schlafittchen.

Der Text für dieses Theater ist zum Teil während der Proben entstanden. In Ermangelung eines Goldenen Kalbes reichte den Männern ein symbolisches Schokoladenei. Fünf Minuten sollten sie es anstarren.

Wer sich beherrschen kann, bekommt ein zweites Ei. Lange, quälende Videosequenzen sind das. (Videos: Christian Klette).

Am Ende können sie nicht mehr an sich halten. Reißen die Verpackung auf und verschlingen es. In Großaufnahme. Man kann geradezu ablesen, wie ihre Gier wächst. Um sich gleich anschließend zu ärgern, weil sie sich selbst um das zweite Ei gebracht haben. „Ihr wolltet satt sein, heute wollt ihr nie wieder Hunger haben“, sagt Aaron noch. „Aber es ist gut, dass wir immer alles wollen, gleich und sofort. Unser Wünschen hält die Welt zusammen“, antworten sie.

Angeheizt wird alles mit Musik von Rammstein, Ton Steine Scherben und Portishead, lLaut und aggressiv. Das wirkt wie ein Halt. Da können die Männer sich in Bildern bewegen. Die weißen Plastikplanen wirken wie Pharaonengewänder. Sich aneinander festhaltend, suchen sie das gelobte Land.

Der Abend faszinierte mit seinen berührenden Bildern. Aber auch mit der Transparenz dieser Darsteller. Man sah ihnen an, was es sie kostete, sich öffentlich zu zeigen. Aber sie sind so frei auch mit ihren Texten umgegangen, dass sie wirklich spielen konnten. Da war auch Witz und Spaß dabei, denn wenn sie Aaron und das gierige Volk szenisch kurzzeitig verließen, ging es um dieses Schokoladenei.

Wie ein Running Gag kam es immer wieder auf das Ei zurück. Und dass man zwei hätte haben können, wenn das mit der Gier nicht wäre.

Die Spieler bekamen lebhaften Applaus – und das war es auch, was sie brauchten nach der Aufregung und Anstrengung. Da flossen sogar Tränen. Alle spielen wahnsinnig gern Theater mit Triebenecker. Aber es kostet sie eine unglaubliche Überwindung, vor Publikum zu spielen.

Proben ist das eine, Premiere etwas ganz anderes. „Wir sind keine Verbrecher. Wir sind vor allem auch Menschen“, sagte einer nach der Aufführung stellvertretend für alle. Begehren, ja – sie wüssten ja nicht, wie viele Jahre sie hier drin bleiben müssen, aber sie wollten doch auch etwas erreichen. Begehren, ja klar – ein Leben in Freiheit oder einer Familie. Das wäre das Ziel. Das Theater sei ein wichtiger Puffer, eine Kompensation im sich täglich Wiederholenden.

Der Chefarzt der Forensischen Klinik, Dr. Stefan Orlob, erkennt bei seinen Patienten deutliche Fortschritte. „Sie sind viel selbstbewusster geworden. Haben eine völlig neue Erfahrung der Wertschätzung und Anerkennung gemacht. Auch neue Körpererfahrungen mit sich und anderen.“ Wichtig sei die Motivation, in der Therapie voranzukommen, sich ein Leben in Freiheit überhaupt erst einmal vorzustellen. Die Wahrheit an Kafkas Zitat „Verkehr mit Menschen führt zur Selbstbeobachtung“ ist hier überdeutlich. Ein berührendes und sehr lebendiges Theatererlebnis.

Weitere Aufführungen: kommenden Dienstag und Donnerstag, jeweils 19 Uhr, sowie am 28. März um 19.30 Uhr, Klinikumskirche, Krankenhaus West.

Christliche Nächstenliebe hinter Gittern

Das Stück „Aarons Schweigen“ ist Teil der Reihe „Kunst, Kultur und Krankenhaus“. Es ist ein gemeinsames Projekt des Helios Hanseklinikums und des Kreisdiakonischen Werks Stralsund. Unterstützt wird es von der Aktion Mensch und der Damp-Stiftung.

Bereits zum zweiten Mal sind Patienten der Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie die Akteure.

Dass dieser Ausblick, diese Lebenserfahrung für sie möglich wird, ist dem Engagement von Gerd Franz Triebenecker zu danken. Eine Grenzerfahrung. Christliche Nächstenliebe hinter Gittern.

Juliane Voigt

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