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Stralsunds Theater wird 100 Jahre alt

Stralsund Stralsunds Theater wird 100 Jahre alt

Zum Festakt heute Abend werden unter anderem Bundeskanzlerin Angela Merkel und Mecklenburg- Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering erwartet.

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Das Theater in Stralsund am heutigen Olof-Palme-Platz auf einer historischen Aufnahme kurz nach seiner Eröffnung. Repro: Stefan Sauer

Stralsund. Heute feiern die Stralsunder und viele illustre Gäste den 100. Geburtstag des Stralsunder Theaters. Aus der näheren Umgebung kommen sie, aus Schwerin wird Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) erwartet und aus Berlin die Kanzlerin Angela Merkel (CDU).

OZ-Bild

Zum Festakt heute Abend werden unter anderem Bundeskanzlerin Angela Merkel und Mecklenburg- Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering erwartet.

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Generalsaniert glitzert es auf dem heutigen Olof-Palme-Platz in der Frühlingssonne wie eben gerade erbaut. Vor 100 Jahren war das noch ein fast unbebauter Platz vor den Toren der Stadt. Denn der Bürger sollte sinnierend zum Theater spazieren wie auf den Grünen Hügel in Wagners Bayreuth — das war gerade das Allermodernste — Alltag und Geschäft hinter sich lassen und sich so wandelnd auf den Abend einstimmen.

Genau genommen ist das Theater am 16. September 1916 eröffnet worden. Es gab natürlich auch vorher schon Theater in Stralsund, immer. Das letzte stand am Alten Markt an der Stelle des heutigen Gewerkschaftshauses. Aber es gab neue Brandschutzvorschriften aus Berlin, und das Haus gehörte irgendwie auch sonst in eine längst vergangene Epoche.

Theater an sich hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine riesige Bedeutung bekommen. Ganz neue Theaterliteratur kam hauptsächlich in Berlin auf die Bühne. Die bürgerliche Gesellschaft spiegelte sich in dem, was da oben auf der Bühne lief. Alles brach auf. Das Regietheater entwickelte sich. Wie wird etwas gespielt und inszeniert?

Das setzte in ganz Deutschland einen ungeheuren Theater-Bauboom in Gang. Jede Stadt baute sich ein eigenes Theater. Das Bürgertum prosperierte nach der Vereinigung zum Deutschen Reich und begann, sich identifikationsstiftende Orte zu schaffen. Theater eben. Theater waren nach der Zeit der großen Stadtkirchen die neuen Orte der Bürgerlichkeit.

Schon 1913 hatte die Stralsunder Bürgerschaft einen einstimmigen Beschluss für den Neubau des Theaters gefasst und reiste in einer Abordnung sogar herum, um sich moderne Theater in Deutschland anzugucken. Der Kölner Architekt Carl Moritz war der, auf den die Wahl fiel. Es war sein siebentes Theater. Außer dem in Stralsund und in Katowice sind übrigens alle seine Theater im zweiten Weltkrieg zerstört worden. Sensationell an diesem Beschluss ist noch heute das Bekenntnis der Stralsunder Bürgerschaft zu einem Theater.

Das hat sich 2005 noch einmal wiederholt. Als die Bürgerschaft 16 von 60 Millionen Euro aus dem Verkauf des Krankenhauses in die Sanierung des Theaters steckte. Seit das Theater existiert, ist seine Berechtigung nie so richtig in Frage gestellt worden. Jedenfalls nicht aus bürgerschaftlicher Sicht. Die Landesregierung ist eben nicht die Stralsunder Bürgerschaft. Es ist schade aber scheinbar utopisch, dass Theater in Deutschland nicht vor dem Zugriff dieser kurzlebigen politischen Perioden als allgemeines Kulturgut geschützt werden können. Generalmusikdirektor Golo Berg: „Theater wirkt immer über Generationen und Jahrhunderte. Es darf nicht von der kurzlebigen Politik verhindert werden.“

Seit fast 100 Jahren haben in diesem Haus immer Menschen auf und hinter der Bühne dafür gesorgt, dass der Vorhang hoch geht. „Dass Theater auf Geschichte aufbaut“, sagt Intendant Dirk Löschner, „ist einem Theatermacher immer bewusst.“ Es komme immer wieder vor, dass er Mitarbeitern für 40 Jahre oder länger an diesem Haus Danke sage. Ein Moment, in dem ihm bewusst werde, welche jahrzehntelange Arbeit ununterbrochen fortgesetzt wurde an so einem Haus. „Immer für den Moment. Immer für den Augenblick“, so Löschner.

In diesem Haus sind viele Kapitel Theatergeschichte geschrieben worden. Alle Sparten hatten hier mal Glanzzeiten oder standen in den letzten 100 Jahren für eine Weile im Schatten. Für das Bürgertum gehört der Abo-Platz im Theater heute wie damals zum öffentlichen Leben. Damals fuhr man auf den Theatervorplatz unter den Balkon und entstieg dem Gefährt mit deutlichem Aufsehen, denn wer nicht ins Theater ging, hatte in der Geschäftswelt schlechte Karten. Business fand in den Pausen statt. Heute ist bei vielen festen Premieren-Abonnenten ein tiefes Bedürfnis nach Schönheit und Kultur zu spüren.

Theater vor der Tür zu haben, feste Ensemblemitglieder auf der Bühne zu erleben, deren Entwicklung man über Jahre begleitet, die Theatermacher immer und immer wieder zu feiern — das gehört alles zu einem bürgerlichen Stadttheater. Stralsund hat das bis zum heutigen Tage — trotz Fusion mit Greifswald zum Theater Vorpommern — zu erhalten geschafft.

Die Konzerte des Orchesters unter Generalmusikdirektor Golo Berg sind der Renner. Große Opern von Opernchef Horst Kupich mit fantastischen Sängern und einem starken Opernchor werden auf dieser Bühne gefeiert. Die Stralsunder sind stolz auf die Ballett-Compagnie von Ralf Dörnen in diesem Haus, der dem Tanz zu einer in Stralsund bis dahin nie gekannten Strahlkraft verholfen hat. Er selbst sagt über seine Motivation: „Mir ist es wichtig, dem Publikum Geschichten zu erzählen. Zum Beispiel zu ergründen, warum sich eine Anna Karenina vor den Zug geschmissen hat.“

Auch das Schauspiel erholt sich. Nach 100 Jahren kann man heute sagen: Gut gehalten! Vorbildlich gealtert! Frisch wie am ersten Tag. Herzlichen Glückwunsch, liebes Theater! Erzähl noch weiter viele viele Geschichten. Von großen Abenden und Jauchzern und Begeisterung, von Buhs und Bähs. Von Klatsch und Tratsch hinter den Kulissen, kleinen Provinz-Skandälchen. Von denen, die kommen und wieder gehen. Von Lachen und von Tränen. Und von den Stralsundern, die immer da gewesen sind und wieder kommen. Von der Liebe dieser Menschen zu ihrem Theater! Denn, was ist ein Theater schon ohne sein Publikum. Hoch lebe das Stralsunder Theater-Publikum!

Festkonzert: Oratorium „Gustav Adolf“ von Max Bruch

Das Festkonzert zum 100. Jahrestag des Theaters wird heute um 19.30 Uhr und am Sonntag um 16 Uhr aufgeführt. Zu erleben ist das Oratorium „Gustav Adolf“ von Max Bruch. Unter Leitung von Generalmusikdirektor Golo Berg (heute) und Nikolaikantor Matthias Pech (Sonntag) musizieren gemeinsam Solisten, Chor und Philharmonisches Orchester des Theaters Vorpommern, der Bachchor an St. Nikolai und der Chor der Opera na Zamku Stettin.

Von Juliane Voigt

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