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Theater als Therapie: Wenn die Masken fallen

Stralsund Theater als Therapie: Wenn die Masken fallen

Spiegelfolie auf dem Boden der ganzen Längsseite des Gustav-Adolf-Saals. Zwei große Seitenwände für Projektionen. „Liebe — deinen Nächsten wie dich selbst!“ hatte am Dienstag Premiere.

Stralsund. Spiegelfolie auf dem Boden der ganzen Längsseite des Gustav-Adolf-Saals. Zwei große Seitenwände für Projektionen. „Liebe — deinen Nächsten wie dich selbst!“

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Spiegelfolie auf dem Boden der ganzen Längsseite des Gustav-Adolf-Saals. Zwei große Seitenwände für Projektionen. „Liebe — deinen Nächsten wie dich selbst!“ hatte am Dienstag Premiere.

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hatte am Dienstag Premiere. Elf junge Menschen im Alter zwischen 13 und 18 haben ihre erste Vorstellung gespielt. Ungeheure Aufregung war das für sie. Spannung, Konzentration und dann: Gemeinsam Abheben!

Regisseur Gerd Franz Triebenecker und Choreografin Judith Piesche haben vier Wochen lang mit ihnen das Stück erarbeitet. Text, Bewegung, Einzel-Szenen. Für Triebenecker ist ein Stück immer erst nach einer Premiere fertig. Das ist Theater. Auch wenn es nicht bis ins Detail sitzt. Egal, Sturm auf die Bühne!

Und das haben sie geschafft. Auch wenn es einigen schwer fiel, sich öffentlich zu zeigen. Denn ihre Lebenswege haben sich auf einer Station der Kinder- und Jugendpsychiatrie gekreuzt. Es sind ganz normale Jugendliche, sie haben nur ein paar mehr Schwierigkeiten mit dem Leben.

Auf der Bühne tritt ziemlich radikal eine Jugendgruppe auf. Zwei gehören nicht dazu, aber das Mädchen und der Junge geraten darüber in Streit. Ein Messer blitzt, er fällt, die Freundin und die Gruppe lassen ihn zurück. Gerettet wird er durch eine Bande, die ihre Identität nicht preisgeben will.

Das ist die Story. Und jetzt geht es an die Arbeit. Denn die Freundin reut schon bald die Attacke. Noch mehr, dass sie ihn da liegen lassen hat. Auch die Gruppe wackelt in ihrer Haltung dazu. Und der Junge, John, hat die übermenschliche Aufgabe, seinen Peinigern zu verzeihen. Dazu kommt, dass seine Retter anonym bleiben. Was ihm auch zusetzt. Eine kriminelle Bande, die viel menschlicher reagiert hat, als der Mob aus den eigenen Reihen?

Das Schwerste, sagen sie, war es, sich selbst ernst zu nehmen bei den Proben. Sie spiegeln sich, wenn sie da vorne stehen, mit sich selbst. Und da zu stehen und nicht zu kichern und das wirklich darzustellen und sich in ihre Rollen einzufühlen, das sei hart gewesen. „Echt sein!“ sagen sie. Die Masken vor den anderen ziehen. Obwohl auch echte Masken auf der Bühne am Ende eine Rolle spielen.

Aber das ist dann wieder ein Schritt mehr Abstraktion und Theater. Das vermittelt Triebenecker.

Und wenn es klappt, dann kommt es auch bei den Darstellern an, was sie da spielen. Ja, dem einen sei es möglich gewesen, zu verstehen, dass John es schafft, allen am Ende zu vergeben. Andere sagen, nein, nie, so würden sie niemandem verzeihen. Aber so eine Arbeit mit diesem Thema ist ja auch ein Stück Therapie. Dass Verzeihen auch Verarbeiten ist, können sie hier im besten Fall lernen.

Abgesehen davon, dass das viele lernen müssten in unserer aufgeräumten abendländischen Gesellschaft. Die Bühne wäre überfüllt, von Menschen, denen es schwer fällt, sich von Hass und Wut zu befreien.

Liebe ist ein großes Thema bei Jugendlichen. Aber ganz schlicht Nächstenliebe, dieser Imperativ: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Die Auflösung der Grenze zu anderen, Empathie und Altruismus, das ist schwer.

Und da ist dieses Stück Theaterarbeit sicherlich ein großer Moment in den Leben dieser jungen Menschen, der vielleicht nachhaltig ist. „Das Erlernen von sozialen Kompetenzen und Einsichten ist etwas, das Theaterarbeit kann.“ So Triebenecker zu der Zusammenarbeit zwischen Kreisdiakonischem Werk und dem Helios Hanseklinikum. Unterstützt von der Aktion Mensch. Es sei hier keine homogene Gruppe gewesen.

Der Klinikalltag lässt eigentlich Gruppenarbeit gar nicht zu, weil jeder Patient in seinem Tagesablauf anders organisiert wird. Aber es sei, da sind sich Judith Piesche und Franz Triebenecker einig, wirklich gelungen. Toll, was sie geschafft haben. Und das ist wahr. Es war eine konzentrierte Aufführung, in der man als Zuschauer leicht hineinfand, weil die Sprache und ihr Umgang miteinander sehr authentisch waren.

Und eins haben sie auch gelernt vom großen Theater: Wenn mal was schief geht — einfach weiterspielen, als gehörte es zum Stück.

OZ

Von Juliane Voigt

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