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Wem gehört das Stralsunder Stadtwappen?

Stralsund Wem gehört das Stralsunder Stadtwappen?

Das Rathaus hat seit 2005 etliche Unterlassungen an Leute verschickt, die das Zeichen verwendet haben / Das sorgt für Ärger, denn für einige ist das Wappen ein Symbol für Heimat

Stralsund. Robert Gränert ist als Ortsvorsitzender der Satirepartei „Die PARTEI“ schon von Haus aus ein Witzbold, doch den Streit mit der Stadtverwaltung um das Stralsunder Stadtwappen findet auch er mittlerweile nicht mehr lustig. Das Rathaus hat ihm nämlich die Verwendung des Wappens auf der Facebook-Seite seiner Partei verboten und ihm in einem Schreiben mit einer Geldstrafe gedroht. Der Steuerfachangestellte hatte in dem sozialen Netzwerk das Wappen mit dem Schriftzug seiner Partei gezeigt und außerdem ein Bild von einem Strand in Griechenland hochgeladen, wo ein Wappen im Sand steckt. Beides ist den Stadtoberen ein Dorn im Auge. Dem 35-Jährigen bleibt da nur Galgenhumor übrig: „Die Stadtverwaltung hat das Internet entdeckt und verbietet alles, was nicht explizit durch ein Gesetz erlaubt ist.“

 

OZ-Bild

Das Stralsunder Wappen wurde 1256 erstmals in einer Urkunde erwähnt.

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So wie Robert Gränert ist es seit dem Jahr 2005 vielen anderen Menschen ergangen. Bis heute wurden aus dem Rathaus 45 Unterlassungen an Leute verschickt, die das Stadtwappen aus Sicht der Verwaltung unerlaubt verwendet hatten. Die Empfänger der Schreiben lesen sich wie ein Querschnitt der Gesellschaft: Vermieter von Ferienwohnungen, Unternehmen, Musikbands und Parteien. Sogar ein Zirkus ist dabei. Sie alle wollten ihre Verbundenheit zu Stralsund ausdrücken — und damit werben. Laut Verwaltung ein Rechtsverstoß. Weil alle das Hoheitszeichen schnell entfernt hatten, wurden bislang keine Geldstrafen verhängt. Dennoch stellt sich die Frage: Wem gehört eigentlich Stralsunds Stadtwappen?

Zwar ist das Zeichen der Stadt urheberrechtlich frei, doch wird es durch das Namensrecht im Bürgerlichen Gesetzbuch geschützt. Nach gängiger Rechtsprechung ist ein Wappen genauso zu behandeln wie ein Name. Das heißt, wenn jemand ein fremdes Hoheitszeichen verwendet und dadurch für den Träger eine Beeinträchtigung entsteht, kann der dagegen vorgehen.

Die Stadtverwaltung sieht diese Beeinträchtigung ihrer Rechte darin, dass bei den Leuten Verwirrung entstehen könnte, wenn sie bei Dritten auf das Hoheitszeichen der Hansestadt stoßen. „Es entsteht der Anschein, dass der Nutzer im Auftrag der Hansestadt agiert. Im Gegenzug entsteht der Eindruck, dass sich die Hansestadt mit den Zielen des Nutzers identifiziert“, sagt Stadtsprecher Peter Koslik.

Schließlich kennzeichnet die Stadt mit dem Zeichen ihre amtlichen Schreiben und Bekanntmachungen.

Für manchen Stralsunder ist das schwer einzusehen. Als die Stadt im vergangenen Sommer auf die rechtlichen Wappen-Feinheiten hinwies, äußerten viele ihr Unverständnis. „Man darf also keine Werbung für seine Geburtsstadt machen? Oder Stolz und Verbundenheit zeigen? Gehts noch?“, schrieb einer. Ein anderer fragt: „Ich habe gehört, dass es Menschen gibt, die sich das Wappen tätowieren lassen haben. Müssen die jetzt mit einer Strafe rechnen?“ Viele verbinden das Zeichen nicht nur mit dem Bußgeldschreiben, sondern begreifen es als Symbol ihrer Stadt schlechthin.

Tatsächlich wird das Wappenbild von Historikern als Pfeil interpretiert, der sich vom ersten Teil des Namens der Stadt ableitet: Stralow ist slawisch und bedeutet Pfeil. Die ältesten Darstellungen finden sich auf Siegeln. Das Wappen hatte also von Anfang an die Funktion, Dokumente zu beglaubigen. Erstmalig erwähnt wird es in einer Urkunde für das Heilgeisthospital 1256. Das älteste erhaltene Siegel in den Beständen des Stadtarchivs befindet sich an einer Urkunde von 1265.

Robert Gränert, der Ortsvorsitzende der „PARTEI“, hat sich als Reaktion auf das Wappenverbot nun eine eigene Version des Hoheitszeichens entworfen. Den Pfeil strich er durch, dem Kreuz fügte er dagegen einen Kreis hinzu. So entstand das Venussymbol, die stilisierte Darstellung der Weiblichkeit. Das neue Wappen postete Gränert am 8. März bei Facebook — zum Frauentag. Das passt, denn Weiblichkeit steht bekanntlich für Frieden und Harmonie. Von der Stadtverwaltung hat Gränert seitdem nichts mehr gehört.

Warum das Wappen auf Souvenirs erlaubt ist

Das Verwenden des Stralsunder Wappens auf Tassen und T-Shirts in Touristenshops ist nach Angaben der Stadtverwaltung rechtens, solange eine Genehmigung vorliegt. „Bei diesen Artikeln entsteht nicht der Anschein, dass es sich um Aktivitäten oder Mitteilungen handelt, mit denen sich die Behörde an die Öffentlichkeit wendet“, sagt Stadtsprecher Peter Koslik. Sie dienten lediglich dazu, den Bekanntheitsgrad der Hansestadt Stralsund zu erhöhen. Genehmigungen werden auch bei Ereignissen wie dem Rügenbrückenlauf, den Stadtjugendsportspielen oder auch den Seniorenkulturtagen erteilt.

Von Alexander Müller

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