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Stralsund Da zeigt ein Lehrer Rückgrat – und soll abgestraft werden
Vorpommern Stralsund Da zeigt ein Lehrer Rückgrat – und soll abgestraft werden
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18:08 14.02.2019
Mit dem Stundenausfall an der Diesterweg-Schule in Stralsund beschäftigte sich auch die Bürgerschaft. Quelle: Stefan Sauer
Stralsund

Viele Stralsunder Eltern sind empört, und das nicht nur, weil der Lehrermangel längst an den Schulen der Hansestadt zu spüren ist. Wie Zuschriften an die OZ zeigen, können die Meisten nicht fassen, dass dem Pädagogen der Diesterweg-Schule, der auf den Unterrichtsausfall aufmerksam gemacht hatte und der von einer besorgniserregenden Entwicklung sprach, nun Konsequenzen drohen (die OZ berichtete am 7. Februar).

„Der Lehrermangel in Mecklenburg-Vorpommern besteht schon seit Jahren, nur wurde dieses Thema immer verdrängt. Alle Instanzen, vom Ministerium angefangen, haben das Problem immer verschleiert. Und nun hat doch ein Lehrer tatsächlich das Rückgrat und nennt das Kind beim Namen, sagt die Wahrheit“, so OZ-Leser Horst Spengler und ärgert sich über einige Kommunalpolitiker: „Da wird in der Stralsunder Bürgerschaft allen Ernstes unterstützt, dass der Lehrer disziplinarisch zur Verantwortung gezogen wird. Ich war immer der Meinung, wir hätten in Deutschland das Recht der freien Meinungsäußerung? Diese oben geschilderte Situation erinnert mich fatal an längst vergangene Zeiten“, sagt der 86-Jährige, selbst 43 Jahre Lehrer, unter anderem an der EMA, am Goethe und in Norwegen.

Auf Facebook schrieb uns Antje Marsch: „Vielleicht der nächste Lehrer, der sich an einer Freien Schule bewirbt? Hat sich in der Stralsunder Bürgerschaft noch nicht rumgesprochen, dass die Regeln der Marktwirtschaft eigentlich auch für den Arbeitsmarkt gelten? Uns fehlen die Lehrer, vergraulen wir sie doch...“

„Traurigkeit und auch gewisse Empörung macht sich bei mir breit, wenn ich lese, wie sich Politiker, aber auch Landesbedienstete im Bildungswesen über das schon seit einigen Jahren bekannte Problem des Lehrermangels an den Schulen positionieren. Letztendlich wurden doch bisher die Hilferufe von allen Seiten mehr oder weniger ignoriert“, schreibt Frank Gruchow und meint „Jetzt endlich wurde diese Thematik auch in Stralsund öffentlich gemacht, man kann dem Kollegen der Diesterweg-Schule nur gratulieren und beipflichten. Denn das ist ja leider kein Einzelfall“, findet der Pädagoge, der zurzeit eine 3. Klasse mit Schwerpunkt LRS unterrichtet.

Unstrittig sei, dass es keine Lehrer für die verschiedensten notwendigen Fachrichtungen gebe. Hier habe insbesondere das zuständige Ministerium, aber auch die Politik vollständig versagt. „Genug ausgebildete Lehrer oder auch notwendige Vertretungslehrer gibt es nicht. Seiteneinsteiger haben sich im Einzelfall bewährt, jedenfalls an unserer Schule, bekommen aber kaum die notwendige Unterstützung, auch langfristig wirksam zu werden bzw. werden nach der Befristung nicht weiter beschäftigt. Und zu allem Übel kommen dann noch neue und nicht zu Ende gedachte Konzepte des zuständigen Ministeriums hinzu, die im Rahmen der Inklusion eher eine Rückwärtsentwicklung bedeuten...“

Man brauche schnell eine Lösung, so der Stralsunder Lehrer, der an das Gagarin-Grundschule unterrichtet. Denn auch zum Ende dieses Schuljahres gehen viele Lehrer in den wohlverdienten Ruhestand. Doch Frank Gruchow will nicht nur kritisieren, der 58-Jährige, der seit 1981 im Schuldienst tätig ist, hat auch Vorschläge.

„Referendare sollten einen größeren Anteil an zu unterrichtenden Stunden bekommen. Seiteneinsteiger müssen nicht nur weiter qualifiziert werden, sondern auch selbstständiger unterrichten dürfen. Bei der Lehrerausbildung müsste meiner Meinung nach auch der Praxisanteil erhöht werden.“ Er findet zudem, dass Schulpraktikanten der oberen Klassen bei entsprechender Anleitung vorübergehend in der Grundschule aushelfen könnten. „Wir haben da bisher nur sehr gute Erfahrungen gemacht“, so Gruchow und sieht einen weiteren Ansatz darin, Integrationshelfer so fit zu machen, dass sie in Notfällen einzelne Stunden unterrichten können.

Und auch auf die Frage, wer das bezahlen soll, hat der Stralsunder eine Antwort: „Wenn das Land Geld hat, um Neulehrer einzustellen, diese aber nicht verfügbar sind, dann sollte man im Ministerium auch mal darüber nachdenken, ob man für all diese Menschen, die bereit wären, uns zu unterstützen, mit einer Aufwandspauschale je nach geleisteten Stunden honorieren kann.

Der Stralsunder Rocco Pantermöller deutet ebenfalls Probleme an der Diesterweg-Schule an, speziell in der 3. Klasse. „Wir haben uns mit der Schule auseinandergesetzt. Und von anderen Eltern weiß man, dass es in anderen Schulen nicht besser aussieht. Deshalb finde ich es schade, dass der Bürger-für-Stralsund-Antrag in der Bürgerschaft nicht durchging. Aber ich möchte dem einen Lehrer danken, der sich getraut hat...“

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