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MS „Aquarius“ rettet Hunderte Flüchtlinge aus Seenot

Mukran/Rom MS „Aquarius“ rettet Hunderte Flüchtlinge aus Seenot

Die Helfer kreuzen mit dem Schiff einer Jasmunder Reederei durch das Mittelmeer

Mukran/Rom. Es sind dramatische Szenen, die sich im Mittelmeer abspielen. Seit Ende Februar ist die Hilfsorganisation SOS Mediterranée mit dem Motorschiff „Aquarius“ auf Rettungsmission zwischen Libyen, Sizilien und Lampedusa im Einsatz, um Flüchtlinge zu retten. Das Schiff, das die Lietzower Reederei Jasmund Shipping zuletzt für Vermessungsfahrten zur Erkundung von Öllagerstätten, bei der Verlegung von Seekabeln und im Windenergiegeschäft verchartert hatte, war Anfang des Jahres mit seinem neuen Auftrag von Mukran aus gestartet. Seitdem haben die Mannschaft und die Retter an Bord viel menschliches Leid und Elend sehen müssen. Hunderte Menschen haben sie aus höchster Not gerettet und aus dem Wasser gefischt.

Allein am vergangenen Wochenende. 116 Menschen holte das sechsköpfige Rettungsteam an Bord, wo sie von sieben medizinischen Kräften von „Médecins du Monde“ („Ärzte der Welt“) betreut wurden. „Unter den Flüchtlingen waren 20 Frauen, ein Kleinkind und mehrere Verletzte“, erzählt Jana Ciernioch, Sprecherin der Hilfsorganisation. Die Menschen waren von der Elfenbeinküste, aus Nigeria, Kamerun, Gambia, Mali, Guinea, Togo, dem Sudan und Liberia geflohen. „Unter den Verletzten waren auch vier Männer mit Schusswunden“, sagt Ciernioch. Ein Schiff der italienischen Marine hatte die Geretteten übernommen und nach Italien gebracht. Die „Aquarius“ sollte laut Rettungsleitstelle in Rom, die die Einsätze koordiniert, in dem Seegebiet bleiben. Denn derzeit schwillt der Strom der Menschen, die an dieser Stelle versuchen, von Afrika nach Europa zu gelangen, deutlich an.

Das bewahrheitete sich nur einen Tag später. 108 Menschen trieben bei Windstärke fünf bis sechs und bis zu zwei Meter hohen Wellen in einem Schlauchboot, das bereits die Hälfte seiner Luft verloren hatte, unter Wasser stand und dessen Motor seit Stunden nicht mehr funktionierte. Wie einer der Geretteten berichtete, hatten sie neun Stunden zuvor die libysche Küste verlassen. 135 Menschen hatten in Zabratah das Boot bestiegen, 108 konnte die „Aquarius“ später lebend an Bord nehmen. Sechs Leichen wurden auf dem Boden des Schlauchboots entdeckt, berichtet Jana Ciernioch. Die Mission war heikel: Das Schlauchboot war so instabil, dass es auf der rauen See nicht so dicht wie notwendig an die „Aquarius“ herangezogen werden konnte. „Es brauchte sechs Fahrten mit dem Rettungsboot, um alle 108 Überlebenden sicher an Bord zu bringen“, so die Sprecherin von SOS Mediterranée.

In ihrer Panik seien einige Menschen während des Rettungseinsatzes ins Meer gesprungen. „Zwei von ihnen sind dabei ertrunken, ein Dritter konnte gerettet werden.“ Die Überlebenden stammten aus Gambia, Guinea-Bissau, Guinea-Conakry, von der Elfenbeinküste, aus Togo, Nigeria, Mali, Sudan, Eritrea und Äthiopien. Sie waren zum Zeitpunkt ihrer Rettung unterkühlt und standen teilweise unter Schock. „Einige von ihnen konnten kaum gehen, andere waren komplett unbekleidet.“ Sie wurden vom Team der Organisation „Ärzte der Welt“ betreut.

Wie Jana Ciernioch sagt, machen sich trotz des schlechten Wetters immer wieder Menschen von Libyen aus auf den Weg über das Mittelmeer nach Europa. Die Helfer werten das als deutliches Zeichen dafür, dass sich die Situation der Menschen in ihren Heimatländern von Tag zu Tag verschlechtert. Ohne den Einsatz der Hilfsorganisationen und der vielen Freiwilligen würden dabei noch mehr Menschen umkommen. Denn selbst für die Retter sind Hilfsaktionen lebensgefährlich: Während die „Aquarius“ die Flüchtlinge aus dem Meer retten konnte, hatte ein Tanker in der Nähe kurz zuvor eine Rettungsaktion aufgrund der schwierigen Bedingungen und des Risikos für die eigene Schiffsbesatzung ablehnen müssen. Jana Ciernioch: „Ohne den Einsatz der Crew von SOS Mediterrannée wären alle 108 Menschen ertrunken.“

Den Chartervertrag für das Schiff der Rügener Reederei hat die Hilfsorganisation gerade bis Ende des Jahres verlängert. Die Finanzierung der Einsätze ist bis Ende des Monats gesichert. „Derzeit sind wir mit weiteren Organisationen und Großspendern wegen finanzieller Unterstützung im Gespräch“, so Jana Ciernioch.

Ziel sei, langfristig solche Hilfseinsätze absichern zu können. „Dabei helfen uns auch die vielen kleinen Spenden, die uns täglich von den Menschen erreichen.“

Von Maik Trettin

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