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Marthas Rezept: Viel Gemüse und jeden Tag einen Pudding

Stralsund Marthas Rezept: Viel Gemüse und jeden Tag einen Pudding

Die Hansestädterin feiert heute ihren 100. Geburtstag / Täglich nach dem Frühstück liest sie die OSTSEE-ZEITUNG/ Eine Brille braucht sie dafür nicht

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Tochter Heidrun und Sohn Dietmar kümmern sich liebevoll um ihre Mutter Martha Schulz, die heute mit 60 Gästen ihren 100. Geburtstag feiert. Zur Familie gehören 13 Enkel, 13 Urenkel und drei Ur-Urenkel. Emma, die Jüngste ist gerade ein Jahr alt.

Quelle: Marlies Walther

Stralsund. Das blaue Strickzeug liegt in einem Korb. Auf dem Tisch steht ein Rosenstrauß, daneben die OSTSEE-ZEITUNG. Die liest Martha Schulz jeden Tag nach dem Frühstück.

Eine Brille braucht sie dafür nicht. Es ist gemütlich in der kleinen Wohnung in Knieper Nord.

Seit 50 Jahren lebt die Seniorin in dem Haus der Wohnungsgenossenschaft „Aufbau“. Hier wurde sie alt. Richtig alt. Den heute feiert die Stralsunderin ihren 100. Geburtstag mit über 60 Gästen aus ganz Deutschland im Prohner „Gasthaus zur Kurve“. Und sie ist total gut drauf. Was hat die Dame, die kräftige Farben liebt und zu ihrer roten Bluse dezent den passenden Lippenstift

auflegt, nur für ein Rezept, dass sie immer noch so fit ist?

„Ich musste ja gesund bleiben, denn ich hatte immer eine große Familie“, meint die Hansestädterin lachend und erinnert sich daran, dass sie noch mit 90 Jahren zu Silvester mindestens 100 Pfannkuchen gebacken hat. Heute gehören zur Familie allein 13 Enkel, 13 Urenkel und drei Ur-Urenkel. Die Jüngste, Emma, ist gerade ein Jahr alt.

„Immer habe ich viel gearbeitet“, erzählt die Mutter von sechs Söhnen und Töchtern. Drei ihrer Kinder überlebte sie. Vor allem das tägliche frühe Aufstehen gegen sechs Uhr habe sie immer beibehalten.

Erst in letzter Zeit gönnt sie sich ein etwas längeres Ausschlafen. Und sie habe immer sehr gesund — viel Obst und Gemüse — gegessen. Das sei in den Kriegsjahren voller Entbehrungen nicht leicht gewesen. Und bis heute muss es jeden Tag auch ein Pudding sein.

Wie das Sonntagskind, das am 27. Februar 1916 im Kreis Dramburg in Hinterpommern zur Welt kam, das lange Leben voller Höhen und Tiefen verbrachte, das kann die Familie seit dem vergangen Jahr schwarz auf weiß nachlesen.

Tochter Heidrun hat die Erlebnisse der Omi, wie sie in der Familie von allen genannt wird, in einem Buch zusammengestellt. Gemeinsam mit Bruder Dietmar (69) — der täglich zur Betreuung kommt — kümmert sich die 71-jährige Rüganerin am Wochenende rührend um die Mutter.

Martha Schulz wollte, dass ihre Nachkommen erfahren, wie es ihr ergangen ist, geboren mitten im Ersten Weltkrieg. Wie sie den Zweiten Weltkrieg überlebte, die Flucht, wie sie das karge Neubauernanwesen in Spoldershagen bei Barth mit ihrem Mann, einem Schäfer, bewirtschaftete. Wie das Ehepaar mit den Kindern 1949 nach Stralsund zog, weil Karl eine bessere Arbeit auf der Werft erhielt und Martha an der Volkshochschule tätig wurde. Und wie sie nach der Wende durch die Welt jettete.

Mit dem Reisen hatte es ihr Ehemann, der 1988 verstorben ist, nicht so. Als er ihr riet, das kannst du alles nachholen, wenn ich mal nicht mehr bin, hatte Martha nur ungläubig abgewunken. Nie hätte sie zu träumen gewagt, dass sie tatsächlich noch einmal so viele Länder sehen würde, von Mallorca bis Malta, von den Kanaren bis Frankreich... Ihre bunten Lebensgeschichten, darunter auch manch ungedruckte, werden mit Sicherheit heute die Runde machen. Bei der großen Party zum „100.“.

Hochschwanger hinterm Pflug über den Kartoffelacker

Auszug aus dem Buch: „Höhen und Tiefen des 99-jährigen Lebens meiner Mutter Martha Schulz“ von Heidrun Tietz.

„Morgens hieß es um 5 Uhr aufstehen, die Kuh melken, Schweine füttern und die kleinen Enten- und Hühnerküken versorgen... Die Kartoffeln mussten in die Erde. Karl nahm Gerda mit aufs Feld. Sie sollte das Pferd leiten, während er mit dem Pflug die Furchen zog. Unser Kartoffelacker war dicht neben unserem Haus. Ich hörte, wie Karl mit dem Mädchen umherschimpfte. Ich ging hin, um Gerda abzulösen. Aber der blöde Gaul wollte auch bei mir nicht ordentlich gehen. So musste Karl ihn und ich den Pflug halten. Das war für mich sehr schwierig. Ich war hochschwanger, und der dicke Bauch störte bei dieser Tätigkeit erheblich. Das Bild, das wir boten, war sicher genauso unförmig, wie mein derzeitiger Vorbau. Ein Bauer, der vorbeikam, schimpfte mit Karl, wie er das in meinem Zustand zulassen könne, dass er mich kaputt machen würde. Aber da kannte mein Mann nichts. Der Kartoffelacker musste fertig werden! Und er wurde fertig! Drei Tage später habe ich trotzdem ein gesundes Kind zur Welt gebracht. Es war wieder ein Junge.“



Marlies Walther

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