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Mediziner erforscht Euthanasie

Stralsund Mediziner erforscht Euthanasie

Erwin Walraph berichtet über die geistigen Wegbereiter.

Stralsund. Seit 1982 befasst sich der Immunologe Erwin Walraph damit, wie die Nationalsozialisten Stralsunder ermordeten, die sie als „lebensunwert“ bezeichneten.

Aus Sicht des 75-Jährigen reicht es nicht aus, Einzelschicksale nachzuzeichnen. „Wir müssen uns vergegenwärtigen, was zur Euthanasie geführt hat“, betont der Mediziner. Für ihn steht fest, „dass man genetisch kein Volk züchten kann, das ist schon durch Statistiken widerlegt“. Auf Einladung der Bürgerschaftsfraktion Adomeit berichtete er über „Eugenik in verschiedenen Gesellschaftsformen“.

Seit der Frühzeit sei die Tötung von Neugeborenen als Mittel der Geburtenkontrolle belegt. Erst mit der Verbreitung des Christentums setzte sich der Gedanke durch, dass grundsätzlich jeder Mensch ein Recht auf Leben hat.

Ende des 19. Jahrhunderts prägte der Brite Francis Galton den Begriff Eugenik. Gemeint war damit die Anwendung wissenschaftlicher Konzepte auf die Bevölkerungs- und Gesundheitspolitik, um den Anteil positiv bewerteter Erbanlagen zu erhöhen.

Wilhelm Schallmayer und Alfred Ploetz gelten als Begründer der „Rassenhygiene“ in Deutschland. Das 1920 erschienene „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form“ von Karl Binding und Alfred Hoche enthielt viele der später von den Nationalsozialisten verwendeten Begriffe. 1934 veröffentlichten Erwin Baur, Eugen Fischer und Fritz Lenz „Menschliche Erblehre und Rassenhygiene“. Die geistigen Wegbereiter der Euthanasie wurden nie juristisch belangt. Fischer wurde in den fünfziger Jahren sogar Ehrenmitglied der deutschen Gesellschaften für Anthropologie und Anatomie. Die Euthanasie-Verantwortlichen im Stralsunder Krankenhaus hätten sich in der Regel durch Selbstmord oder Flucht in den Westen Ermittlungen entzogen, berichtete Walraph. 35

Zwangssterilisierten, auf die das 1934 in Kraft getretene „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ angewendet wurde, habe er nach jahrelangem Aktenstudium zumindest zu einer Entschädigung verhelfen können.

Der Mediziner warf auch einen Blick ins Ausland. Bis heute werden trotz staatlicher Strafandrohungen vor allem in Asien Neugeborene getötet. In Indien seien mehr als 60 Methoden dazu bekannt, so Walraph. Säuglingen wird zum Beispiel ungekochter Reis verabreicht, durch den ihre Luftröhre aufgerissen wird. In den USA oder Westeuropa seien teilweise bis in die 90er-Jahre Zwangssterilisationen vorgenommen worden. Vom 26. bis 28. April tagt im Krankenhaus West der Arbeitskreis zur Erforschung der Euthanasie in Deutschland.

Karin Rogalska

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