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Meister der Filmmusik auf Hiddensee

Meister der Filmmusik auf Hiddensee

Jazzmusiker Günther Fischer schrieb die Soundtracks zu über 200 Kino- und TV-Produktionen

Vitte Mit den Soundtracks zu den Filmen „Solo Sunny“ oder „Schöner Gigolo, armer Gigolo“ wurde er einem Millionenpublikum bekannt. Am Wochenende gastierte der Jazzmusiker und Komponist Günther Fischer auf Hiddensee. Hier ist er Schirmherr der Homunkulus Kammermusiktage. Die OZ sprach mit dem bekannten Künstler.

 

OZ-Bild

Günther Fischer im Homunkulus Figurentheater in Vitte auf Hiddensee.

Quelle: Anne Ziebarth

Musik für Film und Fernsehen

Günther Fischer wurde 1944 in Teplitz (heute Polen) geboren und wuchs in Zwickau auf. Er studierte an der Musikhochschule „Hanns Eisler“ in Berlin, gründete eine eigene Jazzband, mit der er durch Europa tourte. Fischer schrieb Musik für über 200 Filme und Fernsehserien.

Was ist zuerst da – der Film oder die Filmmusik?

Günther Fischer: Normalerweise ist der Film zuerst fertig, und ich komponiere passend zu den Szenen. Dabei überlege ich oft bis zur letzten Minute. Natürlich komponiert man die Musik in Absprache mit dem Regisseur, aber es gibt unendlich viele Möglichkeiten. Große Besetzung oder einzelne Instrumente? Modern oder klassisch? Bei Filmen, in denen Musik eine wesentliche Rolle spielt, wie bei „Solo Sunny“ zum Beispiel, ist die Musik natürlich zuerst fertig. Die Künstler müssen ja wissen, was sie singen sollen.

Was für eine Rolle spielt Musik in ihren Augen für das Gelingen eines Films?

Fischer: In Musikfilmen natürlich eine ganz herausragende, das ist klar. Generell soll sich die Musik aber eher zurücknehmen und die Stimmung des Films unterstreichen. Das erreicht man übrigens nicht immer mit düsterer Musik zu einer traurigen Szene. Ich arbeite auch gerne mit gegenläufiger Musik. Eine leichtere Melodie kann einer traurigen Szene noch einmal eine ganz eigene Melancholie geben. Außerdem finde ich es toll, wenn Regisseure Musik bewusst nutzen, um dem Zuschauer auch mal einen Moment Zeit zu geben, in der Stimmung des Filmes anzukommen.

Sie haben an Filmen in der DDR aber auch in der BRD mitgewirkt. Wie haben sie das geschafft?

Fischer: Ich war relativ früh in meiner Karriere sehr erfolgreich und wurde nachgefragt. Für die DDR war ich somit ja auch ein gutes Aushängeschild. Nach den Protesten zur Biermann-Ausbürgerung 1978 hatte sich die Haltung zu Auslandsreisen von Künstlern ja auch gewandelt. Aus Sorge, weitere Musiker könnten die DDR in Scharen verlassen, wurden die Einschränkungen gelockert. Das internationale Arbeiten und in der Welt rumkommen war für mich unheimlich wichtig. Als das Angebot kam, die Musik für den letzten Marlene Dietrich-Film (Anm. der Red.: „Schöner Gigolo, armer Gigolo“ von Regisseur David Hemmings) mit David Bowie und Kim Novak zu schreiben, habe ich sofort zugesagt. Ich glaube, wenn man mir die Möglichkeit auf internationale Arbeit genommen hätte, wäre ich gegangen.

Haben Sie denn mal überlegt, nach einem Konzert oder einem Auftrag im Ausland einfach dazubleiben?

Fischer: Na klar. Auf einer Reise nach Schweden war ich kurz davor. Alleine wollte ich diesen Schritt aber doch nicht wagen. „Zicke, was machen wir denn jetzt?“, habe ich meinen Schlagzeuger gefragt. Er hatte aber gerade sein erstes Kind bekommen und wollte nicht so recht. Später habe ich nicht mehr so viel darüber nachgedacht. Ich hatte selber Familie und der Erfolg bindet einen ja auch. Ich hatte gute Möglichkeiten, mich in meiner Arbeit zu verwirklichen und bekam jegliche Unterstützung – wollte ich ein Sinfonieorchester, bekam ich es. Das wäre nicht überall so gewesen.

Wie lebte es sich als Künstler der Filmbranche in der DDR? Wie stark haben sie die Zensur empfunden?

Fischer: Ich hatte überwiegend mit Filmmusik zu tun, die stand nicht so im Fokus der Zensur. Natürlich habe ich aber mitbekommen, was die Kollegen für Probleme hatten. Zum Teil ging man soweit, dass in einen Film extra Elemente eingebaut wurden, die auffällig provokativ waren. Damit die Zensur diese Stellen beanstandete und andere vielleicht nicht bemerkte. Man hat viel mit Anspielungen und Doppeldeutigkeiten gearbeitet. Familiäre Probleme im Film zum Beispiel konnten einen größeren Bezug haben – dann standen sie für Auseinandersetzungen in der Gesellschaft.

Sehen sie sonst noch Unterschiede zwischen Filmen der DDR und der BRD?

Fischer: Einen Unterschied im Sinne von gut und schlecht kann ich nicht ausmachen. Schließlich hängt auch immer viel von der individuellen Person des Regisseurs ab. Und da gab es auf beiden Seiten gute und schlechte. Manchmal denke ich aber heute im Rückblick, dass viele Filme in der DDR mit mehr Hingabe gedreht wurden. Es gab ja schon eine Mangelwirtschaft, man musste sich oft behelfen. Meistens wurde das aber mit viel Einfallsreichtum und Liebe zum Detail wieder ausgeglichen. Außerdem tut eine gewisse Reduzierung den meisten Filmen ja auch gut.

Sie haben fast alle Stücke für ihren damaligen Musikerfreund Manfred Krug geschrieben. Der beschuldigte sie 1993 in einem Brief an den Spiegel, für die Stasi gearbeitet zu haben. Ist an den Vorwürfen etwas dran?

Fischer: Nein. Ich habe nicht für die Stasi gearbeitet, habe damals auch vom Spiegel nicht die Möglichkeit bekommen, mich dazu zu äußern. Diese Vorwürfe haben mich erschüttert, und es ist auch jetzt nach so vielen Jahren noch schade, dass diese Freundschaft zerbrochen ist.

Wie sehen ihre musikalischen Zukunftspläne aus?

Fischer: Ich bin jetzt auf einer anderen Schiene unterwegs, mache derzeit kaum Filmmusik, spiele dafür aber umso lieber mit anderen Musikern. So wahrscheinlich auch bei den Kammermusiktagen auf Hiddensee. Seit einigen Jahren lebe ich in Irland. Auch das ist für mich eine großartige musikalische Erfahrung. Hier geht es locker zu, man trifft sich abends zum Musizieren. Das gemeinsame Improvisieren ist von unglaublicher Intensität.

Anne Ziebarth

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