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Stralsund Mit Wasserstoff zum Europameistertitel
Vorpommern Stralsund Mit Wasserstoff zum Europameistertitel
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00:05 02.06.2017
Zurück in der ThaiGer-Werkstatt an der Hochschule passt das Siegerfahrzeug von London auf zwei zusammengestellte Tische. Das studentischen Projektteam hat sich dahinter aufgestellt und die beiden Fahrerinnen Janika Schmeiser und Merit Hantke präsentieren stolz den Siegerpokal. Quelle: Foto: Jörg Mattern
Stralsund

Gummibärchen oder Bier? Noch läuft unter den Studenten des ThaiGer-H2-Racing- Teams der Hochschule Stralsund die Diskussion, womit der Siegerpokal zuerst gefüllt werden müsste. Auf jeden Fall würde von beidem viel gebraucht: Fünf Liter dürften in die Trophäe passen. Eine überglückliche Truppe präsentierte sich und ihr Siegerfahrzeug jetzt im Institut für regenerative Energiesysteme (IRES) der Hochschule Stralsund. Im letzten Jahr in London noch Vize-Europameister des Shell Eco-Marathons bei den Prototypen der wasserstoffgetriebenen Fahrzeuge, gelang am Sonntag in der britischen Hauptstadt der Griff nach dem Pott.

Das ThaiGer-H2- Team der Hochschule Stralsund gewann im zehnten Anlauf den Shell- Eco-Marathon

Merit Hantke fuhr den entscheidenden 5. Wertungslauf, der am Ende mit dem Wasserstoff aus der bierflaschengroßen Druckflasche 50 Kilometer weiter führte als jener der Konkurrenz aus Turin, die Ferrari als Sponsor im Rücken hat. „Ich saß drin, aber es ist der Erfolg der Arbeit des ganzen Teams“, sagt die 20-Jährige, die im 2. Semester Regenerative Energien studiert. Während sie durch ihr Studium einen Bezug zum Thema Wasserstoff hat, kommt Janika Schmeiser (20), aus dem Fachbereich Wirtschaft, studiert Leisure Tourism Management (LTM). Sie ist die zweite Fahrerin, die den ThaiGer, in London über die Piste fuhr. Der Wettkampf hat auch sie noch nicht losgelassen: „Die Strecke war schwierig. Besonders an der 200 Meter langen Steigung musste man ordentlich Schwung holen.“

Der war immer dann dahin, wenn am Anstieg aus Sicherheitsgründen die gelbe Flagge geschwenkt wurde, weil etwa ein Fahrzeug liegen geblieben war. „Das machte uns Wertungsläufe, in denen wir gut unterwegs waren, zunichte. Der Schwung reichte nicht mehr über die Anhöhe“, berichtet Merit Hantke.

Über Headset hielten die Fahrerinnen mit dem Team Kontakt. Für beide war das hilfreich. Immerhin mussten 16 Kilometer gefahren werden, aufgeteilt auf zehn Runden. Und wenn sich eine beim Rundenzählen mal verhaspelte, kam sofort die richtige Ansage. Da das Rennen innerhalb von 39 Minuten gewertet wurde, dienten die Durchsagen auch zur Fahrteinteilung. „Es ist optimal, wenn das Auto 30 Sekunden vor Zeitende durchs Ziel rollt“, weiß Merit. „Gleichmäßige Fahrweise spart Wasserstoff.“

Mit zwei Tonnen Technik war das H2-Racing-Team nach London gefahren und bezog eine kleine Werkstatt an der Strecke. „5.30 Uhr gab’s Frühstück und dann ging’s zum ThaiGer“, berichtet Annika Döring, ebenfalls LTM-Studentin im 2. Semester. Zu basteln gab’s am Auto immer was, so dass die Truppe oft bis 22 Uhr in der Werkstatt blieb. Etwa als bei einer Prüfung ein Holm brach, der einen Teil des Sicherheitsgurtes halten musste. „Also wurde mit Hochdruck ein neuer Holm gefräst“, berichtet Arne Mück, Maschinenbaustudent im 4. Semester.

„Wir waren morgens und abends müde, aber die Stimmung im Team war super“, ist Annika überzeugt. „Egal, ob Technik- oder Wirtschaftsstudenten, alle zogen für den Sieg an einem Strang“, so die 20-Jährige.

Das galt unter erschwerten Bedingungen. In London war es so heiß, dass die Lieblingsverpflegung – Gummibärchen – zu einem Klumpen verschmolz. Für die Fahrerinnen im engen ThaiGer hatten die Tüftler extra einen Lüfter eingebaut. „Andere Teams hatten das nicht“, sagt Merit.

Die Summe aller Anstrengungen führte zum Erfolg. „Die Italiener konnten es nicht fassen, als wir ihnen im letzten Lauf den Pokal wegschnappten“, sagt Professor Thomas Luschtinetz, Leiter des IRES-Instituts. Seit 2008 der erste ThaiGer im französischen Nogaro am Eco-Marathon teilnahm, schafft Luschtinetz es immer wieder, Studenten für die Idee des Wasserstoffautos zu begeistern. „Wir sind beim ersten Mal nur 400 Meter weit und nicht mal ins Ziel gekommen“, erinnert sich Luschtinetz. „Doch mit jedem Auto kamen die Studenten weiter.“ Die sechste Neuentwicklung brachte nun den Durchbruch. Aus Sicht des Professors bietet das Projekt für Studenten gute Erfahrungen in zweierlei Hinsicht. „Sie lernen etwas Praktisches, und es bringt sie menschlich vorwärts. Stets kommen neue Mitglieder ins Team, Absolventen scheiden aus. Sie alle müssen sich aufeinander einlassen.“

Sieger ist das Fahrzeug mit der größten Reichweite

Der ThaiGer ging 2008 beim Shell-Eco-Marathon in Nogaro/Frankreich an den Start.

Erste Fahrerin war damals die thailändische Masterstudentin Chongchong Titiporn. Aus Zusammensetzung Thailand-Germany hat das Wasserstoffgefährt bis heute seinen Namen.

Als studentisches Projekt der Hochschule Stralsund startet der ThaiGer bis heute in der Prototypen-Klasse beim Eco-Marathon.

Nach London waren diesmal 150 Teams mit Autos in verschiedenen Wertungsklassen aus ganz Europa angereist. In der ThaiGer-Klasse starten 13 Teams.

Energie bezieht der ThaiGer aus einem bierflaschengroßen Wasserstofftank mit einem Druck von 200 bar. Eine Brennstoffzelle wandelt diesen in Strom für einen Elektromotor um. Es gewinnt, wer mit seinem System die größte Reichweite erzielt.

Anerkennung erhielt derThaiGer für seinen Carbon-Body mit 22 Kilogramm Gewicht. Die Konstruktion trug mit dazu bei, dass das Auto mit 880,5 km/m³ Wasserstoff die größte Reichweite im Wettbewerb erreichte.

Jörg Mattern

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