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P+S-Pleite: Ins Blaue hinein

Hamburg/Stralsund P+S-Pleite: Ins Blaue hinein

Mehr als vier Jahre nach dem Aus in Stralsund und Wolgast nimmt juristische Aufarbeitung Fahrt auf / Insolvenzverwalter wirft Wirtschaftsprüfern Pflichtverletzung vor

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In der Schiffbauhalle der damaligen Stralsunder P+S Werften wird am 28.07.2011 an dem Fährschiff „Berlin“ für die Reederei Scandlines gearbeitet. Probleme und Verzögerungen am Bau des Schiffes führten unter anderem zur Insolvenz im Jahr 2012.

Quelle: Foto: Stefan Sauer

Hamburg/Stralsund. Die Pleite der P+S-Werften mit Standorten in Stralsund und Wolgast vor viereinhalb Jahren hat das Land Mecklenburg-Vorpommern bis zu 270 Millionen Euro gekostet. Politische Konsequenzen hatte das spektakuläre Werften-Aus nie – trotz eines langwierigen Untersuchungsausschusses im Schweriner Landtag.

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Mehr als vier Jahre nach dem Aus in Stralsund und Wolgast nimmt juristische Aufarbeitung Fahrt auf / Insolvenzverwalter wirft Wirtschaftsprüfern Pflichtverletzung vor

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Viereinhalb Jahre nach dem Werften-Ruin nimmt die juristische Aufarbeitung nun doch Fahrt auf. Das Landgericht Hamburg wird eigenen Angaben zufolge am 2. März über die entscheidende Schlüsselklage im Zusammenhang mit der Pleite des vorpommerschen Werftenverbundes im Jahr 2012 verhandeln.

P+S-Insolvenzverwalter Berthold Brinkmann wirft der renommierten Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG Pflichtverletzung vor. Brinkmann will sich mit der Zivilklage rund 514 Millionen Euro von den Wirtschaftsprüfern zurückholen. Alle vom Gericht angeforderten Stellungnahmen lägen vor, sagte ein Gerichtssprecher. Das Gericht hat für die mündliche Verhandlung zunächst einen Verhandlungstag anberaumt. Die Klage hatte Brinkmann am 17. Dezember 2015 eingereicht (die OZ berichtete). Dem aktuellen Gläubiger-Zwischenbericht zufolge begründet Brinkmann die Klage mit den aus seiner Sicht fehlerhaften Aussagen der renommierten Wirtschaftsprüfer zur Sanierungsfähigkeit der angeschlagenen Werften. KPMG habe den Schiffbaubetrieben in Stralsund und Wolgast Mitte Dezember 2009 in einem Gutachten ins „Blaue hinein“ Sanierungsfähigkeit attestiert und „wider besseren Wissens“ an der positiven Sanierungsaussage über zwei Jahre festgehalten.

Berthold Brinkmann, der sich aktuell vor dem Verfahren nicht äußern möchte, argumentiert im Gläubiger-Bericht weiter, dass die damaligen Werften-Geschäftsführer aufgrund dieser Expertise auf die bereits Ende Dezember 2009 angekündigten Insolvenzanträge verzichteten und die Werften bis zum Insolvenzantrag am 29. August 2012 fortführten. Erst im Sommer 2012 meldete der inzwischen neu eingesetzte Geschäftsführer Rüdiger Fuchs Insolvenz für die P+S-Werften mit 1750 Mitarbeitern an.

Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG hüllt sich in Schweigen. „Zu laufenden Verfahren äußern wir uns nicht“, sagte Sprecherin Marita Reuter. Die Chancen, zumindest einen Teil der Verluste über die Klage wieder reinzuholen, stehen Beobachtern zufolge nicht schlecht. So soll KPMG noch im Dezember 2011 an der positiven Sanierungsaussage festgehalten haben, obwohl zu diesem Zeitpunkt deren eigene Berechnungen bereits ergeben haben sollen, dass die Sanierung der Werftengruppe gescheitert war. Auch der Parlamentarische Untersuchungsausschuss hatte den Wirtschaftsprüfern eine erhebliche Mitschuld an der Pleite gegeben. Geltend machen will Brinkmann den Schaden aus der Differenz der Überschuldung zwischen 2009 und 2012. Nach seinen Berechnungen ist in dieser Zeit die Überschuldung von 20 Millionen Euro auf 534 Millionen Euro gestiegen. Um diese Schadenssumme zu ermitteln, hatte Brinkmanns Kanzlei die Werften-Server von EDV-Spezialisten durchforsten lassen. Dabei wurden etwa 230 000 Dokumente einzeln auf mögliche Haftungsansprüche geprüft.

Indessen macht die Landtagsopposition Druck auf die Landesregierung, ebenfalls gegen KPMG zu klagen. Auf Basis der fehlerhaften Sanierungsgutachten habe das Land Bürgschaften von 270 Millionen Euro ausgereicht, sagte Linken-Abgeordnete Jeannine Rösler, die der damaligen SPD/CDU-Landesregierung und den Grünen eine Mitschuld am Werften-Desaster gibt. „Aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen scheut sich die Landesregierung, Schadenersatz bei der KPMG einzuklagen.“ Die Landesregierung sei auch heute noch in der Pflicht, alles dafür zu tun, dass der Schaden für das Land minimiert werde. MV hofft indes auf einen Erfolg der Klage durch die Insolvenzverwaltung, um so zumindest einen Teil der verlorenen Millionen zurückzuholen. Wie ein Ministeriumssprecher sagte, will man den Ausgang des Brinkmann-Verfahrens abwarten. Das Land ist neben dem Bund Hauptgläubiger der P+S-Werften.

Der exakte Verlust für das Land kann erst nach Abschluss des Insolvenzverfahrens genau beziffert werden. Nach Schätzungen des Finanzministeriums wird das Minus niedriger sein als der prognostizierte maximale Ausfallbetrag von 271,1 Millionen Euro. Diese Annahme beruhe auf den bislang tatsächlich geleisteten Zahlungen für die übernommenen Bürgschaften und Garantien, wie ein Sprecher sagte.

Wechselhafte Geschichte

Die Stralsunder Volkswerft baute bis zur Wende vor allem Fischfang- und Verarbeitungsschiffe. Nach der Wende ging die Volkswerft an den Bremer Vulkan, 1998 an A. P. Møller-Mærsk (Dänemark), 2007 an die Hegemann-Gruppe, 2010 bildete sie mit Wolgast die P+S-Werften, 2014 kam sie zu Nordic Yards, ab 2016 zu Genting (MV Werften). Auch die Produkte änderten sich immer wieder. Nach 1990 spezialisierte sich die Werft zunächst auf den Bau von Containerschiffen und Offshore-Versorgern. Es folgten der Bau von Spezialschiffen, anschließend die Konstruktion von Offshore-Windanlagen und nun die Errichtung von Kreuzfahrtschiffen.

Martina Rathke

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Dieses Foto mit Eisstrukturen am Kooser See – aufgenommen im Januar 2017 – schickte uns OZ-Leser Wolfgang Schielke. Eingefügt hat er ein Gedicht von Ernst Moritz Arndt (1769-1860). „Von mir ein stiller Gruß an den verehrten Namenspatron meiner früheren Universität“, schreibt Schielke, der von 1974 bis 1979 an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald studiert hat.

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