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Per „Du“ mit Seeadler und Bartmeise

Zessin Per „Du“ mit Seeadler und Bartmeise

Anna Kamin kümmert sich um die Pflege des Zessiner Naturlehrpfads auf der Insel Rügen

Zessin. „Hier geht es los.“ Anna Kamin zeigt auf einen mit Gras bewachsenen Pfad entlang einer Wiese. Die Büsche am Rande sind gestutzt worden und geben den Blick frei auf die Straße nach Neuenkirchen. Kaum ein Auto fährt da entlang, zumindest im Winter. Nach rund hundert Metern biegt der Weg links ab auf einen Wald zu. Er ist Lebensraum für über 30 Brutvogelarten, etwa für den Kleinspecht oder den Roten Milan. In den Höhlen älterer Bäume finden Fledermäuse den idealen Unterschlupf. „Dies hier ist ein Kleinod“, sagt Anna Kamin, während wir weiter auf dem 2013 eröffneten Naturlehrpfad an der Neuendorfer Wiek spazieren. „Vielen ist gar nicht bewusst, welcher Naturschatz hier erhalten geblieben ist“, fügt sie bedauernd hinzu, Von Anfang an hatten die 69-Jährige und ihr fünf Jahre älterer Mann Hartmut die Auseinandersetzung miterlebt, die sich wegen des eigentlich geplanten Kiesabbaus in der Region entzündete. Hartmut Kamin hatte sich gleich zu Beginn in der 1998 gegründeten Bürgerinitiative engagiert. „Damals war ich noch nicht aktiv zugange, sondern eher im Hintergrund dabei“, erinnert sich seine Frau. Vier Jahre vorher schon hatte sich der BUND Mecklenburg-Vorpommern zum Widerstand gegen eine Ausbeutung des Bodens formiert. „Der BUND und die Bürgerinitiative haben nicht aufgegeben und sich schließlich durchgesetzt.“ Der Verzicht auf einen Kiesabbau, der Kauf der schützenswerten Flächen durch den BUND und die Einrichtung eines Naturlehrpfades – das ist für die gebürtige Tschechin „eine sehr schöne Erfolgsgeschichte“.

Vor zwölf Jahren war das Ehepaar Kamin endgültig von Berlin auf die Insel gezogen, auf der es seit 1996 ein Grundstück besaß. Die gelernte Schnittdirektrice, die 1968 ihr Heimatland verlassen hatte, und der Konstrukteur führen nahe Zessin ein Leben im Einklang mit der Natur, mit ihrem neun Jahre alten Hund Kimba und dem zugelaufenen Kater Filou. Deshalb lag es nahe, dass Anna Kamin zu denjenigen gehörte, die den Naturlehrpfad nicht nur vorbereitet haben, sondern ihn auch pflegen. „Man muss bereit sein, viel zu arbeiten, wenn man ein solches Projekt begleitet“, sagt sie. Am Anfang habe sie „keine Ahnung“ von Biotoppflege gehabt, doch „ich habe sehr viel gelernt“. Vieles, was man ihr als Kind im Schulgarten beigebracht hatte, konnte sie plötzlich wieder abrufen. Das hat sie gelehrt, dass „etwas bleibt, wenn Kinder früh in der Naturpflege unterrichtet werden“.

Zunächst einmal hatte die Forstverwaltung den Wald im Frühjahr 2014 auf einer Fläche von zwei Hektar vom Kiefern- zum Mischwald umgebaut. Es wurden rund 3000 junge Bäumchen – Buchen, Eichen, Linden – gepflanzt. Zusätzlich hatte die Forst einen breiten Streifen durch den Wald für den zukünftigen Wanderweg freigemacht, damit ein fast uneingeschränktes Naturerlebnis ermöglicht wurde, ohne die Offenlandfläche zu beeinträchtigen.

Danach machte sich Anna Kamin mit rund 15 weiteren ehrenamtlichen Helfern ans Werk. Zunächst galt es, den Wald vom Gestrüpp aus Brombeeren, Himbeeren und Brennnesseln zu befreien. Zwei Jahre später beseitigten die Helfer, zu denen auch einige der in Neuenkirchen untergebrachten Asylbewerber gehörten, eine wilde Müllkippe. Vor allem war es eine große Herausforderung, die Waldschonung und den Wanderweg wieder herzurichten. Nach den groben Vorarbeiten sorgt nun ein Landschaftgärtner dafür, dass Unterholz und Waldwege nicht mehr überwuchert werden. „Das Projekt ist gelungen, die Spender sind zufrieden“, stellt Anna Kamin mit Stolz fest.

Durch die winterkahlen Äste des Waldes dringt Sonnenlicht und lässt das Wasser der Neuendorfer Wiek glitzern. Zwischen Bäumen und Wasser ruhen Salzwiesen und Magerwiesen, der Lebensraum für selten gewordene Pflanzen, wie das Deutsche Filzkraut oder das Zwergfilzkraut, und Insekten, wie Sandbienen und Erdhummeln. Mehr als 24 Rote-Liste-Arten sind auf dem Trockenrasen nachgewiesen, darunter auch 14 Schmetterlingsarten. Ein im Trockenrasen eingeschlossenes Moor ist eine Schatzkammer mit höchst wertvollen Torfmoosarten. Die Boddenbucht selbst ist Rast- und Schlafgebiet für Wasservögel. Bis zu 20000 Meeresvögel ruhen sich in der Bucht im Winter aus. Auch Fischotter und Seeadler finden hier reichlich Nahrung.

Immer wieder hält Anna Kamin inne, um den Vögeln nachzusehen und den Blick über Wiesen und Wasser bis zum anderen Ufer des Boddens schweifen zu lassen. „Ich verlebe hier meine zweite Kindheit“, sagt sie, „denn früher war die Natur in der Gegend in Tschechien, aus der ich komme, genauso unberührt.“ Das Mosaik aus den verschiedenen natürlichen Lebensräumen – vom Brackwasser über das Salzgrasland und Trockenrasen bis hin zum Wald – steht mittlerweile unter Naturschutz.

Der Lehrpfad beginnt vor dem Schaukasten an der Straße Richtung Neuenkirchen, Abzweigung Zessin. Führungen werden angeboten.

Susanna Gilbert

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