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Stralsund Pionierhaus verschwindet: Ende einer langen Geschichte
Vorpommern Stralsund Pionierhaus verschwindet: Ende einer langen Geschichte
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00:00 26.10.2017
Arbeiter haben gestern damit begonnen, mit Hilfe eines Krans die Bäume am Stralsunder Pionierhaus abzusägen. Quelle: Foto: Dana Frohbös
Stralsund

Die Baumfällarbeiten im Park am Stralsunder Pionierhaus haben gestern begonnen und für Entsetzen bei Naturschützern gesorgt. Insgesamt zehn Bäume werden auf dem Areal am Knieperdamm abgenommen. Arbeiter haben sich gestern mit Hilfe eines Krans und ausgerüstet mit Kettensägen von den Baumkronen aus nach unten vorgearbeitet. Die untere Naturschutzbehörde des Landkreises hatte dafür am Vortag grünes Licht gegeben. „Wir müssen die Genehmigung erteilen, wenn bereits Baurecht besteht. Wir können allerdings Ausgleichsmaßnahmen bestimmen“, erklärt Kreissprecher Olaf Manzke. Die Behörde hat festgelegt, dass 13 neue Bäume gepflanzt werden müssen. Außerdem werden die Fällarbeiten durch eine ökologische Bauaufsicht vor Ort begleitet.

Arbeiter haben begonnen, Bäume auf dem Areal am Knieperdamm abzusägen / Das Gebäude gehörte einst zu den beliebtesten Stralsunder Ausflugszielen

Mehrere Dutzend Menschen haben gestern die Fällungen beobachtet, darunter viele Naturschützer. Sie zeigten sich entsetzt, wollten sogar erst die Polizei rufen. Da ihnen aber alle nötigen Genehmigungen vorgelegt werden konnten, blieb ihnen nichts weiter übrig als den Arbeiten tatenlos zuzusehen. Der Frust ist groß: „Wir fühlen uns übergangen“, sagt Sally Raese von den Grünen. Eine Bürgerinitiative hatte zuvor 700 Unterschriften gegen die Baumfällungen gesammelt. „Trotzdem hat man uns nicht mal informiert, dass es jetzt losgeht“, sagt Raese.

Die Bäume auf dem Gelände sind nur der Anfang. Bald soll auch das historische Pionierhaus abgerissen werden. Auf dem Grundstück entstehen stattdessen ein Fitnesscenter und ein Sanitätshaus. Die Investoren haben angekündigt, mit dem Abriss noch in diesem Jahr beginnen zu wollen. Die OZ hatte bereits Anfang Oktober berichtet, dass mittlerweile alle nötigen Genehmigungen dafür vorliegen.

Pionierhaus zählt zu ältesten Gebäuden der Kniepervorstadt

Das Pionierhaus hat eine lange Geschichte. Demnach hatte der Ratsherr Arnold Lucas Langemak die Grundstücke vom Knieperdamm 4 bis zur Gerhart-Hauptmann-Straße erworben und zu einem großen Garten vereinigt. 1811/12 errichtete er dort ein Gartenhaus mit Stall und Bienenschauer (Bienenzucht). Dieses Gartenhaus, das zu den ältesten Gebäuden der Kniepervorstadt gerechnet wird, ist heute allgemein als Pionierhaus bekannt.

Ein Verein, Bürger-Ressource genannt, ersteigerte am 18. Februar 1850 den Garten. Sofort begann die Bürger-Ressource, die sich als eine Art Kraftquell für ihre Mitglieder verstand, den Garten für Sommerfeste und Freiluftkonzerte herzurichten.

Zunächst baute man einen großen Saal. Dazu erschien in der Stralsundischen Zeitung vom 30. April 1850 folgende Anzeige: „Die Gartengesellschaft der Bürger-Ressource beabsichtigt einen Gartensaal erbauen zu lassen, und sollen die betreffenden Lieferungen und Arbeiten im Ganzen oder auch im Einzelnen im Wege der Submission beschafft werden. Bau- und Lieferungslustige werden ersucht, ihre Submissions-Offerten bis zum 2ten Mai, mittags 12 Uhr, beim Herrn D. H. Raßmuß versiegelt einzureichen, woselbst auch die Bedingungen, der Riß und Anschlag einzusehen sind“. Schon am 19. August 1850 konnte der Saal eingeweiht werden.

Das einstige Gartenhaus des Ratsherrn, in dem sich das sogenannte Gesellschaftszimmer befand, erhielt einen Vorbau, von dem aus der Ausschank bei Gartenfesten erfolgte.

Zehn Jahre später errichtete der Verein einen Spielsaal, 1873 kam eine Damen-Veranda an der Knieperdammseite hinzu. Für eine bessere Akustik leistete sich die Bürger-Ressource im Jahre 1878 einen neuen Musikpavillon. Der Bürgergarten erfreute sich bei den Stralsundern sehr großer Beliebtheit. Rauschende Feste unter bengalischer Beleuchtung, Maskenbälle, Gartenkonzerte, Gartenausstellungen und auch Vorträge fanden hier statt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es ständig Schlägereien

Nach der Besetzung der Stadt durch die Rote Armee erfolgte auf Befehl der Militärkommandantur die Auflösung aller Vereine. Somit gehörte der Bürgergarten ab dem 1. Mai 1946 dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund. Für das Haus an der Ecke Knieperdamm, Gerhart-Hauptmann-Straße bürgerte sich sehr bald der Name Gewerkschaftshaus ein. Der Ruf des Bürgergartens wurde aber immer schlechter. Die Nachkriegsjugend feierte hier, und es soll dabei ständig zu Schlägereien gekommen sein. Aus diesem Grunde wurde 1950 beschlossen, das Haus der Pionierorganisation zu übergeben.

Am 5. Oktober 1950 erfolgte die Eröffnung des „Kreishauses der Jungen Pioniere“. Dort gab es unter anderem die Arbeitsgemeinschaft Aquarianer, Meteorologie, Schach, Philatelie sowie einen Fotozirkel.

Nach der Wende wurde der einstige Bürgergarten noch einige Jahre als Schülerfreizeitzentrum genutzt.

Alexander Müller und Andreas Neumerkel

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