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Handelsketten werben mit billigen Lebensmitteln / Was den Kunden freut, ist für die Erzeuger eine Katastrophe

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Heike Müller vom Landfrauenverband zeigt auf einer Infotafel wie viel Geld von jedem Nahrungsmittel die Bauern bekommen.

Quelle: Stefan Sauer/dpa

Stralsund. Protest mit Frühstück: Auf dem Neuen Markt in Stralsund sowie in der Fußgängerzone von Schwerin haben Bauern Passanten vor Augen geführt, was von dem Geld für ein Frühstück beim Erzeuger ankommt. Im Durchschnitt erreiche nur etwa ein Viertel des Lebensmittelpreises den Landwirt, machte der Bauernverband auf Flyern deutlich. „Wir wollen nicht jammern, sondern den Menschen erklären, was von dem Geld, das sie bezahlen, für uns Bauern übrig bleibt“, sagt Bauernpräsident Rainer Tietböhl. Das seien sechs Cent für ein Glas Milch, 13 Cent für das Getreide für ein Kilo Brot und sechs Cent für ein durchschnittliches Ei.

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Wilfried Lenschow macht am Morgen in Stralsund noch eine weitere Rechnung auf. „Zurzeit produzieren wir mit jedem Liter Milch zehn Cent Verlust“, betont der Geschäftsführer der Agrargenossenschaft in Bartelshagen I. Bei 12000 Litern Milch, die Lenschows 480 Kühe jeden Tag geben, bedeute dies „1200 Euro Nasse Tag für Tag“, wie Lenschow es ausdrückt.

Als Ursache für die niedrigen Preise sehen die Landwirte das Überangebot, vor allem bei Milch. Es sei durch den Russland-Boykott, die Kriege in Nordafrika und die schwächere Nachfrage in China entstanden, aber auch durch die Überproduktion und den Verdrängungswettbewerb in Europa. Aus Irland und Belgien komme bereits Milch für 15 Cent pro Liter.

Lenschow liefert seine Milch an eine genossenschaftliche Molkerei, die zum Deutschen Milchkontor gehört. Von dem Grundgedanken einer Genossenschaft spürt der Landwirt jedoch nichts. Zudem habe das Milchkontor in den vergangenen Jahren viel zu viel Käse produziert. „Das ging lange gut, weil große Mengen Käse nach Russland verkauft worden sind. Durch den Boykott spüren wir jetzt umso drastischer, dass die deutsche Nahrungsmittelindustrie sich zu wenig um den Export in andere Länder gekümmert hat. Andere waren da schneller“, bilanziert der Bauer.

In den vergangenen Jahren haben viele Landwirte investiert — animiert durch Programme wie das für mehr Tierwohl — und sich dafür hoch verschuldet. Manchen Bauern rettet derzeit nur das Windrad auf seiner Fläche. Unverständnis zeigt Frank Schiffner vom Landesbauernverband gestern in Stralsund dafür, dass Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) mit dem Zusammenschluss von Edeka und Tengelmann eine weitere Fusion im Lebensmittelhandel zuließ, was die Position der Erzeuger bei Preisverhandlungen weiter schwäche. „Das Bundeskartellamt sagt nein, aber Gabriel winkt das durch. Von einem sozialdemokratischen Wirtschaftsminister erwarte ich etwas anderes.“

Laut Bauernverband verliert jeder Milchbauer derzeit pro Kuh 1000 Euro pro Jahr. Problem für die Branche: Die Landwirte können die Milchproduktion nicht rasch drosseln, um dafür zu sorgen, dass es weniger Milch gibt und der Preis steigt. Kühe kann man nicht abschalten. Sie müssen jeden Tag gemolken werden. Selbst wenn ein Milchbauer aufgibt, werden die Tiere von Konkurrenten übernommen, sodass ihre Milch weiterhin den Markt überschwemmt.

Bauernpräsident Tietböhl hält die Krise in der Landwirtschaft in Deutschland für so wichtig wie die Flüchtlingskrise. Er prophezeit der Landwirtschaft einen rasanten Strukturwandel:

Tierhaltungsbetriebe würden aufgeben, ihre Leute in die Arbeitslosigkeit schicken und nur noch Ackerbau betreiben. Lenschow drückt sich direkter aus als der Verbandsfunktionär: „Wenn die Preise bis Ende dieses Jahres so bleiben, halten wir das nicht durch.“

Von Birgit Sander und Benjamin Fischer

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