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Stralsund Spannende Uraufführung zum Jubiläum
Vorpommern Stralsund Spannende Uraufführung zum Jubiläum
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00:00 01.02.2018
Ballettpremiere am Samstag: „Le sacre du printemps“ und „Auf verwachsenem Pfade“. Quelle: Foto: Vincent Leifer
Stralsund/Greifswald

„Strawinskys Musik war der Grund, warum ich Tänzer geworden bin“, sagt Ballettdirektor Ralf Dörnen. 1976 hat er in Leverkusen eine „unerreichbare Fassung“ des Stücks „Le sacre du printemps“ von Pina Bausch gesehen. Lange habe er gewartet, bis er sich selbst an die Choreografie traute.

„Auf verwachsenem Pfade“ und „Le sacre du printemps“: Zwei atmosphärisch völlig unterschiedliche Ballette an einem Abend.

Vor inzwischen zehn Jahren feierte Dörnen mit dem „Sacre“ dann großen Erfolg, wurde von Publikum und der Kritik hochgelobt, weil er uns eine Zeit vor Augen führt „wie sie einmal sein könnte, wenn wir weiter wirtschaften wie bisher. Alles Pflanzliche ist ausgestorben. Nichts Nahrhaftes ringsum. Auf der Abraumhalde unserer Zivilisation häufen sich die Plastiksäcke, Autotüren, Kühlschränke.

Mittendrin im Müll: die letzten Menschen, die wie wilde Tiere über alles Lebendige herfallen – und sei es von der eigenen Art“, schrieb 2008 Hartmut Regitz in seiner Kritik in der „Zeit“.

Ausgerechnet nach Vorpommern müsse man fahren, um ein „Nachbeben“ jenner Ereignisse zu spüren, die durch die Uraufführung 1913 ausgelöst wurden. Damals sei das Theater in seinen Grundfesten erschüttert worden.

Genau diesen „Sacre“ bringt Dörnen nun in der 20. Spielzeit des Theaters Vorpommern erneut auf die Bühne. „Weil es das ist, was ich der Welt heute zu sagen habe. Denn wir rennen sehenden Auges auf den Abgrund zu“, kritisiert er den Umgang mit der Umwelt zwischen Abgas-Skandalen und Glyphosat auf den Feldern scharf.

In dem „lauten, eruptiven“ Stück von Igor Strawinsky (1882 -1971) werden seine Tänzer die „Hütte rocken“, verspricht Dörnen. Zu einer „gewaltigen Musik die direkt ins Nervenkostüm geht“. Dem setzt er im ersten Teil des Abends „Melancholisches, Leises“ entgegen. So stünden sich atmosphärisch zwei völlig unterschiedliche Ballette gegenüber.

In Leoš Janáceks Klavierzyklus „Auf verwachsenem Pfade“ , der nun als Ballett seine Uraufführung in Vorpommern erlebt, geht es um die Themen Erinnerung und Rückblick nach dem Tod der Tochter des Komponisten. Die Musik hat für Dörnen etwas Ungreifbares, das ständig zerbröckelt. Sie sei fragil und zugleich von großer innerer Stärke, Ehrlichkeit, Direktheit. „Und man muss sich ihr unterordnen“, so Dörnen. So würden immer wieder Bilder entstehen, die auftauchen und auseinanderfallen. „Was passiert, ist nicht zu erklären. Es gibt nichts zu verstehen, sondern zu erfühlen“, sagt Dörnen. Dabei könnten alle etwas anders sehen, wie Leute, die im Museum vor einem Gemälde stehen. Man müsse sich öffnen, dann funktioniere es, ist Dörnen überzeugt. „Es ist sehr vielfältig, was man mitnehmen kann.

Man muss mit Erinnerungen umgehen“, fügt Ballettdramaturgin Inga Helena Haack an. Und Dörnen verrät, dass sich an vielen Stellen der Choreografie auch „sehr Persönliches“ von ihm hereingeschlichen hat.

Ausstatter Hans Winkler (als Gast) hat für die Szenen eine Situation auf einem Dachboden mit realistischen Möbeln auf der einen Seite geschaffen. Dann gibt es da noch eine überdimensionale Tür. Und abstrakte Ebenen – transparente Hänger mit verschlungenen Schriften und unlesbaren Gedichtzeilen. Die wiederum werden auf der Bühne gesprochen. Auch die Kostüme der Erinnerungsfiguren sind transparent, zerknittert, lösen sich an den Nähten auf... Man spürt, dass Dörnen und Winkler über Jahrzehnte eine enge Zusammenarbeit verbindet, die sie immer wieder zusammenführt.

Dazu gibt es auf der Bühne Livemusik am Klavier mit Johann Blanchard, der 1988 in Frankreich geboren wurde und seit 1992 in Deutschland lebt. Schon während seiner Studienzeit gewann er zahlreiche Preise. Er konzertierte in Berlin, Wien, Prag, Paris, Los Angeles oder Buenos Aires und war bereits mehrfach im Rundfunk zu hören.

Dörnen beschreibt es als äußerst schwierig, gerade dieses Stück von Leoš Janácek (1854 -1928) „zu vertanzen“. In seinen Träumen hätte ihn Leoš besucht und gesagt, schmeiß es weg. Am Ende habe er aber sein Okay gegeben. Nun ist es am Publikum, sich eine Meinung zu bilden: Die Premiere findet Samstag um 19.30 Uhr statt.

„Nah dran“ mit Thomas Meyer

Er ist seit 2014 immer hautnah dabei und begleitet die Produktionen des Balletts im Theater Vorpommern: Fotograf Thomas Meyer.

Unter dem Titel „Nah dran“ wird er nun am 24. Februar um 18 Uhr im Foyer des Theaters Greifswald eine Ausstellung eröffnen.Die Kombination aus Musik und Tanz, die hohe Dynamik und das Abdrücken im richtigen Moment, machen für ihn den besonderen Reiz aus, schildert er.

Es sei eine große Herausforderung, einerseits mit dem vorhandenen Licht zu arbeiten, andererseits die Schnelligkeit des Tanzes in der Bildgebung zu beherrschen. „Ich möchte Bilder zeigen, die der gewöhnliche Ballettbesucher so nicht sieht“, erklärt Meyer, der 1954 in Greifswald geboren wurde und bereits seit dem 12. Lebensjahr fotografiert. Beruflich arbeitet er als Physiker und sieht die Fotografie als Ausgleich. Inspiration für seine Leidenschaft gaben ihm sein Vater, seine Tante – eine Malerin und Museumsdirektorin – und der langjährige Theaterfotograf der Komischen Oper, Arwid Lagenpusch, vor allem aber auch Operndirektor Ralf Dörnen, mit dem ihn ebenso eine Freundschaft verbindet.

Der sagt über den Fotografen: „Er ist tatsächlich immer nah dran, aber ohne, dass man ihn merkt.“ Nach der ersten Begegnung stand für ihn fest: „Du kannst immer kommen!“ mw

Dörnen: „Die Tänzer werden immer besser“

Das Ballett Vorpommern feiert in dieser Spielzeit sein 20-jähriges Jubiläum. „Unser Text sind die Schritte“, sagt Ballettdirektor Ralf Dörnen, der 2016 mit dem Kulturpreis des Landes MV ausgezeichnet wurde.

Die Mitglieder der Tanzkompagnie wurden auf der ganzen Welt ausgebildet „Die Tänzer werden immer besser, und ich bin erstaunt, wie sehr das Publikum mitgewachsen ist“, blickt Dörnen zurück. Er könne jetzt Dinge machen, die er sich vor zehn Jahren nie getraut hätte. Die Arbeit habe sich gelohnt. „Ich fühle mich am Haus zu Hause“, sagt Dörnen über das Theater Vorpommern.

Im Jahr 2000 hat Dörnen in einer Koproduktion mit dem Deutschen Pavillon der Expo das Ballett„Ich spinne mich in meiner Puppe ein...“ inszeniert. 2006 brachte er mit Brittens „Death in Venice“ seine erste Oper auf die Bühne. Drei Jahre später wurde „Endstation Sehnsucht“ für den Theaterpreis nominiert.

Marlies Walther

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