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Gewichtheben in Stralsund droht das Aus

Stralsund Gewichtheben in Stralsund droht das Aus

Keine Leistungssportler, kein Nachwuchs, keine Übungsleiter – die Situation hat sich so zugespitzt, dass TSV-Abteilungsleiter Ronald Lade die Notbremse zieht

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Geht dem Gewichtheben in der einstigen Hochburg Stralsund die Puste aus? Zu den eifrigsten Punktesammlern in der 1. Bundesliga gehörte einst Kraftpaket André Rohde.

Quelle: Fotos: Christine Borgwald/ines Sommer (2)

Stralsund. Das ist bitter: Gewichtheben – eine der traditionsreichsten und erfolgreichsten Sportarten in Stralsund – steht vor dem Aus. Der Niedergang hat sich in den letzten Jahren immer wieder angekündigt und findet nun einen traurigen Höhepunkt. Es gibt keine Leistungssportler. Die Nachwuchsabteilung war Ende 2015 auf zwei Athleten geschrumpft. Und als Trainer stand nur noch Abteilungsleiter Ronald Lade in der Halle.

OZ-Bild

Keine Leistungssportler, kein Nachwuchs, keine Übungsleiter – die Situation hat sich so zugespitzt, dass TSV-Abteilungsleiter Ronald Lade die Notbremse zieht

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„Das hatte ich mir wirklich anders vorgestellt. Ich habe mich in Stralsund über 25 Jahre fürs Gewichtheben eingesetzt, alles gegeben. Als ich Anfang der Neunziger hierherkam, wollte ich nach dem Ausscheiden von Uwe Ihde das leistungsorientierte Training fortführen“, erzählt Ronald Lade und sagt weiter: „Ich habe andere Ansprüche an den Sport, so konnte und wollte ich das nicht mehr und bin deshalb zurückgetreten – als Abteilungsleiter Gewichtheben und als Trainer.“ Damit ging der letzte „Haudegen“ von Bord.

Gewichtheben – das Flaggschiff des TSV 1860 Stralsund – war quasi aufgelöst. Inzwischen ist zwar mit dem Stralsunder Abgeordneten Detlef Lindner ein Nachfolger gefunden. Doch bis auf die Chefetage und einer Masters-Gruppe ist nichts mehr übrig von der einstigen Heber-Hochburg Stralsund.

Mit Wehmut denken viele Einheimische sicher an die internationalen Erfolge von Erwin Dittmer, Helmut Losch, Jürgen Heuser, Andreas Behm und Co. zurück. Auch Udo Guse, Jan Schnirpel, Matthias Hertwig und Mario Kalinke sorgten in der nächsten Heber-Generation für Furore. Doch dann stotterte der TSV-Motor bereits. Sowohl Robby Behm als auch Tom Fischer (Sohn von Kalinke) oder zuletzt Eik Lessing schafften es nicht auf die internationale Bühne. Bittere Konsequenz: Das 1998/99 für insgesamt 18 Millionen Mark zum Bundesleistungszentrum umgebaute Jahnsportforum verlor 2001 seinen Stützpunkt-Status, weil keiner der Hantelrecken die Leistungskadernorm erfüllte.

Damit war auch die Stelle des hauptamtlichen Trainers Olaf Gammelin futsch. Zweiter Haken: Die über fünf Millionen Fördermittel hatten die Verpflichtung zur Folge, im Jahni 25 Jahre Leistungssport Gewichtheben zu betreiben. Schon damals musste die Stadt eine Rückforderung von Bund und Land befürchten. Und auch jetzt sind die 25 Jahre noch nicht um...

Da sich Stralsund aber einen Namen in der Heber-Bundesliga machte, blieben besagte Forderungen bisher aus. Auch wenn kaum noch Einzelerfolge zu feiern waren, legte der Mannschaftssport Gewichtheben seine erfolgreichste Phase hin. 2000 setzten sich die Hantelrecken vom Sund erstmals die Krone des Deutschen Mannschaftsmeisters auf. Ein Jahr später gelang dies wieder. 2002 wurde es zwar „nur“

Silber, dafür zeigten die Kraftpakete des TSV 2004 und 2005, wer Herr in der 1. Bundesliga in Deutschland ist, und holten wieder den Titel.

Doch mit dem Ausscheiden der damals Aktiven folgte eine erneute Durststrecke. Wieder mangelte es an Nachwuchs. Erst 2013 meldete sich Gewichtheben zurück. „Erstmals in der Geschichte dieses Sports haben wir eine bundesländerübergreifende Kooperation mit Schwedt angeschoben. Ich dachte: Jetzt haben wir’s geschafft. Unsere wirtschaftliche Situation war gut, gemeinsam haben wir als Oder-Sund-Team (OST) streckenweise in der 1. und 2. Bundesliga mitgemischt“, erinnert sich Ronald Lade.

Doch der rettende Strohhalm war nur ein Strohfeuer. Denn mittlerweile muss man nüchtern eingestehen, dass nach dem Aus von Eik Lessing nicht ein einziger Stralsunder im Aufgebot der OST-Truppe steht.

„Da ist es nur logisch, dass man die Notbremse zieht. Man kann und darf nicht etwas künstlich am Leben halten, was eigentlich schon ein Sterben auf Raten ist“, findet Lade es nur konsequent, dass sich der TSV 1860 aus der Kampfgemeinschaft abgemeldet hat. Künftig startet Schwedt allein als OST – sofern der Bundesverband nichts dagegen hat.

Offen ist, was aus der Gewichtheber-Halle im Jahni wird. Das Schwächeln der Gewichtheber hat angesichts fehlender Hallenzeiten in der Stadt Begehrlichkeiten geweckt. So sind die Ringer scharf auf die so genannte Stemmboden-Halle, auch die Boxer waren einst nicht abgeneigt...

Hantelrecken holten über 230 Medaillen

1904 wurde mit dem Athletikclub Atlas in Stralsund der Grundstein für Gewichtheben, Ringen und Boxen gelegt. 1933 zog der TSV 1860 mit einer Kraftsportabteilung nach. Günter Schulz, Franz Frank, Edgar Zinnt und Manfred Köhnke sorgten in den 50ern an der DDR-Spitze für Furore. Später rückten Erwin Dittmer, Heinz Becker, Werner Westphal und Jürgen Heuser nach, trainiert von Uwe Ihde.

1971 gelang Helmut Losch (er starb 2005 im Alter von 67 Jahren) der erste Paukenschlag in Lima. Er holte für die damalige BSG Motor Stralsund die erste WM-Medaille, eine goldene im Stoßen. Bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal gewann er als „Fliege“ unter den Superschweren Bronze und wurde 1977 Vize-Weltmeister. Es folgten Silber und Bronze bei der EM.

1. sundischer Zweikampf-Weltmeister wurde 1978 im amerikanischen Gettysburg der „superschwere“ Jürgen Heuser, als er die unschlagbare sowjetische Elite hinter sich ließ. Der heute 63-Jährige holte bis 1980 viermal Silber und 7-mal Bronze bei WM sowie einen kompletten EM-Medaillensatz.

39-mal zog Leichtgewicht Andreas Behm Edelmetall an Land und ist damit der erfolgreichste Heber vom Sund. Sensationell die Bronzemedaille 1992 in Barcelona. 1982 und 87 holte er WM-Silber, 83 und 89 Bronze, zweimal wurde der heute 53-Jährige Europameister, einmal Weltmeister im Reißen.

122 Medaillen erkämpften die Stralsunder Heber bei DDR-Meisterschaften, über 100 kamen nach der Wende dazu. iso

DREI FRAGEN AN...

1Gewichtheben ist seit der Geburtsstunde vor 112 Jahren in der größten Krise. Wie wollen Sie die bewältigen? Ich weiß, dass das eine Herausforderung ist. Wir haben nur noch die Masters und das Fitnessstudio. Deshalb brauchen wir zunächst neue Übungsleiter, damit wir Nachwuchs aufbauen können.

2Keine Leistungssportler, kein Nachwuchs – wozu braucht die Abteilung Gewichtheben die Stemmboden-Halle noch?

Weil wir was aufbauen wollen, vor allem in Verbindung mit dem Fitnessbereich. Ich weiß, dass das nicht einfach wird, weil wir kein Leistungszentrum mehr sind. Aber wir verhandeln mit der Stadt...

3Und die Stadt verhandelt mit dem Land, fordert aber ein Konzept vom TSV... Das Konzept steht. Fakt ist, wir müssen uns verkleinern. Und wir können uns in der Halle auch eine Zusammenarbeit mit anderen Sportarten vorstellen. Aufgeben wollen wir aber keinesfalls.

iso

Ines Sommer

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