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Stralsunderin gibt Sprachatlas heraus

Stralsund Stralsunderin gibt Sprachatlas heraus

Renate Herrmann-Winter untersuchte mundartliche Unterschiede des Plattdeutschen rund um die Hansestadt.

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Im Archiv des Pommerschen Wörterbuches an der Universität in Greifswald ist Professor Renate Herrmann-Winter in ihrem Element. Hier ist auf Karteikarten ein ganzer Sprachschatz niederdeutscher Wörter und Wendungen festgehalten.

Quelle: Peter Binder

Stralsund. „Die Idee für diesen Sprachatlas wurde vor etwa fünfzig Jahren geboren“, sagt Renate Herrmann-Winter. Schon damals war die Wissenschaftlerin, die sich ihr Leben lang dem Niederdeutschen verschrieben hat, mit dem Tonbandgerät unterwegs, um aufzuzeichnen, wie die Leute plattdeutsch sprechen. Denn: Platt ist nicht gleich Platt.

Ein Thema, das die Sprachprofessorin nie losgelassen hat. Das Stralsunder Platt klingt anders als das Hiddenseer. Beispiele mundartlicher Unterschiede gibt es viele. So heißt der Kuchen auf dem Festland Kauken, auf Rügen ist es der Koken. Der Brief auf der Insel wird mit Breef bezeichnet, in Vorpommern ist es der Breif. Tüft, Tüffel, Pantüffel, Pentüffel für Kartoffeln. Bullerpeis, Bullerbäs oder Klöppers für den Rohrkolben. Pott, Kraus, Bütt, Kubben oder Kumpen für den Trinkbecher. Rutsch, Hüker oder Schämel für die Fußbank...

Auf diese besondere Situation sei zuerst schon 1934 vom damaligen Leiter des Pommerschen Wörterbuches, Kurt Mischke, aufmerksam gemacht worden. Aber so richtig hat es wohl niemand zur Kenntnis genommen.

Nun hat Renate Herrmann-Winter ihre akribischen Forschungsergebnisse auf 50 anschaulichen Wort- bzw. Lautkarten mit den entsprechenden Kommentaren zusammengestellt. „Ich bin froh, dass ich das Buch gemacht habe. Das bin ich der Region schuldig“, sagt sie.

Schließlich hatte sie bereits 1966/67 eine schriftliche Fragebogen-Erhebung veranlasst. Doch 1969 musste sie ihre Arbeit am Pommerschen Wörterbuch einstellen, weil dies in der DDR so nicht gewollt war. Erst im vereinigten Deutschland nahm die Professorin 1992 ihre Arbeit daran wieder auf.

Nach ihrer Emeritierung wandte sie sich erneut ihrer Lieblingsidee zu. Alle Materialien, die sie im Laufe der Zeit zusammengetragen hat, überlebten. Begrenzt wird der untersuchte Küstenstreifen von der Recknitz im Westen und der Peene im Süden. Das entspreche in etwa dem festländischen Teil des Fürstentums Rügen im 13. Jahrhundert.

„Das Anliegen unseres Atlasses ist die Dokumentation von signifikanten Merkmalen der auf Rügen und seinem Küstenvorland gesprochenen hoch- und plattdeutschen Sprache in einem Zeitraum von etwa 180

Jahren“, erklärt Renate Herrmann-Winter. Dargestellt werden Wörter, Laute, Lautgruppen und auch grammatische Merkmale zu verschiedenen Zeiten. Vorangestellt ist dem Werk außerdem ein Text zur Geschichte und Sprache des untersuchten Territoriums.

Für alle Plattdeutsch-Fans dürfte der Atlas ebenso interessant sein, wie für Sprachinteressierte überhaupt. Denn es geht hier um ein ganz eigenes Phänomen, um das man zwar länger weiß, das aber so klar und übersichtlich, mit so vielen Beispielen belegt, noch nie festgehalten und publiziert wurde.

Plattdeutsch sei kein Muss, aber ein Plus für alle Norddeutschen, findet die Stralsunderin. Vor allem für den Gebrauch im persönlichen Gespräch. Weil es nicht mehr mündlich von Generation zu Generation weiter gegeben wird, muss Platt heute erlernt werden. Dazu hat die Hansestädterin übrigens auch ein „Hör- und Lernbuch“ herausgegeben. Neben vielen weiteren Werken sind von der Autorin unter anderem das „Plattdeutsch-hochdeutsche Wörterbuch“ oder „Redewendungen und Sprichwörter im Plattdeutschen“ erschienen — alle im Hinstorff Verlag.

So, wie auch der neue „Sprachatlas für Rügen und die vorpommersche Küste“. Die Kartografie stammt von Martin Hansen. Unterstützt wurde die Veröffentlichung von der Hamburger Carl-Toepfer-Stiftung.

Das Buch kostet 17,99 Euro.

ISBN 978-3-356-01541-6

Professorin für niederdeutsche Sprache
Renate Herrmann-Winter, Jahrgang 1933, ist Professorin für niederdeutsche Sprache.

Sie studierte von 1952 bis 1956 Germanistik und Anglistik an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald und arbeitete danach als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Deutsche Sprache der Deutschen Akademie der Wissenschaften Berlin. Ihre Dissertation schrieb sie 1963.

Ab 1992 leitete sie den neu geschaffenen Lehrstuhl für Niederdeutsche Sprache und Literatur an der Uni Greifswald. Dort führte sie den neuen Studiengang niederdeutsche Philologie ein.

Nach Antritt ihrer Professur richtete sie die Arbeitsstelle zum Pommerschen Wörterbuch wieder ein, das 1969 aus politischen Gründen gestoppt worden war.

1998 wurde Renate Herrmann-Winter emeritiert, gibt aber seit 2003 wieder Lehrveranstaltungen an der Greifswalder Uni, nachdem die Professur für Niederdeutsch aus finanziellen Gründen nicht mehr besetzt werden konnte.

Den Kulturpreis des Landes Mecklenburg-Vorpommern erhielt sie 2003. Mit dem Fritz-Reuter-Preis der CarlToepfer-Stiftung wurde sie 2006 in Hamburg ausgezeichnet.

Der „Sprachatlas für Rügen und die vorpommersche Küste“ erschien jetzt im Hinstorff Verlag.

Marlies Walther

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Im Archiv des Pommerschen Wörterbuches an der Universität in Greifswald ist Professor Renate Herrmann-Winter in ihrem Element. Hier ist auf Karteikarten ein ganzer Sprachschatz niederdeutscher Wörter und Wendungen festgehalten.

Die Stralsunder Professorin, Renate Herrmann-Winter, legt ihre Erkenntnisse aus über 50 Jahren zur niederdeutschen Sprache vor.

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