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Streit um Immobilie: „Die woll’n uns hier raus haben“

Stralsund Streit um Immobilie: „Die woll’n uns hier raus haben“

Der Komplex „Stadt Stralsund“ in Knieper West ist baufällig. OB Badrow hat die Mietverträge der Läden gekündigt. Ein Umzug würde einige Inhaber in den Ruin treiben.

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Roswitha Jaekel und ihr Mann Walter betreiben seit fünf Jahren „Rosis Waschsalon“ im Komplex „Stadt Stralsund“ in Knieper West. Weil das Gebäude baufällig ist, sollen sie wie alle anderen Mieter ausziehen. Doch ein Umzug mit allen Gerätschaften ist für sie kaum bezahlbar.

Stralsund. Rathaus kündigt Rauswurf an: Für rund ein Dutzend Gewerbetreibende in dem Komplex, den viele Stralsunder noch unter dem Namen „Stadt Stralsund“ kennen, geht es um die Existenz. Vor wenigen Tagen haben die Inhaber der Läden in der Maxim-Gorki-Straße in Knieper West ihre Kündigung erhalten. Am 31. Dezember ist Schluss, dann müssen alle raus sein. Nur wohin, das weiß von den Betroffenen noch niemand so recht.

OZ-Bild

Der Komplex „Stadt Stralsund“ in Knieper West ist baufällig. OB Badrow hat die Mietverträge der Läden gekündigt. Ein Umzug würde einige Inhaber in den Ruin treiben.

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Martin Berner hofft, dass das Haus doch noch vor dem Abriss gerettet werden kann. „Das wäre das Beste für uns alle, wir wissen sonst nicht wohin.“ Der 41-Jährige betreibt auf 270 Quadratmetern ein Geschäft für Raumgestaltung mit dem klangvollen Namen „Berdine“. Schon seit 2004 verkauft er hier Gardinen, Teppiche und andere Dinge, die die Wohnung aufhübschen. Am Haus „Stadt Stralsund“ ist indes seit über 20 Jahren kein Handschlag mehr gemacht worden – bis die erste Zwischendecke in einem Computergeschäft an der anderen Gebäudeseite plötzlich abstürzte. Am 30. Mai war das. Verletzt wurde damals zum Glück niemand. Eigentümer der Gewerbeimmobilie ist die Stadtverwaltung. Die organisierte eine Sicherungsmaßnahme und ließ die Zwischendecken notdürftig abstützen. Anschließend guckten sich Gutachter in dem Gebäude um und verfügten, dass es ab 1. Januar nicht mehr betreten werden dürfe. Im Falle eines Brandes würden weitere herabfallende Deckenteile die Fluchtwege womöglich so rasch versperren, dass Menschen eingeschlossen werden könnten, lautete ihr Urteil.

Besonders ältere Menschen, die in der direkten Umgebung wohnen, sind die Kunden von Martin Berners „Berdine“. Zwar betont er gleich im ersten Satz, dass Oberbürgermeister Alexander Badrow (CDU) sich um eine Lösung für ihn und die anderen Händler bemühe, aber Berner ahnt, worauf es hinausläuft. Die Kündigung hat er wie die anderen schwarz auf weiß. Alles weitere sind Willensbekundungen ohne Unterschrift. „Für mich ist das nicht die beste Aussicht. Wenn hier Schluss ist, muss ich mir was anderes überlegen“, sagt Berner. Zwei Mitarbeiterinnen hängen davon ab, ob die „Berdine“ überlebt.

Die Suche nach einer bezahlbaren Ersatzfläche gestalte sich schwierig. In der ersten Etage des Lindencenters in Grünhufe sei ihm was von der Stadt angeboten worden. „Aber wie wollen Sie 300 Kilogramm schwere Teppichrollen dort hochbekommen.“

Das Gebäude „Stadt Stralsund“ mit dem Anbau des DDR-Stararchitekten Ulrich Müther, der eine Reihe an Prestigebauten für den Sozialismus entworfen hat, besitzt Geschichte. Einst ein legendärer Amüsier- und Gaststättenbetrieb, später Disko und nach der Wende die größte Videothek in Stralsund. Heute ist der Komplex zugleich eine Art soziales Kiezzentrum in Knieper West – mit Döner- und Chinaimbiss, einer Stadtteilbibliothek, einer Zoohandlung mit gutem Ruf und den Geschäften. Die Menschen kennen sich. Es gibt Gespräche, gemeinsame Zigaretten und oft einen Becher Kaffee dazu.

Thoralf Pieper betreibt das Computergeschäft „PC Spezialist“, wo das Unheil mit der Decke seinen Lauf nahm. „Meine Mitarbeiter haben zunächst ein Knacken gehört.“ Anschließend habe die gesamte Deckenkonstruktion auf der Ware gelegen. Tagelang hätten er und seine „Jungs“, wie Pieper seine Mitarbeiter nennt, gebraucht, um den Laden „sauber zu kriegen“.

Am Dienstag vergangener Woche hat der OB jeden der Mieter darauf vorbereitet, dass es eine Kündigung der Gewerberäume geben wird. Auch Walter und Roswitha Jaekel haben den OB samt Entourage empfangen. Ihnen gehört „Rosi’s Waschsalon“. Sechs Kilo Buntes für fünf Euro. „Zwei Tage nach der Wahl war der Bürgermeister da“, sagt Walter Jaekel verärgert. „Die woll’n uns hier raus haben.“ Die Jaekels hätten schon ein Ausweichquartier im Auge, aber einen Waschsalon versetzt man nicht einfach so. Der Abbau und die Neuinstallation der Maschinen würde allein rund 10000 Euro kosten, rechnet Walter Jaekel vor. „Wir brauchen dort einen ordentlichen Stromanschluss und keine Micky-Maus-Kabel.“ 50000 Euro beträgt der Kredit, den er und seine Frau vor fünf Jahren für den Salon aufgenommen haben. Jetzt sind noch 20000 Euro offen. „Wir sind alle keine Millionäre.“

Badrow erklärt etwas umständlich, dass ihm nach dem Termin vor Ort klar geworden sei, dass „die wirtschaftlichen Auswirkungen einer Schließung des Gebäudes für Einzelne derart prekär wären, dass wir derzeit mit Hochdruck und Hilfe von Statikern sowie anderen Fachleuten prüfen, ob mit vertretbarem Aufwand die Wiederaufnahme einer uneingeschränkten Nutzung möglich ist“. Bis Ende des Monats rechne er „mit einer hoffentlich positiven Antwort“.

Benjamin Fischer

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