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Stralsund Theaterfusion „Nordost“ oder: Endstation und Neubeginn
Vorpommern Stralsund Theaterfusion „Nordost“ oder: Endstation und Neubeginn
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07:05 25.11.2017
Die aus Riga stammende Sopranistin Gunta Cēse in der Rolle der Blanche DuBois in der deutschsprachigen Erstaufführung der Oper „Endstation Sehnsucht“ von André Previn am Theater Vorpommern. Quelle: Vincent Leifer
Stralsund

In Stralsund  läuft diesen Samstag die deutschsprachige Erstaufführung der Oper „Endstation Sehnsucht“ von André Previn. Wie haben Sie denn diese Erstaufführung ans Haus bekommen?

Dirk Löschner: Die Oper ist schon ein paarmal in Deutschland aufgeführt worden,  immer in Englisch. Gegen  eine deutschsprachige Aufführung  haben sich der Verlag in Amerika und die Tennessee-Williams-Erben bisher  gesperrt. Wir haben zwei sehr gute, erwiesene Übersetzer, nämlich Bettina Bartz und Werner Hinze, beauftragt, eine Übersetzung anzufertigen, sozusagen auf Risiko. Die ist dann so gut angekommen in Amerika, dass wir die Rechte zur Erstaufführung bekommen haben. Wir haben etwas gewagt und haben gewonnen.

Das ist Ihre letzte Spielzeit als Theater Vorpommern, im Sommer 2018 fusionieren Sie mit der Theater und Orchester GmbH Neubrandenburg / Neustrelitz – zu einem Staatstheater. Wird das ein noch besseres Theater, oder  eher ein Landestheater nach Art eines Schleswig-Holsteinschen Landestheaters Flensburg?

Die Aufgabenstruktur ändert sich, unterschiedlich bei den Sparten, und deshalb ist auch da oder dort eine Vergrößerung notwendig, um die Qualität zu halten. Nehmen wir mal als Beispiel das Musiktheater, das bisher Greifswald, Stralsund und Putbus bespielt, mit noch überschaubaren Fahrzeiten. Das soll künftig auch regelmäßig in Neustrelitz spielen und dann und wann in Neubrandenburg. Das heißt, dass die Ensembles mehr reisen müssen,  was wiederum bedeutet, die Ruhezeiten nagen an den Probenzeiten, das wird seine Spuren hinterlassen. Insofern ist es völlig richtig, wenn man die Qualität halten will, die wir jetzt  haben, dass die Personlstärke des Ensembles vergrößert wird. Das ist unbedingt notwendig.   Das sind dann Punkte, an denen wir sagen können, es gelingt  trotz Mehrbelastung, die Qualität zu halten, ohne die Kolleginnnen und Kollegen zu überfordern.

Sie sagen mehrmals, die jetzige Qualität halten, mit Mehrbelastungen und Ausgleichen. Das Neue ist demnach, dass statt eines Haustarifs der Flächentarif gilt?

Das ist die Kurzbeschreibung, konkret heißt das aber für jede Sparte etwas anderes. In Neustrelitz wird es ein Schauspiel geben mit einem starken musikalischen Akzent. Es wird ein bis zwei große Musicals pro Spielzeit im Konzept haben. Und die brauchen natürlich eine besondere Qualität der Arbeit,  bestimmte  Qualifikationen der Darsteller,  die müssen gezielt aufgebaut werden.

Vor einer Woche wurde gemeldet, dass entsprechende Tarifverhandlungen für das Staatstheater begonnen haben und,  eine durchaus übliche Verhandlungspraxis, gleich erstmal unterbrochen wurden. Wie die Eingruppierung der Ensembles aussehen wird, lässt sich da wohl noch nicht sagen?

Genau, das  wäre reine Kaffeesatzleserei, jetzt darüber zu reden.

Streitpunkt scheint die Frage zu sein, ob das/die Orchester in die Tarifgruppe B oder B/Fußnote eingestuft werden, was  auch Opernchor und Tanzensemble betrifft. Wofür würden Sie plädieren: B oder B/Fußnote?

Gar nicht, mir geht es  darum, dass es eine Einigung gibt. Das ist für mich das Entscheidende,  nur dann sind wir arbeitsfähig. Natürlich ist für die Mitarbeiter die Variante B/Fußnote besser, aber man darf nicht übersehen, dass die finanziellen Mittel, die das Land und die Kommunen aufbringen müssen, ohnehin schon über das hinausgehen, was ursprünglich gedacht war. Insofern ist da wirklich etwas zu verhandeln, und ich hoffe  auf ein Ergebnis, das  alle gut akzeptieren können.

Und wie wird  das neue Staatstheater wirtschaftlich aufgestellt? Das Land hält eine Mehrheit und die sechs kommunalen Träger teilen sich die kleinere Hälfte?

Es gibt  ja jetzt bereits ein Beteiligungsverhältnis von 60 zu 40 zwischen Land und den Kommunen, wenn man sich die Verteilung der Zuschüsse anschaut. Insofern ist, wenn das Land Gesellschafter wird, eine Beteiligung in dieser Größenordnung nicht unwahrscheinlich; aber das wird  zwischen beiden Seiten zu vereinbaren sein.  Es geht hier darum, dass Land und Kommunen gemeinsam ein Theater betreiben wollen, das möglichst harmonisch und stabil funktionieren soll. Dazu müssen ein paar Vereinbarungen im Gesellschaftervertrag getroffen werden, die diese Stabilität  sichern.

Welche sind denn da wichtig?

Beispielsweise muss die  Dynamisierung der Zuschüsse unbedingt fest geregelt werden. Das war der Sündenfall der Fusion 1994 zwischen Stralsund und Greifswald, dass man das außen vor gelassen hat, weshalb wir jetzt überhaupt in der Situation sind, über diese weitere Fusion sprechen zu müssen.

Wie steht es denn heute ums Theater Vorpommern?

Ich sehe unser Theater in einer künstlerisch und, was die Zusammenarbeit der schon einmal fusionierten Häuser (Stralsund, Greifswald, Putbus) betrifft, sehr konsolidierten und stabilisierten Situation, ganz anders, als ich es übernommen habe. In der Zeit davor gab es vielerlei Konflikte auch innerhalb des Hauses. Und dann wird immer nur übers Theater selber gesprochen und nicht über das, was das Theater auf die Bühne bringt. Genau darum geht es uns aber: um Kunst, um Inhalte.

Und wie ist die erwähnte Stabilisierung erfolgt?

Es war eine gewisse Aufbauarbeit zu leisten im Schauspiel und im Musiktheater, die scheint gelungen, was uns auch das Publikum bestätigt. Das Ballett Vorpommern war bereits ein Publikumsliebling und ist es nach wie vor. 2011 wurden Haustarifverträge für fünf Jahre abgeschlossen;  diese fünf Jahre sollten genutzt werden, erstmals seit 20 Jahren ohne Personalabbau, mit stabilen Ensembles, stabilen Abteilungen sich künstlerisch wieder so aufzustellen, dass die Städte sagen: Dieses Theater ist es uns wert, dass wir dafür kämpfen, das wollen wir behalten.

Das heißt, der Haustarif galt bis 2016. Was gilt jetzt?

Es gab danach eine schwierige Situation, in der wir noch Anfang 2017 sehr um die Verlängerung der Haustarifverträge gekämpft haben. Die wurden dann bis zum Sommer 2018 abgeschlossen. Das heißt, bis zum Ende der laufenden Spielzeit arbeiten wir in einer ununterbrochenen Phase von sechseinhalb Jahren ohne Personalabbau. Das ist schon ein Erfolg.

Sie erwähnten die positive Resonanz des Publikums. Belegen das Ihre Besucherzahlen?

Ja, wir hatten in den letzten zwei, drei Spielzeiten jeweils um die 190.000 Besucher.

Einschießlich der Gastspiele?

Alle drei Standorte, alle Veranstaltungsformen. Das sind alle Besucher bei uns, die ein Ticket erworben und in unseren Häusern Veranstaltungen erlebt haben, auch  Gastveranstaltungen in der Stadthalle Greifswald, die wir ja mitbetreiben.

Wie soll das neue Theater heißen?  Bisher ist stets vom „Staatstheater Nordost“ die Rede.

Wir haben vor, in Kürze einen Prozess zu beginnen, der viele einbeziehen soll, Mitarbeiter der Häuser, Mitglieder der Ensembles, der Betriebsräte, Publikumsvertreter, beispielsweise die Fördervereine, und die Träger, die dann gemeinsam auf der Basis einer Wertediskussion eine Corporate Identity für das Staatstheater erarbeiten. Dann soll es ein Logo geben und Bezeichnung für das Theater gefunden werden. Ein zu komplizierter Name ist sicher nicht wünschenswert.

Aber „Staatstheater Nordost“ ist ja auch nicht glücklich, es nennt nur eine Himmelsrichtung.

Richtig, das ist nur ein Arbeitstitel. Und nun muss etwas folgen, was Hand und Fuß hat.

Unter dem Gesichtspunkt der Programmatik hätte es sicher Charme, wenn es ein Staatstheater gäbe, das für Vorpommern steht. Nun aber gibt es so eine Verbindung zwischen Vorpommern und Ostmecklenburg. Wie kann  diese Konstruktion Identität stiften?

Die Frage ist  generell: Wie denkt sich dieses Theater auch künstlerisch selbst? Es gibt viel Angst in der Landschaft vor einem Schreckgespenst „Kunstkombinat“: quasi ein Riesen-Moloch, über eine viel zu weite Strecke verteilt, alles zentralistisch organisiert, Planwirtschaft guckt da um die Ecke, und dann heißt es auch noch Staats-Theater. Ich weiß nicht, wer solche Ideen mal hatte, aber meine Idee ist das nicht. Meine Idee dieses Theaters ist ein Staatstheater der Städte. Das heißt, Theater findet immer vor Ort statt, durch die Struktur ist dafür gesorgt, dass an jedem Standort mindestens eine produzierende Sparte anwesend ist, und die hat als Hauptaufgabe, in ihrer Stadt die Stadttheaterfunktion wahrzunehmen, muss dort also auch relativ eigenständig agieren können.

Das heißt zum Beispiel für Greifswald?

Greifswald wird Ballett und Schauspiel haben, eine Stadt mit zwei Sparten. Aber nehmen Sie das Schauspiel in Neustrelitz, oder die Musiktheatersparte in Stralsund: Diese Sparten sind dort das jeweilige Stadttheater im engsten Sinne. Sie sind also diejenigen, die auf Entwicklungen in ihrer Stadt direkt reagieren, die bestimmte lokale Themen aufnehmen, sich in lokale Diskussionen einmischen, als ein urbanes Zentrum ihrer Stadt, in dem diskutiert, gestritten, gefeiert und reflektiert wird. Und was alle Standorte vereint, ist die Nutzung bestimmter, eher seltener und nicht überall vertretener Ressourcen,  beispielsweise der Zentralwerkstätten, die an einem Standort zentriert werden  und dann dort für alle Sparten die Bühnenbilder herstellen sollen. Oder das Philharmonische Orchester, das mit zwei Aufgaben, Musiktheater und Konzertwesen, arbeitet, aber von zwei Standorten aus, die recht weit auseinander liegen.

Im aktuellen Fusionsprozess gibt es ein größeres Theater in Greifswald/Stralsund und ein etwas kleineres in Neubrandenburg/ Neustrelitz. Gibt’s aus solchen Gründen in Ostmecklenburg Angst oder Abwehrhaltungen?

Ich nehme schon einige Ängste wahr, und der Begriff der „feindlichen Übernahme“ ist mir schon mal zu Ohren gekommen. Es gibt aber auch etwas anderes. Ich bin jetzt als zweiter Geschäftsführer bei der TOG bestätigt worden und bereite die nächste Spielzeit dort vor, und da merke ich, dass diese Ängste viel in Unklarheiten und Ungewissheiten begründet waren. Das beginnt sich jetzt abzubauen. Ich habe eine Vollversammlung mit den Beschäftigten in Neubrandenburg/Neustrelitz gemacht, auf der wir offen über das, was zu erwarten ist, gesprochen haben. Und ich merke, da beginnt eine diffuse Angstsituation der Beschäftigung mit konkreten Problemstellungen zu weichen. Langsam wird klarer, wohin die Reise geht. Für uns Theaterleute ist immer nach der Premiere schon wieder vor der Premiere, wir krempeln lieber die Ärmel hoch und schauen nach vorn.

Klingt, als sei die Fusion auf gutem Weg. Gibt's trotzdem Probleme?

Aktuell, was die innerbetrieblichen Prozesse betrifft, würde ich das unbedingt so sehen. Es geht in dieser Spielzeit auch um die Ausschreibung eines neuen Generalmusikdirektors. Da war es mir wichtig, dieses Verfahren mit beiden Orchestern abzustimmen. Beide Orchestervorstände haben sich da sehr engagiert und sind offen für die gemeinsame Zukunft. Wir haben ein Prozedere entwickelt, das die Gemeinsamkeit der Wahl betont, so dass wir am Ende mit einem von allen gewählten GMD in die erste Fusionsspielzeit des Orchesters 2019/20 starten.

Heißt das, die Orchester fusionieren ein Jahr später?

Wir haben einen Zwei-Stufen-Plan. Zum 1. August 2018 ist die Verschmelzung zu einer gemeinsamen Gesellschaft mit einer Leitung geplant, aber in der Spielzeit 2018/19 agieren die Betriebe  wegen des notwendigen Planungsvorlaufs wie bisher.  Also wird es auch 2018/19 noch eine Musiktheatersparte in Neustrelitz geben, es wird die beiden Orchester geben, es wird separate Werkstätten geben. Und zum Beginn der Spielzeit 2019/20 wird dann die Binnenstruktur verändert, dann werden auch die Orchester fusioniert.

Und die aktuellen Tarifverhandlungen gelten erst ab 2019 oder schon vorher?

Diese Haustarifverträge müssen schon ab August 2018 einsetzen, allein deshalb, weil die Haustarifverträge am Theater Vorpommern ja auslaufen.

Also wieder  Haustarifverträge? Hieß es nicht, dass mit der Fusion die Beschäftigten in den Flächentarif zurückkehren?

Es geht bei diesen Haustarifverhandlungen um verschiedene Dinge: Zum einen um grundsätzliche Festlegungen, die dauerhaft gelten sollen, wie die Eingruppierung des Orchesters, oder auch Regelungen zu Mitwirkungspflichten. Und dann wird es Übergangslösungen brauchen, die beschreiben, in welchen Stufen und bis wann passiert der Wiedereinstieg in den Flächentarif, wie korrelliert das möglicherweise mit dem Stellenabbau usw. Der soll sozialverträglich, ohne betriebsbedingte Kündigungen und ohne Nichtverlängerungen erfolgen.

Mit welchem Etat wirtschaften Sie ab August 2018? 

Zum Budget kann ich im Moment nur sagen, ich rechne damit, dass sich die Sachkostenbudgets an dem orientieren, was die Theater bisher zur Verfügung haben. Das führt ab 2019/20, wenn es eine  Sparte weniger gibt, beispielsweise dazu, dass die Ausstattungsetats, also das, was wir für Bühnenbilder oder Kostüme ausgeben können, pro Produktion etwas angehoben werden kann, was auch dringend notwendig ist. Die Budgets wurden lange nicht an die Preisentwicklung angepasst. Und die  Personalkosten,  die am Theater ja etwa 85 Prozent der Gesamtkosten ausmachen, hängen davon ab, welche Gehaltszahlungen die Haustarifverträge ab Sommer 2018 vorsehen.

Wie viele Mitarbeiter hat das Staatstheater am 1. August 2018, und welche Entwicklung des Personalbestands ist anvisiert?

Nach derzeitigem Stand werden wir im August 2018 knapp 480 Mitarbeiter haben, diese Zahl wird dann in Richtung 420 Stellen zu bewegen sein, ohne betriebsbedingte Kündigungen und Nichtverlängerungen.

Nennen Sie uns bitte schon mal die Eröffnungspremiere. Bei so einem Neustart erwartet man ja was ganz Besonderes.

Zum Spielplan sage ich noch nichts. Weil wir das natürlich gemeinsam verkünden werden, die  Spartenleiter und ich.  Vielleicht so viel: Es ist  eine Besonderheit, dass das Musiktheater in Neustrelitz 2018/19 seine letzte eigenständige Spielzeit hat. Aber das wird überhaupt kein Abgesang, sondern  soll für das Musiktheater in Neustrelitz nochmal eine richtig pralle, hochkarätige Saison werden.

Interview Dietrich Pätzold

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