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Stralsund Traum und Albtraum Kreideküste
Vorpommern Stralsund Traum und Albtraum Kreideküste
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13:57 18.10.2017
Immer wieder kommt es zu massiven Abbrüchen an der Kreideküste. Viele Bäume beweisen dies. Ihre Wurzeln greifen ins Leere. Quelle: Dana Frohbös
Stralsund/Grimmen/Ribnitz-Damgarten/Bergen

Es gibt kaum einen Ort in Deutschland, der Schönheit und Schrecken so sehr vereint wie die Kreidefelsen auf Rügen. In den Zeitungen findet man Titelzeilen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. So las man etwa: „20-Jährige stürzt von Kreidefelsen in den Tod“; auf der anderen Seite aber auch: „Rügens romantische Seite“. Auf einer Wanderung durch den Nationalpark will ich herausfinden, welcher Aspekt dort für mich überwiegt: Gefahr oder Schönheit.

Jedes Jahr wagen sich tausende Wanderer an die Steilküste auf Rügen. Seit dem tödlichen Absturz einer Bekannten im April frage ich mich, wie gefährlich es dort wirklich ist. Ein Spaziergang.

Die Gedanken daran, dass hier Menschen gestorben sind, lähmen mich

Vom Parkplatz in Sassnitz aus starte ich gegen 14 Uhr meine Tour. Am Parkautomaten wähle ich zwei Stunden aus – ein naiver Plan, wie sich noch herausstellen sollte. Nach einer vier Kilometer langen Tour durch den Wald stehe ich das erste Mal am Abgrund. Von der Ernst-Moritz-Arndt-Sicht, einem plateauförmigen Kreidevorsprung, schaue ich 60 Meter in die Tiefe, dann aufs Meer. Der Ausblick ist traumhaft. Doch richtig genießen kann ich ihn nicht. Erst im April dieses Jahres stand eine Bekannte von mir an genau diesem Fleck – bis sie hinunterstürzte und ihr Leben verlor. Ich kannte Tanita von Metalkonzerten; zuletzt hatten wir uns im Dezember in Flensburg gesehen. Auf meinen Armen bildet sich eine Gänsehaut. Ich fühle mich wie festgewurzelt an diesem Ort, gehe dann aber doch weiter. Dabei komme ich an einem Warnschild vorbei. Ich sehe es nur von hinten. Ohne dass ich es selbst merkte, hatte mich der ausgetretene Trampelpfad also ganz automatisch an den gefährlichen Punkt geführt. Das Warnschild, welches wenige Meter weiter nördlich aufgestellt ist, hatte ich gar nicht gesehen. Zu sehr war ich von der Schönheit der Natur abgelenkt worden.

Die Wurzeln vieler Bäume ragen über den Abgrund

Nach weiteren zwei Kilometern erreiche ich den Kieler Bach. Viele Treppenstufen führen mich vom Hochufer über die steile Metalltreppe nach unten. Ich konzentriere mich beim Abstieg und halte mich gut am Geländer fest. Unten angekommen riecht es nach Meer und Muscheln. Von hier aus geht es nun direkt am Strand entlang zum Königsstuhl. Nach der ersten Kurve entdecke ich unten an den Klippen ein Liebespaar, das sich in den Armen liegt. Unweigerlich denke ich an Tanita, die im April sicherlich auch gerne mit ihrem Mann hier gesessen hätte. Meine Blicke schweifen nach oben. Die Bäume oben am Abhang sind stark in Richtung Ostsee geneigt. Sie sehen aus, als könnten sie jeden Moment herunterstürzen und eine Lawine aus Kreide mit sich ziehen. Die Wurzeln ragen über den Abgrund hinaus und greifen dort ins Leere. Eben hatte ich noch genau dort oben gestanden. Mir wird erst jetzt bewusst, wie gefährlich dies war. Nachdenklich wandere ich weiter.

Der Treppenabstieg vom Königsstuhl ist kaum noch erkennbar

Noch etwa vier Kilometer liegen vor mir. Unter meinen Füßen ist es abwechselnd weich, hart und rutschig. Links fließt ein kleiner Wasserlauf von den Felsen herunter, rechts sitzen Vögel auf großen Steinen im Meer. Meine Füße brennen. Ich wünsche mir, fliegen zu können, so wie die Vögel neben mir – um schneller an mein Ziel zu gelangen.Endlich erreiche ich den Fuß des Königsstuhls. Ich bin erleichtert, erschöpft, stolz. Dass hier einmal eine Treppe von oben herunterführte, lässt sich nur noch anhand der Hinweisschilder und der wahllos herumliegenden Holzbretter erkennen. Seit massiver Sturmschäden im Mai 2016 ist die Treppe gesperrt, nun fiel die Entscheidung für den Rückbau. Das untere Ende ist völlig zerstört. Hier wird mir sehr deutlich, welche Macht die Naturkräfte haben.

Auch Fossiliensammler kommen hier auf ihre Kosten

Ein schöner Flecken Erde, doch ich muss weiter. Rund zehn Kilometer Rückweg liegen noch vor mir. Schnellen Schrittes gehe ich los. Auf meinem beschwerlichen Weg treffe ich lange Zeit keine Menschenseele. Dann ein Lichtblick. Ein kleiner Hund rennt auf mich zu. Herrchen und Frauchen sind Adrian Armbruster (34) und Amelie Rabert (28). Die beiden Augsburger verbringen ihren Urlaub auf Rügen. Dass der Abstieg vom Königsstuhl nicht mehr möglich ist, stört die beiden nicht. Genauso wenig der enorme Umweg, den man nun auf sich nehmen muss, wenn man den Felsen vom Strand aus sehen möchte – ganz im Gegenteil. „Hier unten können wir Fossilien sammeln. Jetzt im Herbst gibt es nichts Schöneres, als sich die Küste von hier aus anzugucken”, sagt der Naturfreund aus Bayern und zeigt mir einen versteinerten Seeigel, den er gerade erst gefunden hatte. Die Gefahr, die von der Küste ausgehen könnte, kann die beiden nicht fernhalten. Mit dem guten Gedanken, auf weiter Flur doch nicht ganz alleine zu sein, setze ich meinen Rückweg fort. Die Treppe am Kieler Bach erreiche ich noch bei geringem Tageslicht. Durch den Wald führt mich dann die Taschenlampe meines Smartphones. Um 19.30 Uhr erreiche ich mein Auto – erschöpft und mit plattgelaufenen Füßen, aber glücklich. Ich bin beeindruckt von den letzten Stunden. Die Natur ist und bleibt unberechenbar. Wer ihre Schönheit genießen möchte, muss dies respektieren.

Steilküste muss abgesperrt werden

Die Kreideküste muss endlich abgesperrt werden. Weder sollten Wanderer über Treppen nach unten laufen können, noch dürfte die obere Kante des Steilufers zugänglich sein.

Ich war dabei, als Helfer Weihnachten 2011 versuchten, die zehnjährige Katharina zu retten. Das Mädchen war mit Mutter und Schwester am Strand bei Kap Arkona unterwegs, als sie bei einem Hangabrutsch getötet wurde. Die Bilder von der Schlammwüste, in der die Helfer nach einem kleinen Körper suchten, sehe ich vor mir, als wäre es gestern gewesen. Die Naturgewalten an den Hängen sind unkontrollierbar – zusammen mit der Unvernunft mancher Spaziergänger ergibt das eine gefährliche Mischung. Zwei Menschen sind in diesem Jahr an der Ernst-Moritz-Arndt-Sicht gestorben – das sind zwei zu viel.

Natürlich muss die Schönheit der Rügener Kreideküste weiterhin erlebbar sein. Aber nur auf gesicherten Aussichtsplattformen oder auf einem Ausflugsboot.

Dana Frohbös

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