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Stralsund Umdenken auf Arbeitsmarkt notwendig
Vorpommern Stralsund Umdenken auf Arbeitsmarkt notwendig
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00:00 22.03.2013
Noch hat das Wasser- und Schifffahrtsamt Stralsund Azubis. Am Modell einer LED-Leuchtboje: Cornelius Bellin (22), Ria Kr�ger (18) , Daniel Lenz (17) und Tom Kruse (18, v. l.). Quelle: Christian Rödel
Stralsund

Ein Gespenst geht um in Deutschland, das Gespenst der demografischen Entwicklung. Und es macht um die Hansestadt keinen Bogen, wie unsere OZ-Serie „Eine Region im Wandel“ zeigt.

Deutlich weniger Geburten in Stralsund und rapider Einwohnerschwund seit Anfang der 90er-Jahre, Verschiebung der Generationenstruktur zu einem deutlichen Übergewicht der älteren Einwohner — all das hat durchschlagende Auswirkungen. Auch und besonders auf den Arbeitsmarkt.

Gab es im Jahre 2003 im Bereich der Arbeitsagentur Stralsund noch 6145 Bewerber für die insgesamt 4438 Lehrstellen, waren es 2012 gerade mal 1919 Mädchen und Jungen, die bei 3199 Ausbildungsplätzen freie Wahl hatten. „Die demografische Entwicklung führte ebenfalls dazu, dass sich die Zahl der Beschäftigten über 50 Jahre von gut 14 000 auf knapp 25 000 erhöht hat“, sagt Dr. Jürgen Radloff, Geschäftsführer der Arbeitsagentur. „13 235 sind sogar 55 Jahre und älter.“ Die Erhöhung des Durchschnittsalters der Bevölkerung (in Stralsund sind es 44,6 Jahre) hat genauso Auswirkungen bei den Arbeitslosen. Über ein Drittel der Jobsuchenden gehören zur Generation 50 plus.

Schaut man sich die Zahlen an, liegen die Probleme auf der Hand. „In den nächsten Jahren werden nicht genügend junge Leute nachwachsen, um die Fachleute zu ersetzen, die in den Ruhestand gehen“, sagt Radloff. „Außerdem verlassen uns immer mehr hoffnungsvolle Nachwuchskräfte, weil es hier an attraktiven Arbeitsplätzen fehlt, der Lohn oft deutlich unter dem anderer Regionen liegt und teilweise auch die Arbeitsbedingungen nicht stimmen.“

Der 56-Jährige glaubt jedoch daran, dass diese Tendenz gestoppt werden kann. „Wir stehen im knallharten Wettbewerb der Regionen. Darauf muss sich jeder einstellen, besonders die Arbeitgeber.“ Als A und O, um nicht den Zug der Zeit zu verschlafen, bezeichnet Radloff die Schaffung guter und ausreichender Arbeitsangebote mit einer vernünftigen Entlohnung. Gelinge das nicht, wird der Wegzug kaum zu stoppen sein.

Im Hotel- und Gaststättengewerbe sei es beispielsweise oft der Fall, dass nicht nach Tarif gezahlt wird und die Leute hier 500 bis 600 Euro weniger verdienen als in Schleswig-Holstein. So habe die Insel Rügen im Jahre 2011 den niedrigsten Bruttodurchschnittsverdienst im Vergleich der Kreise und Städte in Deutschland aufgewiesen.

Zu attraktiven Arbeitsbedingungen zählt der Agenturchef dazu, jungen Leuten klare Entwicklungsperspektiven aufzuzeigen oder bezahlbare Unterkünfte zu bieten. Da müsse sich jeder Firmenchef Gedanken machen.

Allergisch reagiert Radloff, wenn von einem angeblichen Fachkräftemangel in Vorpommern die Rede ist. „Das stimmt einfach nicht. Wir haben genug Potenzial, gerade bei den älteren Arbeitslosen.“ Viele Arbeitgeber müssten endlich umdenken. Und wenn ihnen Azubis oder Arbeitskräfte fehlen, sollten sie auf Ältere zurückgreifen. Wobei ihm bewusst ist, dass früher mehr Azubis eingestellt wurden, um auch bei den Lohnkosten zu sparen.

„Hier muss insgesamt ein Umdenken geschehen“, sagt Radloff. „Das Konzentrieren auf junges Personal wird früher oder später nicht mehr aufgehen. Und die ältere Generation ist motiviert, bringt Lebenserfahrung mit und kann durch Qualifikationsmaßnahmen geschult werden.“

Diese Vorteile, das sagt auch eine von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Studie zur demografischen Entwicklung aus, würden eventuelle gesundheitliche Probleme, die im Alter eher auftreten können, kompensieren.

Am Herzen liegt dem Agenturchef das Schicksal der Volkswerft. Auch er hofft darauf, dass es eine Zukunft für den Schiffbau in Stralsund gibt. Schon in den letzten Monaten habe die Insolvenzanmeldung erhebliche Auswirkungen auf Zulieferer, Kleinbetriebe, Personaldienstleister und andere Unternehmen der Stadt gehabt.

Auf seinem Schreibtisch liegt ein roter Aktenordner. „Hier ist alles drin“, sagt Jürgen Thoms. 23 Jahre hat er die Firma Thopas Bau GmbH Stralsund geleitet. Jetzt bereitet der 61-jährige Bauingenieur die Übergabe an seinen Nachfolger vor. Viele Gedanken zur Planung hat er aufgeschrieben. Es ist wie bei dem eigenen Kind: Loslassen fällt nicht leicht.

In MV wandern viele gut ausgebildete junge Menschen ab, hinterlassen große Lücken. Deshalb wird es immer schwieriger für Geschäftsführer, die nach Nachfolgern suchen, denen sie das berufliche Erbe übergeben können.

„Bei ihm war mir schnell klar: Der will mehr!“ sagt Jürgen Thoms. Als seine Firma 1994 ein Haus baute, sei ihm ein junger Handwerker aufgefallen. Der Mitarbeiter sei mit viel Eigeninitiative und Kreativität am Werk gewesen. Thoms unterstützte den Maurer, seinen Meister zu machen. In der nahen Zukunft wird er die Firma übernehmen. Jürgen Thoms hat eine Tochter und einen Sohn, aber für beide kam es nicht in Frage, die Baufirma zu übernehmen.

Wenn in der Familie und unter den Mitarbeitern kein geeigneter Nachfolger gefunden werden kann, wenden sich viele an die Kreishandwerkerschaft. „Wir helfen den Firmeninhabern“, sagt Uwe Ambrosat (45), Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft. „Sich rechtzeitig mit einer Übergabe auseinanderzusetzen, ist das A und O“, so Ambrosat. Den Verantwortlichen empfiehlt er, mit Anfang 50 das Thema in Angriff zu nehmen. Denn viele Bereiche, wie Betriebswirtschaft, Recht, Technik oder Steuern, müssen in die Überlegungen mit einfließen. Ambrosat verweist außerdem auf die sogenannte Meisterprämie, einen Zuschuss des Landes von 7500 Euro, mit der Menschen gefördert werden, die erstmalig eine Existenz gründen.

„In den kommenden fünf Jahren werden in Mecklenburg-Vorpommern 5000 Unternehmens-Nachfolger gesucht“, sagt Manfred Hartz (61), Leiter von „Brücke MV“, einer Koordinierungsstelle, die zwischen Chefs und Nachwuchskräften vermittelt. Spielen in MV auch gestandene Persönlichkeiten jenseits der 40 eine Rolle als neue Chefs? „Die meisten, die einen Betrieb übernehmen, sind zwischen 35 und 45 Jahre alt“, sagt Berater Hartz. „Andere Fälle gehören zu den Ausnahmen.“

5000 Firmen in MV müssen neuen Chef suchen
Serie

Eine Region im Wandel

STeP-Ideen für die Entwicklung Vorpommerns
Mit Konzepten für die Zukunft der Region beschäftigen sich Studenten und Professoren der Fachhochschule gemeinsam mit Mittelstandsverein und Wirtschaftsförderung der Stadt. Die drei Partner bereiten die 11. Stralsunder Tagung für erfolgreiche Projekte, kurz STeP, vor. Bei der Veranstaltung am 14. Mai an der Marinetechnikschule steht die Weiterentwicklung Vorpommerns im Mittelpunkt. Ein Thema ist das Nutzen der Personalressourcen der Bundeswehr für die Region, um dem Fach-und Führungskräftemangel entgegenzuwirken. Das Ziel lautet, ausscheidenden Soldaten in der Region eine berufliche Perspektive zu geben. Außerdem werden Student Dieter Reich und Mario Gleichmann, Niederlassungsleiter von Unister, über Standortattraktivität und Zukunftsperspektiven für FH-Absolventen sprechen.
Zahl der Erwerbsfähigen in MV sinkt dramatisch
Bis 2060 wird sich in Mecklenburg-Vorpommern die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (15 bis 64 Jahre) fast halbieren. Laut Statistischem Bundesamt sinkt die Zahl von 1,089 Millionen im Jahre 2010 auf nur noch 563 000.

Die Zahl der älteren Beschäftigten im Bereich der Arbeitsagentur Stralsund wächst parallel mit der Zunahme des Durchschnittsalters der Bevölkerung. Im Jahre 2000 waren 14 199 der Beschäftigten 50 Jahre und älter, derzeit sind es 24 607( etwa ein Drittel).

Von den Arbeitslosen im Agenturbereich sind mehr als ein Drittel (36,6 Prozent) über 50 Jahre und älter.

Elena Vogt Andreas Lindenberg

Die Damenmannschaft des HSV Grimmen absolviert am Sonntag ihr letztes Spiel in der Verbandsliga. Nach Meisterschaft und Aufstieg in die MV-Liga (dort trifft das Team dann auch auf den SHV) freuen sich die Mädels auf ihr letztes Spiel.

22.03.2013

Preisträger des 43. Jugendwettbewerbs der Pommerschen Volksbank stehen fest.

22.03.2013

Verbandsliga, morgen 14 Uhr: Torgelower SV Greif — FC Pommern Stralsund

Landesklasse, morgen, 11 Uhr: Greifswalder SV Puls — FC Pommern II; Sonntag, 14 Uhr: Grimmen II — ESV Lok Stralsund

OZ

22.03.2013