Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Stralsund Unwürdig: Feierstunde zur Jugendweihe völlig überfüllt
Vorpommern Stralsund Unwürdig: Feierstunde zur Jugendweihe völlig überfüllt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:05 25.05.2016
Blick in die überfüllte Jugendweiheveranstaltung im Theater am vergangenen Samstagvormittag. Rechts im Bild sind Jugendweiheteilnehmer zu erkennen, die während der laufenden Veranstaltung im Gang stehen beziehungsweise auf dem Boden sitzen mussten. Quelle: privat

So hatte sich Janett Bahr die Jugendweihefeier ihrer Tochter nicht vorgestellt. Musste sie doch mit ansehen, dass die Achtklässlerin beim Festakt im Stralsunder Theater keinen Platz fand. Zusammen mit zwölf anderen Jugendlichen musste Alina an diesem wichtigen Tag in ihrem Leben im Gang auf dem Fußboden sitzen – im schönen, neuen Kleid. „Sie ist total unglücklich“, sagt Mutter Janett. Und auch sie selbst sei ziemlich wütend auf die Organisatoren.

„Da sind offensichtlich zu viele Karten durch den Jugendweihe-Verein verteilt worden“, vermutet Luise Hardies, die ihren Bruder zu seiner Jugendweihe ins Theater begleitet hatte. Gäste hatten mangels Alternativen zunächst die freigehaltenen vorderen Sitzreihen für die 76 Jugendweihe-Teilnehmer eingenommen. „Nachdem sie aufgefordert wurden, die Plätze zu räumen, konnten viele Angehörige die Feier nur stehend im Gang zwischen den Türen miterleben“, sagt Luise Hardies. Ihr Bruder habe noch einen Sitzplatz ergattern können. Als mehrere Mädchen weinten – offenbar wegen der unwürdigen Umstände – tröstete er sie.

Sowohl Janett Bahr als auch Luise Hardies berichten übereinstimmend davon, dass die Stimmung im Theater schnell gekippt war. Die Gäste der Veranstaltung machten ihrem Ärger lautstark Luft. Es gab Buh-Rufe, als ein Vertreter des Jugendweihe-Vereins versuchte, die Situation zu erklären. Andere Eltern, wie Julia Matthes, hatten inzwischen frustriert das Theater verlassen, damit wenigstens ihre Kinder an diesem Ehrentag einen Sitzplatz bekamen.

In der Stralsunder Geschäftsstelle des Vereins Jugendweihe MV herrscht betretenes Schweigen. Bei Nachfragen zu der Veranstaltung am vergangenen Samstag wird auf den Vereinsvorstand in Schwerin verwiesen. Hier zeigt sich Martina Zoyke selbst völlig fassungslos, über das, was da in Stralsund passiert ist. „So etwas ist eine Katastrophe für alle 120 Vereinsmitglieder im Land. Das darf nicht passieren“, sagt die Geschäftsführerin. Ihr ist das Geschehen auch deshalb ein Rätsel, weil nach ihrer Kenntnis die zweite Feierstunde an diesem Tag kurz darauf problemlos über die Bühne gegangen war.

Gemeinsam mit dem Vereinsvorsitzenden Klaus-Peter Hogh war Martina Zoyke am Montag nach Stralsund geeilt, um die Ursachen für das Chaos herauszufinden und Schlussfolgerungen zu ziehen. Erste Konsequenz: Daniel Gehse von der Stralsunder Geschäftsstelle wurde von seiner Arbeit für den Verein freigestellt.

Was die Ursachen betrifft, so führt Martina Zoyke diese nach ersten Erkenntnissen auf eine angespannte Gemengelage zurück. „Für diese Veranstaltung gab es im Vorfeld offenbar eine große Nachfrage nach Gästekarten und gleichzeitig die Rückgabe nicht benötigter Angehörigenkarten. Dabei muss der Überblick verlorengegangen sein“, vermutet die Geschäftsführerin. Der Vorstand des Vereins wolle jetzt beraten, wie man den Betroffenen angemessen entgegenkommen kann und solche Pannen in Zukunft vermieden werden. Martina Zoyke: „Geschäftsführung und Vorstand möchten sich für diese aus dem Ruder gelaufene Jugendweiheveranstaltung in aller Form entschuldigen.“

Jugendweihen haben über 160-jährige Tradition

Jugendweihen haben in Deutschland eine über 160-jährige Tradition und werden von freireligiösen Gemeinden, humanistischen Organisationen und Jugendweihe-Vereinen durchgeführt.

Der Begriff Jugendweihe tauchte erstmals 1852 auf und geht auf einen Vorschlag des Theologen Eduard Baltzer zurück, der damit zum Ausdruck bringen wollte, dass sich die Abkehr von den Kirchen auch in der Terminologie niederschlagen sollte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen die freireligiösen Gemeinden und die Verbände der Freidenker die Tradition der Jugendweihe auf. Später bekam die Jugendweihe in der DDR eine staatspolitische Bedeutung.

Freidenker und Freireligiöse in der Bundesrepublik und West-Berlin begingen nach Kriegsende ebenfalls Jugendweihen. Sie blieben dort eine Art Aufnahmezeremonie in die freigeistigen Verbände.

Jörg Mattern

Mehr zum Thema

Die Jugendweihe liegt wieder voll im Trend. In Schönberg (Nordwestmecklenburg) gingen am Sonnabend 116 Mädchen und Jungen den feierlichen Schritt ins Erwachsenenleben – mehr als im vorigen Jahr.

23.05.2016

In Schönberg gehen 116 Mädchen und Jungen den Schritt ins Erwachsenenleben – mehr als im vorigen Jahr

23.05.2016
Wismar Proseken/Gägelow - Ärger über Müllfahrzeuge

Grundstücksbesitzer im Gägelower Ortsteil Proseken bei Wismar müssen ihre Abfalltonnen zu Sammelplätzen schieben, da Fahrer von Mülltransportern Stichstraßen meiden.

24.05.2016

Der Rettungsturm und die Sassnitzer Kurmuschel des berühmten Baumeisters sollen ab Herbst mit über 500 000 Euro der Wüstenrot-Stiftung wieder in Schuss gebracht werden

25.05.2016

Hilfe für junge Nichtschwimmer

25.05.2016

Dem diesjährigen Kreisausscheid der Jugendfeuerwehr fiebern schon die Nachwuchskräfte der Wehren entgegen. Dieser findet am Sonnabend auf dem Sportplatz in Reinkenhagen statt.

25.05.2016
Anzeige