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Vermisster Sohn auf Spritztour mit Mutters Auto

Stralsund Vermisster Sohn auf Spritztour mit Mutters Auto

Es war still zu Hause. Sonst wurde sie wach, weil der Sohn schon durch die Zimmer rumorte. Als die Mutter ihren 15-Jährigen weder im Bett noch in der Wohnung fand, war sie hellwach.

Stralsund. Ihr erster Gedanke war: Polizei. Als sie zum Hauptrevier fahren wollte, der nächste Schreck: Ihr Hyundai war weg. Jemand musste ihn über Nacht gestohlen haben.

„Die Frau erstattete zwei Anzeigen auf dem Revier — eine Vermisstenanzeige wegen des Sohnes sowie eine wegen Autodiebstahls“, erzählt Kriminalhauptmeister Heiko Lutzke. Er weiß: „Die sofortige Suche nach dem Jungen verlief zunächst ergebnislos.“ Das Auto fand sich schneller an. Vor den Toren der Hansestadt steckte der Wagen im Straßengraben. Zuvor hatte das Fahrzeug einen Strauch gestreift.

„Alles sah ein wenig chaotisch aus“, so der Ermittler. Offene Türen, in denen eine goldene Rettungsdecke flatterte, überall lagen Kippen herum. Das Auto war nicht kurzgeschlossen, aber der Schlüssel fehlte. „Das alles war ein Grund, dass der Kriminaldauerdienst ausrückte und Spuren sicherte — Finger- und Schuhabdrücke, DNA, Reste von Nylonfasern, das ganze Programm“, sagt Lutzke. „Wir ermittelten hier wegen Unfallflucht und Diebstahls eines Pkw.“

Kurz darauf meldete sich bei den Polizisten ein älterer Herr. Der Jäger war in der Nacht am Hyundai vorbeigekommen und hatte zwei frierende Jugendliche darin entdeckt — einen jungen Mann und ein Mädchen. Er habe noch versucht, das Auto aus dem Graben zu ziehen, was nicht gelungen sei. Deshalb habe er beide ins nächste Dorf mitgenommen und dort abgesetzt.

Es dauerte nicht lange, da tauchte der vermisste 15-Jährige kleinlaut bei Muttern wieder auf. Seine Beichte enthielt zwei Worte: Hyundai und Spritztour. „Wie sich herausstellte, wollte er Eindruck bei seiner 16-jährigen Freundin schinden“, sagt der Kriminalist. Ein Ausflug mit Mutters Auto schien dafür das Richtige zu sein. Seine älteren Kumpels versäumten es auch nie, mit ihren Autos vor dem Jüngeren zu protzen. So gondelten denn Freund und Freundin zu nächtlicher Stunde im Kleinwagen rund um Stralsund. Irgendwann sei das Auto auf glatter Straße weggerutscht und im Graben gelandet. So hatte es der Nachwuchsfahrer in seiner Vernehmung bei der Polizei angegeben. Die Sache schien für die Ermittler klar zu sein: Fahren ohne Führerschein sowie eine Meldung an die Führerscheinstelle.

Letztere wirkt sich meist dann negativ aus, wenn der Delinquent später die Fahrerlaubnis erlangen möchte.

„Seine Freundin bestätigte die Geschichte soweit“, erklärt Lutzke. Doch ihre Story wich in Details von der des Jungen ab. Bevor das gute Stück in den Graben rutschte, habe sie am Steuer gesessen.

Ausgerutscht sei man, weil der Copilot testete, was passiert, wenn man während der Fahrt die Handbremse zieht. „Nun war aus der Zeugin eine Beschuldigte geworden. Zudem wurde gegen ihren Freund wegen unerlaubten Eingriffs in den Straßenverkehr ermittelt“, erklärt der Kriminalist. Die Unfallflucht hatte sich jedoch in unberechtigtes Benutzen eines Kfz gewandelt.

Immerhin war sich der unberechtigte Benutzer mit Muttern einig geworden, was die Schadensregulierung betraf. Wie Heiko Lutzke weiß, wollte der junge Mann sein Weihnachtsgeschenk, einen Laptop, verkaufen, um die demolierte Stoßstange reparieren zu lassen. Und für Eltern schwieriger Pubertierender hat der Kriminalist noch einen Tipp: „Stets darauf achten, dass Autoschlüssel nicht frei herumliegen.“

Jörg Mattern

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