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Viele Stralsunder arbeiten in befristeten Jobs

Stralsund Viele Stralsunder arbeiten in befristeten Jobs

Gewerkschaft kritisiert Zeitverträge in Kreisverwaltung / Fachkräftemangel führt zu Umdenken / Koalition will Kettenbefristungen einschränken

Stralsund. Maren Stein konnte in ihrem Leben noch nie etwas langfristig planen. Die 36-Jährige, die eigentlich anders heißt, arbeitet jetzt durchgängig seit 2009 und hangelt sich dabei von einem befristeten Arbeitsvertrag zum nächsten. 17 Stück sind es mittlerweile, fast alle beim gleichen Arbeitgeber, manche nur einen Monat lang.

 

OZ-Bild

Das ist eine klassische Verlängerung der Probezeit und für junge Menschen bei der Familien- planung ein riesiges Problem.Simone Wolf, Gewerkschaft Verdi

Maren Stein ist Diplom-Biologin und forscht für ein namhaftes Institut in der Region. Weil dort in Projekten gearbeitet wird, konnte der Arbeitgeber stets die Verträge auf deren Dauer begrenzen.

„Familienplanung ist so kaum möglich. Einen Kredit bekomme ich auch nicht. Und selbst, wenn ich ihn bekäme, hätte ich Angst, ihn nicht zurückzahlen zu können“, sagt Maren Stein. Manchmal erfährt die junge Frau erst zwei Wochen vor Vertragsende, ob es weitergeht.

Die SPD hat bei den Koalitionsverhandlungen in Berlin dafür gestritten, die Situation von Maren Stein, aber auch von vielen anderen Arbeitnehmern in Stralsund und Umgebung zu verbessern. Die Sozialdemokraten forderten, endlosen Kettenbefristungen einen Riegel vorzuschieben und die sogenannte sachgrundlose Befristung gänzlich zu verbieten. Sie konnten sich zwar nicht vollständig durchsetzen, einigten sich mit der CDU aber auf einen Kompromiss (siehe Infokasten). „Wir müssen wieder zu ordentlichen Beschäftigungsverhältnissen zurückkehren. Was früher normal war, ist heute schon zur Besonderheit geworden und das kann nicht sein“, sagt die Stralsunder SPD-Bundestagsabgeordnete Sonja Steffen. „Gerade in unserer Region betrifft das ausgerechnet jene Menschen, die ohnehin schon mies bezahlt werden, zum Beispiel in der Gastronomie und in der Reinigungsbranche“, sagt Steffen.

Doch zu den Arbeitgebern, die ihren Leuten besonders häufig nur Zeitverträge geben, zählt ausgerechnet auch der Staat selbst. Nach Angaben der Gewerkschaft Verdi ist das in der Kreisverwaltung von Vorpommern-Rügen in besonderem Maße der Fall. „Dort werden Stellen häufig ohne Sachgrund nur für zwei Jahre ausgeschrieben. Das ist eine klassische Verlängerung der Probezeit und für junge Menschen bei der Familienplanung ein riesiges Problem“, sagt Gewerkschaftssekretärin Simone Wolf.

Die Kreisverwaltung erklärt dazu, dass von 876 Arbeitnehmern 43 einen befristeten Vertrag haben, zehn davon ohne Sachgrund. „Die sachgrundlose Befristungsmöglichkeit ist von Vorteil, um flexibel und zeitnah auf Veränderungen reagieren zu können“, sagt Kreissprecher Olaf Manzke. So müsse die Behörde beispielsweise zehn weitere Kollegen für den Verwaltungsaufwand einstellen, der durch die neuen Blitzer an der A20-Umleitung entsteht. Weil die Situation zeitlich begrenzt sei, bekämen die Leute nur befristete Verträge.

In der Gesundheitsbranche, die lange für ihre Zeitverträge berüchtigt war, ändert sich das Bild mittlerweile. „Der Mangel an Ärzten und examinierten Pflegekräften hat auch den Arbeitsmarkt in unserer Region erreicht. Man findet schlichtweg kaum noch Mitarbeiter für befristete Einstellungen, insbesondere bei kurzen Laufzeiten“, sagt Ralph Klawitter, Betriebsratsvorsitzender am Helios Hanseklinikum. Ausnahme ist laut Gewerkschaft Verdi allerdings der Service- und Reinigungsbereich in den Krankenhäusern, der oftmals in andere Gesellschaften ausgelagert wurde und bei dem häufig mit Befristungen gearbeitet werde.

Überschaubare Löhne und oft nur Verträge auf Zeit – damit müssen viele Angestellte in der Gastronomie leben. Auch der Stralsunder Hansedom setzt sachgrundlose Befristungen ein. „Im Tourismus wissen wir nicht, was in zwei Jahren ist. Wir können so besser strategisch entscheiden“, sagt Geschäftsführer Dirk Höft. Auch würden sich Mitarbeiter mehr anstrengen, wenn sie auf eine Entfristung hinarbeiten. „Angesichts des Fachkräftemangels werden befristete Verträge aber immer seltener“, sagt Höft.

Maren Stein, die Biologin mit den 17 Zeitverträgen, glaubt nicht, dass die neue Regierung ihr mit der Koalitionsvereinbarung wirklich helfen kann – womöglich tritt sogar das Gegenteil ein. Selbst wenn endlose Kettenbefristungen bald nicht mehr erlaubt sind, rechnet sie nicht mit einer dauerhaften Festanstellung. „Eher würden sie sich einen neuen Mitarbeiter suchen.“

Das steht im neuen Koalitionsvertrag zwischen CDU und SPD

Die Befristung von

Arbeitsverträgen war eines der wichtigsten Streitthemen zwischen SPD und CDU bei den Verhandlungen zum neuen Koalitionsvertrag. Schließlich einigten sich die Parteien auf einen Kompromiss.

Länger als fünf Jahre am Stück sollen Arbeitnehmer künftig in keinem Fall mehr beim selben Arbeitgeber befristet angestellt werden dürfen. Damit sollen Kettenbefristungen verhindert werden.

Arbeitgeber mit mehr als 75 Beschäftigten sollen höchstens noch 2,5 Prozent ihrer Belegschaft mit befristeten Verträgen ohne Sachgrund ausstatten dürfen. Was ein Sachgrund ist und was nicht, ist im Gesetz geregelt. Dazu zählt beispielsweise eine Krankheitsvertretung.

Eine Befristung ohne Sachgrund ist nur noch für anderthalb Jahre möglich, bisher waren es zwei Jahre. Und statt bis zu drei aufeinanderfolgender Befristungen soll innerhalb der eineinhalb Jahre nun nur noch eine Anschlussbefristung erlaubt sein, wenn es keinen Sachgrund gibt.

Nach Zahlen des Statistischen Landesamts hatten in MV im Jahr 2016 von den rund 695000 Beschäftigten etwa 13 Prozent, also fast 93000, einen befristeten Arbeitsvertrag. Dazu zählen allerdings auch 25 000 Auszubildende.

Alexander Müller

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