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Vorpommern litt: Dreißigjähriger Krieg begann vor 400 Jahren

Stralsund/Schwerin Vorpommern litt: Dreißigjähriger Krieg begann vor 400 Jahren

Acht Jahre nach dem Prager Fenstersturz von 1618 kam der Konflikt in den Nordosten: Die Bevölkerung in den Dörfern und Städten litt unter marodierenden Truppen.

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Der Stralsunder Historiker Dirk Schleinert zeigt ein Bild aus dem Stadtarchiv Stralsund über die Belagerung der Stadt im Jahr 1628 durch kaiserliche Truppen.

Quelle: Stefan Sauer

Stralsund/Schwerin. Es müssen tumultartige Zustände gewesen sein, als vor 400 Jahren protestantische Stände zur Prager Burg zogen und die katholischen Statthalter wutentbrannt aus dem Fenster warfen. Der Prager Fenstersturz im Mai 1618 gilt als Beginn des Dreißigjährigen Krieges, der als Religionskrieg um den rechten Glauben Katholizismus oder Protestantismus und als militärisches Kräftemessen europäischer Großmächte in die Geschichte einging.  

Noch ein knappes Jahrzehnt nach dem Ereignis in Prag sollten Mecklenburg und Pommern unberührt von Kriegshandlungen und marodierenden Truppen bleiben. Doch der Donner, der Europa seit 1618 erbeben ließ, hallte früh an die Küste. Schon im Dekanatsbuch von 1620/21 zeigte sich die Philosophische Fakultät an der Universität Greifswald von der „Hitze des Krieges“ in Böhmen, Österreich, Mähren, Schlesien und der Rheinpfalz beunruhigt. Die durch den Krieg verursachte Münzentwertung rührte an den Nerv der Universität.

Im Jahr 1626 kam der Krieg mit dem Einmarsch der kaiserlichen Truppen im heutigen Nordosten Deutschlands an. Der protestantische Dänenkönig Christian IV., der seine verwandten mecklenburgischen Herzöge von Schwerin und Güstrow als Alliierte gewonnen hatte, unterlag dem kaiserlichen General Tilly in der Schlacht bei Lutter am Barenberg. „Während sich Christian mit dem Frieden von Lübeck im Jahr 1629 ohne größeren Gebietsverlust aus der Affäre zog, wurden die mecklenburgischen Herzöge vom Kaiser abgesetzt und Wallenstein erblich mit Mecklenburg belehnt“, berichtet der Greifswalder Historiker Michael North.

Wallenstein führte im Norden ein hartes Regiment. Nicht nur, dass er zur Finanzierung seines Heeres eine permanente Steuer einführte. Als selbst ernannter „General des Ozeanischen Meeres“ trieb er seine Expansionsbestrebungen an der Küste voran. Vor den Toren Stralsunds erlitt der Feldherr 1628 eine zum Symbol des hansestädtischen Widerstandes stilisierte Niederlage, an die die Stadt heute allsommerlich mit dem Volksfest der Wallensteintage erinnert.

Brandschatzungen, Beschlagnahmungen von Ernte und Vieh sowie Vergewaltigungen durch Söldner sind im Nordosten ebenso wie in anderen deutschen Provinzen belegt. Folgenschwer seien vor allem Einquartierungen gewesen, wenn Vorräte rationiert oder einfach weggegessen wurden, wie der Historiker North sagt. Die Zahl der Todesopfer und die Bevölkerungsverluste sind schwer bezifferbar, zumal es damals noch keine Volkszählungen gab.

Der Historiker und Leiter des Stralsunder Stadtarchivs, Dirk Schleinert, schätzt die Bevölkerungsverluste im Nordosten Quellen zufolge auf deutlich über 50 Prozent. Auf dem flachen Land seien sie wahrscheinlich noch höher als in den Städten gewesen. „Man muss auch sagen, dass die Leiden in Vorpommern nicht mit 1648 endeten, sondern sich wegen der Einbeziehung des Landes in die schwedische Großmachtpolitik  bis 1720 fortsetzten“, sagt Schleinert. Der Tiefpunkt der demografischen und ökonomischen Entwicklung wurde demnach erst nach Ende des schwedisch-brandenburgischen Krieges um 1680 erreicht.

Der Dreißigjährige Krieg hat im Nordosten Spuren hinterlassen, nicht nur in Form feucht-fröhlicher Volksfeste wie den Stralsunder Wallensteintagen oder dem Wismarer Schwedenfest. Einige wichtige Zeugnisse des Krieges finden sich heute noch: So landete  der schwedische König Gustav Adolf (1594-1632) am 6. Juli 1630 mit seinen Truppen bei Peenemünde auf der Insel Usedom. Gustav Adolf zwang Pommern, Mecklenburg, Brandenburg und Sachsen in kürzester Zeit zu einem Bündnisvertrag. Schweden stieg zu einer europäischen „Supermacht“ auf. Teile Pommerns und Mecklenburgs blieben bis ins 19. Jahrhundert schwedisch.

Viele Orte, die heute an das Kriegsgeschehen erinnern wie Schwedenschanze, Gedenksteine und -büsten wurden meistens erst 1930 zum 300. Jahrestag der Landung errichtet oder eingeweiht.

Martina Rathke

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