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Stralsund Vorpommerns atomares Erbe
Vorpommern Stralsund Vorpommerns atomares Erbe
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00:01 04.01.2018
Der Abriss des ehemaligen Kernkraftwerks in Lubmin wird noch Jahre dauern. FOTOS (2): STEFAN SAUER/DPA

In Lubmin am südlichen Greifswalder Bodden werden Milliarden-Investitionen mit den Energieträgern Windkraft und Gas bewegt: Der Übertragungsnetzbetreiber 50 Hertz verlegt für etwa 1,5 Milliarden Euro das Offshore-Stromkabel „Ostwind 1“ mit Zielpunkt Lubmin. Sein Umspannwerk wird zur Drehscheibe für die Abführung von grünem Strom. Die Nord Stream-Trasse bringt seit 2011 russisches Erdgas nach Lubmin. Im November erhielt die Gazprom-Tochter Nord Stream 2 eine erste Teilgenehmigung für eine zweite Leitung.

Wir sind nicht mehr das alte Treuhandunter- nehmen. Jetzt steht auf dem Firmenschild, was drin ist: nukleare Entsorgungs- kompetenz. Henry Cordes, EWN-Geschäftsführer

Die langfristige Wertschöpfung dieser Mega-Investitionen blieb mit zwei Handvoll Arbeitsplätzen am Industriestandort Lubmin bislang eher dürftig. Mit Abstand größter Arbeitgeber ist dort mit dem bundeseigenen Entsorgungswerk für Nuklearanlagen (EWN) immer noch ein Vertreter der alten Energieart Kernkraft. 880 Arbeitskräfte arbeiten nach EWN-Angaben deutschlandweit in dem Unternehmen – davon 750 am Standort der Firmenzentrale.

Anfang 2017 wechselte EWN seinen Namen. Die einstigen Energiewerke Nord, die als Rechtsnachfolger 1990 den Atommeiler übernahmen, abschalteten und seit nunmehr 22 Jahren zurückbauen nennen sich jetzt Entsorgungswerk für Nuklearanlagen. „Wir sind nicht mehr das alte Treuhandunternehmen“, sagt EWN-Geschäftsführer Henry Cordes. „Jetzt steht auf dem Firmenschild, was drin ist: nukleare Entsorgungskompetenz.“

EWN sieht sich als bedeutender Arbeitgeber in der Region und Knowhow-Träger bundesweit. 50 Millionen Euro Investitionen löst EWN eigenen Angaben zufolge an öffentlichen Aufträgen pro Jahr allein in MV aus, davon fließen rund 20 bis 30 Millionen Euro in die Region Vorpommern, wie Cordes berichtet.

Mit dem 2011 beschlossenen Atomausstieg befindet sich die einst als Zukunftstechnologie gepriesene Atomkraft deutschlandweit in Abwicklung. Die Branche richtet seitdem ihren Fokus auf die Entsorgung ihrer Hinterlassenschaften. EWN ist in dem Geschäft dabei, wenn auch mit wenigen, dafür aber hochspezialisierten Fachkräften im Projektmanagement oder Reaktorrückbau. Im Konsortialverbund mit dem auf Kernkraftwerksanlagen spezialisierten Unternehmen Areva beteiligen sich die Lubminer am Rückbau der EnBW-Kraftwerke Philippsburg und Neckarwestheim in Baden-Württemberg und der Vattenfall-Meiler Krümel und Brunsbüttel in Schleswig-Holstein. „Wir sind inzwischen industriell wettbewerbsfähig“, sagt Cordes.

Bis Ende der 2020er-Jahre will EWN den nach dem Atomgesetz geregelten Rückbau in Lubmin abschließen. Der Rückbau sei inzwischen kleinteilig und zeitaufwändig, sagt der EWN-Firmenchef. Kilometerlange Kabel müssten aus dem Beton gezogen und entsorgt, Betonschichten abgefräst werden, um sie frei von atomarer Belastung zu machen. Danach soll der konventionelle Rückbau starten.

Bis dahin rechnet EWN mit einem weiter hohen Personalbestand in Lubmin. Aber die Belegschaft befindet sich bereits jetzt im Umbruch. Die Generation, die im Kraftwerk noch Strom erzeugte, steht vor der Rente. 53 Auszubildende und 20 Dualstudierende lernen aktuell bei EWN. Um den personellen Umbruch ohne den in dieser Branche wichtigen Erfahrungsabbruch zu bewältigen, wuchs der Mitarbeiterbestand seit 2015 um etwa zehn Prozent.

„Wir werden bis in die letzten Jahrzehnte dieses Jahrhunderts Entsorgungsleistungen in Lubmin erbringen“, ist Firmenchef Cordes überzeugt und begründet dies mit den Zeitfenstern für die Atom-Endlager. Das Endlager für schwach- und mittelradioaktiven Abfall „Schacht Konrad“ ist genehmigt, wird aber frühestens 2022 öffnen. Über einen Zeitraum von 40 Jahren wird dann im ehemaligen Bergbauschacht schwach- und mittelradioaktiver Müll eingelagert. Bis 2031 wollen sich Bund, Länder und Experten auf einen Standort für ein Endlager für hochradioaktiven Abfall einigen, 2055 könnte demnach die Einlagerung der Castoren beginnen. Viel zu ehrgeizig, sagen Kritiker, die nach dem Dilemma um das Endlager Gorleben für eine breite Bürgerbeteiligung werben.

Im Zwischenlager Lubmin sind 74 Castoren mit hochradioaktivem Abfall deponiert. EWN kündigte vor einer Woche den Bau eines terrorsicheren Ersatzbaus an und peilt 2024 die Inbetriebnahme an. Die bestehende Aufbewahrungsgenehmigung bis 2039 wie auch die Anzahl der in Lubmin eingelagerten Castoren sollen trotz Neubaus unangetastet bleiben, betont Cordes. Neben einem Castor-Lager soll zudem eine Zerlegehalle für schwach- und mittelradioaktiven Abfall entstehen.

Die Grünen warnen angesichts der Neubaupläne und der Endlagerproblematik vor einem „Dauer-Provisorium“ Lubmin. Mit jeder Modernisierung am Standort wachse das Risiko, dass in Lubmin Fremdabfälle aus anderen Bundesländern gelagert werden und der Bund die bestehenden Regelungen kippt, sagt Grünen-Landeschef Johann-Georg Jaeger.

Nicht nur in Lubmin, sondern auch in allen deutschen Zwischenlagern laufen die Genehmigungen für die Castor-Zwischenlagerung aus. Wie die Lücke bis zur Öffnung eines Endlagers geschlossen wird, ist offen. Man werde sich dann an dem orientieren, was geltendes Recht sein wird, sagt Cordes.

Zehn Prozent des Strombedarfs der DDR

Bereits im Jahre 1965 gab es ein Regierungsabkommen zwischen der DDR und der Sowjetunion zum Bau eines Kernkraftwerkes in der DDR. Von Beginn an wurde Lubmin als Standort favorisiert.

Wichtigste Gründe: ausreichend Kühlwasser (Greifswalder Bodden), geringer Nutzwert der landwirtschaftlichen Fläche, geringe Siedlungsdichte, was die Auswirkungen bei einem Störfall gering halten sollte.

Der eigentliche Bau der ersten vier Blöcke begann 1969 (Erschließung des Geländes seit 1967). Sie gingen 1974, 1975, 1978 und 1979 ans Netz und deckten zehn Prozent des Strombedarfs in der DDR. Seit 1966 lieferte ein Versuchsreaktor in Rheinsberg Strom.

Mitte der 70er-Jahre wurde entschieden, in Lubmin vier weitere Reaktoren zu bauen, von denen der erste mit großer Verspätung 1989 in Probebetrieb ging. Block 6 wurde 1990 fertig, aber nie mit Brennelementen bestückt.

Nach der Wende wurden bis dahin nicht veröffentlichte Störfälle und erhebliche Sicherheitsmängel bekannt.

Am 17. Dezember 1990 wurde Block 1 als letzter abgeschaltet.

Martina Rathke

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