Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 15 ° Regenschauer

Navigation:
„Wenn ich dich kriege, schneide ich dir die Kehle durch“

Greifswald „Wenn ich dich kriege, schneide ich dir die Kehle durch“

Das Frauenhaus Greifswald gibt es seit 25 Jahren / Ein Opfer häuslicher Gewalt fasst sich aus diesem Anlass ein Herz und berichtet über seine Erfahrungen

Greifswald. Die Worte hallen noch in ihren Ohren: „Wenn ich dich kriege, schneide ich dir die Kehle durch“, hat ihr Ex gedroht. Und Paula* hat keinerlei Zweifel daran, dass er es wahr macht. Ihrem früheren Partner traue sie alles zu. Jahrelang habe er sie gedemütigt, beschimpft, verfolgt und immer wieder grün und blau geschlagen. Bis die heute 49-Jährige 2014 nach Greifswald ins Frauenhaus floh.

Das sei nicht ihr erster Versuch gewesen, das unerträgliche Leben mit ihm hinter sich zu lassen. „Unsere Beziehung war schon nach dem ersten Kind nicht mehr in Ordnung“, offenbart die dreifache Mutter. Seine grundlose Eifersucht habe krankhafte Züge angenommen. „Da brauchte nur der Postbote zu klingeln, schon rastete er aus.“ 17 Jahre ist es her, dass sie mit ihren Kindern erstmals ein Frauenhaus aufsuchte. Weit weg von zu Hause. Trotz Angst vor ihrem Partner kehrte sie wieder heim. „Anfangs war es ja auch gut. Bis die Vorwürfe kamen und alles von vorn begann.“ Den zweiten Ausbruch wagte sie Jahre später. Da war die Tochter schon volljährig „und hielt den Kontrollwahn ihres Vaters nicht mehr aus“, erzählt Paula. Gemeinsam hätten sie stark gelitten, trotzdem habe es sie wieder nach Hause gezogen. „Diese Existenzangst kann keiner verstehen. Man geht ja nur mit Jacke und Hose los“, sagt die kräftige Frau und weint. Als der Ex schließlich ihrer Tochter Gewalt antat, war die weg – und Paula folgte ihr mit dem jüngsten Sohn. Sie wollte ein für allemal einen Schlussstrich ziehen und ein neues Leben beginnen. Weit weg von der Heimat, von ehemaligen Freunden, Kollegen, sogar dem ältesten Sohn.

Im Frauenhaus Greifswald kamen Mutter und Tochter zur Ruhe. Endlich. Endlich wieder ohne Angst erwachen. Ohne Angst aus dem Haus gehen. Wobei: „Wenn neben mir ein Auto hupt, wenn ich neben mir einen Geruch wahrnehme, der seinem ähnelt, ist die Angst wieder da, sie verfolgt mich ständig“, sagt Paula und verrät, immer noch jeden Tag an diesen Tyrannen denken zu müssen. Dabei ist sie jetzt schon mehr als anderthalb Jahre von ihm fort, hat ihr neues Leben gut im Griff. „Neun Monate wohnte sie bei uns im Frauenhaus“, sagt Leiterin Dinara Heyer. „Fast gehörte sie schon zu unserem Inventar“, scherzt Mitarbeiterin Christiane Siegler. Lachen tut so gut! Und dennoch brechen sich die Tränen immer wieder Bahn.

Vergeblich hatte Paula versucht, in Greifswald eine Bleibe zu finden. Die Wohnungsbau- und Verwaltungsgesellschaft „fand schnell heraus, dass ich in meiner Heimatstadt 7000 Euro Mietschulden hatte“.

Ein Problem, das viele schutzsuchende Frauen kennen, pflichtet Dinara Heyer ihr bei und sagt: „Aus diesem Grund kriegen sie dann hier keine Wohnung.“ Am Zustandekommen der Mietschulden trage sie keine Schuld, sagt Paula: „Unsere Wohnungsgesellschaft hat eine halbjährige Kündigungsfrist. Ausnahmen gibt es nicht.“ Da sie durch ihre Flucht auch keinen Job, also keine Einkünfte mehr hatte und ihr Ex die Miete nicht zahlte, summierten sich die Beträge schnell. „Jetzt zahle ich die Schulden ab – 25 Euro monatlich, wahrscheinlich bis an mein Lebensende“, sagt Paula mit bitterem Lachen. Dass sie überhaupt zahlen könne, habe mit ihrem unbändigen Willen zu tun, betont Christiane Siegler: „Paula hat ihre Sachen nie schleifen lassen, hat sich immer durchgebissen.“

In einer anderen vorpommerschen Stadt scherte sich ein Vermieter im Herbst vorigen Jahres nicht um Paulas Schulden, sondern glaubte an sie. Hartnäckig habe sie sich Hilfe gesucht und gefunden, sagt Siegler. „Deshalb haben wir ihr auch den Neustart von ganzem Herzen gegönnt“, sagt ihre junge Kollegin Mareen Schumann.

Ein Neustart in einer fremden Stadt mit neuen Nachbarn, neuen Kollegen, neuen Zielen: Paula holt jetzt endlich ihren Abschluss als examinierte Altenpflegerin nach, nachdem sie jahrelang nur als Helferin gearbeitet hatte. Außerdem besorgte sie sich einen Minijob, um besser über die Runden zu kommen. Die drei Mitarbeiterinnen des Frauenhauses glauben fest an sie. Und so gewinnt am Ende doch die Zuversicht – und nicht die Angst.

(*Name v.d. Red. geändert)

Petra Hase

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Berlin

Gut 35 Millionen Google-Treffer finden sich zu Bob Dylan. Rund 100 Millionen Tonträger soll der legendäre Musiker verkauft haben - und damit weniger als Taylor Swift oder Justin Bieber. Doch mit schnöden Zahlen lässt sich das Kulturphänomen Dylan ohnehin nicht erfassen.

mehr
Mehr aus Stralsund
Verlagshaus Stralsund

Apollonienmarkt 16
18439 Stralsund

Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag
10.00 bis 18.00 Uhr

Leiter Lokalredaktion: Benjamin Fischer
Telefon: 0 38 31 / 20 67 40
E-Mail:  stralsund@ostsee-zeitung.de

Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Termine, Events, Veranstaltungen Teaser der den User auf die Seite "Termine" führen soll image/svg+xml Image Teaser Termine 2015-09-23 de Veranstaltungen Aktuelle Termine Konzerte, Kino, Ausstellungen, Vorträge, Theater, Workshops, Tanz und noch vieles mehr. Alle Veranstaltungen und Freizeittipps in Ihrer Nähe finden Sie hier.
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
RSS-Feeds

Wissen, was in Rostock und der Welt los ist

Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Lererbriefe, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Leserbriefe" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Leserbriefe“ 2015-09-23 de Meinung Ihre Leserbriefe Über unser Kontaktformular können Sie uns gern Lob, Kritik, Ideen oder andere Anmerkungen zu aktuellen Themen aus Ihrer Region, MV und der Welt zusenden. Wir freuen uns auf Ihre Meinung. Hier geht es zum Formular.