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Stralsund „Wer arbeitet, ist ein Schuft“
Vorpommern Stralsund „Wer arbeitet, ist ein Schuft“
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00:00 26.10.2017
Felix Meusel (vorn) als Leonce und Tobias Bode als sein Diener Vaerio. Quelle: Foto: Vincent Leifer

Es ist zum Wahnsinnigwerden. Leonce und Lena lernen sich zufällig in Italien kennen. Beide sind auf der Flucht vor einer Zwangsheirat. Sie verlieben sich. Sie werden es ihren Eltern so richtig zeigen und einander heiraten. Doch das Schicksal spielt mit ihnen. Sie waren von Anfang an einander versprochen. Es bleibt also alles beim Alten. Die witzige und bittere Geschichte „Leonce und Lena“ von Georg Büchner (1813 - 1837) zeigt das Theater Vorpommern am Freitag in Stralsund.

Büchner schrieb das Stück als Abrechnung mit dem Absolutismus am hessischen Hof, sagt Regisseur und Oberspielleiter Reinhard Göber. „Dort kontrollierten Wenige die Vielen. Ein Problem, das wir heute auch noch haben. Die acht reichsten Menschen der Welt besitzen so viel Vermögen wie die 3,5 Milliarden Ärmsten“, zieht er eine Parallele. „Wir haben kein Armutsproblem, sondern ein Verteilungsproblem.“ Diesen Konflikt habe schon Büchner erkannt, der im Gegensatz zwischen Arm und Reich das „revolutionäre Konfliktmoment“ gesehen habe, vermutet Dramaturg Oliver Lisewski.

Zurück zum Stück: Prinz Leonce langweilt sich, gibt sich dem Müßiggang hin. Thronnachfolge, Frauen und Philosophie sind ausgelutschte Themen. „Wer arbeitet, ist ein Schuft“, sagt er. Mit so einem Satz sticht das Stück auch direkt ins Herz der modernen Gesellschaft. „Diese Aussage geht heute gar nicht in Deutschland“, sagt Regisseur Göber. „Arbeit ist hier das Nonplusultra.“ Gilt da eine andere Meinung schon als Widerstand? „Es ist gut, wenn die Leute einmal darüber nachdenken, ob sich Leistung überhaupt noch lohnt“, meint Göber. Mit „Leonce und Lena“ will er die Satire Büchners modernisieren, „Klassiker als lebendiges Material begreifen und die Stoffe in das 21. Jahrhundert tragen“, formuliert er seinen Anspruch.

So gibt es auf der Bühne keinen lächerlichen König mit Pappkrone, sondern eine Hippie-Utopie mit langen Haaren und Rock’n’Roll von den Rolling Stones und Songs von Country-Legende Johnny Cash. Mit Orgel und Klavier und Gesangseinlagen des Leonce, gespielt von Felix Meusel. Das Bühnenbild besteht aus einem „Showraum, in dem alles möglich ist“, beschreibt Reinhard Göber. Zwei große Monitore mit Videoeinblendungen schaffen einen Gegensatz zwischen den realen Menschen vor und der künstlichen Welt in den Monitoren.

Wo Büchner sich gegen die Absolutisten seiner Zeit stellte, hat Göber ein ganz anderes Problem. Die Politik kommt seiner Zunft gefährlich nahe. „Die Politik ist so theatralisch geworden, dass ich mich manchmal frage, wo da das Theater noch bleiben kann. Die Übergänge zwischen den beiden Welten sind durchlässiger geworden“, kommentiert er. Gerade in den höchsten Positionen der Macht gehe es mehr um Schein als um Sein. Da bleibe laut Göber nur ein Bereich, in dem Menschen noch authentisch seien – Sex und Liebe: „Wir wollen zeigen, wie kompliziert es ist, sich auch in diesem Bereich zu finden.“

„Das Stück fordert zum Mitdenken auf“, sagt Felix Meusel, der mit dieser Spielzeit wieder festes Ensemblemitglied des Theaters Vorpommern ist. Dass das Theater selbst als Erholung dienen kann, um wieder fit für die Leistungsgesellschaft zu werden, sei vollkommen legitim. „Theater deckt Widersprüche auf, das ist gerade heute wichtig.“

Dennoch gehe es bei Weitem nicht nur um Theorien und Konzepte, macht Schauspieler Tobias Bode deutlich, der mit Beginn der neuen Spielzeit festes Ensemblemitglied geworden ist. Er spielt den Valerio, Leonces Diener und Wegbegleiter. „Es wird ein praller Theaterabend, der in der Tradition von Stegreifkömodien steht. Es wird zum Beispiel auch viele Interaktionen mit dem Publikum geben“, blickt er voraus.

Für die Premiere von „Leonce und Lena“ von Georg Büchner hebt sich der Vorhang im Theater Stralsund am Freitag um 19.30 Uhr. Weitere Aufführungen in Stralsund: 11. November, 19.30 Uhr; 26. November, 16 Uhr; 27. November, 10 Uhr; 16. Dezember, 19.30 Uhr; 27. Januar, 19.30 Uhr.

Christopher Gottschalk

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