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Wie abgehoben sind unsere Politiker in Berlin?

Stralsund Wie abgehoben sind unsere Politiker in Berlin?

Die im Bundestag wissen gar nicht mehr, was uns im Land bewegt - dieser Satz hat Hochkonjunktur. Doch wie viel Wahrheit steckt darin? Vier Abgeordnete aus Vorpommern reden über den Spagat zwischen Hauptstadtpolitik, Heimatregion - und ihrer Familie.

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Eckhardt Rehberg, CDU-Abgeordneter im Bundestag aus Marlow, spricht mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei einem Empfang in Trinwillershagen (Landkreis Vorpommern-Rügen).

Quelle: Ove Arscholl

Stralsund. Politikerkarrieren sind Aufsteiger-Geschichten. Sie beginnen oft in den Niederungen der Lokalpolitik und können - wenn Talent, Glück und Beziehungen zusammenkommen - bis in den Deutschen Bundestag führen. Einmal dort angekommen, im eigenen Büro, mit eigenen Mitarbeitern und gut gefülltem Etat, ist die Gemeindevertretung, in der alles begonnen hat, plötzlich ziemlich weit weg. 

Man kann in diesem Licht auch eine Entscheidung der Stralsunder Grünen-Politikerin Claudia Müller sehen. Kurz nach ihrem Einzug in den Bundestag gab sie erst ihren Fraktionsvorsitz im Kreistag ab und dann auch ihr Mandat in der Stralsunder Bürgerschaft. Doch wie gerecht ist diese Sichtweise? Sie selbst sagt: „Ich schaffe das zeitlich nicht mehr. Doch ich weiß, dass man schnell in eine Blase geraten kann, wenn man sich nur im Bundestag bewegt.“ Die 36-Jährige ist Mutter von zwei Kindern und muss ihre Zeit zwischen Bundestag, den Problemen der Menschen in der Heimat und ihrer Familie aufteilen - eine Mammutaufgabe. 

Wie kann ein Politiker also nach Berlin gehen und gleichzeitig in der Heimat verwurzelt bleiben? Und ist das irgendwie mit dem Privatleben zu vereinbaren? 

CDU-Mann Rehberg: „Meine Frau hat die Söhne alleine großgezogen“

Einer, der es wissen muss, ist Eckhardt Rehberg aus Marlow. Der 63-Jährige ist ein politisches Urgestein. Es gibt kaum ein CDU-Amt, das er noch nicht bekleidet hat. Seit 2005 sitzt er im Bundestag. 

Sind Sie in all den Hauptstadt-Jahren abgehoben, Herr Rehberg? „Ich habe für mich den Anspruch, dass ich geerdet bin. Dafür sorgen meine Frau und meine beiden Söhne und meine Motorradtruppe. Das ist ein Querschnitt der Gesellschaft.“ Als direkt gewählter Abgeordneter sei eine Antenne für die Probleme der Leute zu Hause so etwas wie die Lebensgrundlage. „Wir haben eine besondere Verpflichtung und Bindung zum Wahlkreis. Wir müssen uns um unseren Wahlkreis kümmern und haben einen anderen Anspruch, direkt wiedergewählt zu werden. Das ist eine andere Konstellation als bei Abgeordneten, die über die Landesliste gewählt werden“, sagt Rehberg. Seine Mitgliedschaft in der Marlower Stadtvertretung hat er dennoch beendet. „Das musste ich kappen. Das wäre zeitlich nicht gegangen.“ Auch die Familie habe oft zurückstecken müssen. „In den 1990er hat meine Frau die Söhne im Prinzip alleine großgezogen. Das war aber auch eine andere Zeit. Wenn ich damals gesagt hätte, ich brauche mehr Zeit für die Familie, weiß ich nicht, wie das medial angekommen wäre. Heute ist das anders.“

Hauptstadtpolitik funktioniert wie ein abgeschottetes Raumschiff

Für die Linken-Abgeordnete Kerstin Kassner, die seit 2013 im Bundestag sitzt, ist der Heimatbezug existenziell, wie sie sagt. Den Vorwurf, Politiker in Berlin seien abgehoben, hält die 60-Jährige nicht grundsätzlich für falsch. Die Hauptstadtpolitik funktioniere wie ein von der Außenwelt abgeschottetes Raumschiff. „Wenn ich dort erzähle, wie es den Menschen in Vorpommern geht, wie viele zum Beispiel von Altersarmut betroffen sind, dann schauen mich die Kollegen an, als ob ich aus einer anderen Welt komme“, sagt Kerstin Kassner. Für sie käme es deswegen auch nicht in Frage, ihre Gemeindevertretung in Putgarten auf Rügen freiwillig zu verlassen. „Es ist für mich Gesetz, mich in der Region zu engagieren. Man ist so viel näher am Leben dran.“ Da sei alles eine Frage der Organisation. Putgartens Bürgermeisterin orientiere sich etwa bei der Planung für die Termine der Gemeindevertreter an den Sitzungswochen im Bundestag. 

Einzelschicksale sind wichtiger als über viele Millionen Euro zu entscheiden

Die Stralsunder SPD-Abgeordnete Sonja Steffen ist seit 2009 in Berlin und sieht sich selbst nur als kleines Rädchen im Getriebe. „Man darf einen Fehler nicht machen und das ist Abheben. Nach dem Motto: Jetzt habe ich über Millionen mitentschieden, was kümmern mich da Einzelschicksale. Diese Schicksale sind das Wichtigste“, sagt sie. Dennoch hält sie es für sinnvoll, sich auf eine Sache zu konzentrieren. „Am Anfang bin ich auch während den Sitzungswochen nach Stralsund gefahren, weil ich dachte, ich muss zu jedem kommunalpolitischen Abend. Das reibt einen auf.“ Heute konzentriert sich die 54-Jährige auf bestimmte Themen in Vorpommern, wie etwa Flüchtlinge. Unter dem vielen Hin und Her habe auch ihr Privatleben gelitten, sagt Sonja Steffen. „Ich konnte nicht für meine Familie da sein, wie ich es mir gewünscht hätte. Ich habe noch heute oft mit einem schlechten Gewissen zu kämpfen. Doch um immer alles miteinander vereinbaren zu können, dafür müsste ich zaubern.“

Alexander Müller

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