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Wiedersehen nach zehn Jahren – es sollte das letzte sein

Stralsund Wiedersehen nach zehn Jahren – es sollte das letzte sein

Die Geschwister Sybille und Burkhard trafen sich heimlich in Stralsund / Auf dem Bahnhof nahmen sie Abschied uns sahen sich nie wieder

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Stralsund. „Bahnhof des Jahres“ – als ich davon in meiner Regionalzeitung lesen konnte, habe ich mich für Stralsund gefreut und möchte dazu herzlich gratulieren. Eine solche Würdigung zu bekommen, ist eine Anerkennung für die Leistung und Mitwirkung vieler Beteiligter und das in Zeiten, in denen Bahnhöfe geschlossen werden. Allein dieses schöne alte Gebäude hat es verdient.

 

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Sybille Kempf

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Die Geschwister Sybille und Burkhard in ihrer frühen Jugend.

Quelle: Fotos: Privat
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Sybille Kempf

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In mir hat diese Nachricht eine Erinnerung aufgebrochen, die ich tief verborgen hatte. Nun nach genau 44 Jahren will ich sie aufschreiben.

Es war im Frühjahr 1972. Ich war bereits an meinem Arbeitsplatz, als ein Kollege mir ein Telegramm brachte. Der Absender war Rügen- Radio. Der Text war kurz, eben im Telegrammstil, er lautete in etwa so: „Einlaufen heute Nachmittag im Stralsunder Hafen (stopp) komme bitte hin (stopp) Burkhard“. Es war eine Nachricht von meinem Bruder, wir hatten uns seit Weihnachten 1960 nicht mehr gesehen.

Unsere Familie war durch Auswirkungen, die nicht zuletzt dem Krieg geschuldet waren, getrennt worden. Burkhard verbrachte seit 1954 seine Kindheit bei unserem Vater in Hamburg, ich blieb bei den Großeltern in Altentreptow.

Mein Bruder hatte sich für den Beruf des Seemanns entschieden und schrieb mir nun aus aller Welt die tollsten Ansichtskarten. Ich wusste, dass er sich darum bemühte, auf einem Schiff anzuheuern, dass eine Route nach Stralsund oder Rostock führte. Als ich das Telegramm in der Hand hielt, wurde mir klar, es hat geklappt.

Mein Chef war großzügig, gab mir frei. Ich hatte Glück, auch noch den Zug nach Stralsund zu bekommen. Da stand ich nun am Stralsunder Bahnhof, fragte mich durch und war bald am Hafen, der ja zum Sperrgebiet gehörte. Nach etwa einer Stunde kam ein Lotse auf mich zu, fragte, ob ich auf meinen Bruder warten würde, bestellte schon erste Grüße und meinte, er wäre bald an Land.

Es dauerte auch nicht mehr lange und wir freuten uns über unser Wiedersehen nach fast zwölf Jahren. Zwei Erwachsene standen sich gegenüber, aber sie freuten sich wie kleine Kinder. Wir verbrachten den Rest des Tages miteinander und hatten viel zu erzählen. Irgendwie sind wir dann am Abend in einer Gaststätte gelandet, sie war nicht sehr weit vom Bahnhof entfernt, und wir wollten etwas essen.

Dort war bereits ein Teil der Schiffsbesatzung meines Bruders in fröhlicher Stimmung. Die Uhr lief und ich musste zum Bahnhof, denn mein Zug fuhr etwa gegen 23.45 Uhr.

Mein Bruder begleitete mich. Bei der Verabschiedung hatte er dann die Idee, mit mir nach Altentreptow zu fahren. Er war räumlich so dicht an seinen Kindheitserlebnissen, dass ihn das Heimweh einfach gepackt hatte. Ich war fast machtlos, alle meine Befürchtungen hielt er für übertrieben. Er wollte nur unsere Großeltern in die Arme nehmen und am frühen Morgen wieder zurück nach Stralsund fahren.

Er meinte, kein Mensch würde etwas merken. Als dann der Zug kam, gelang es mir doch noch, ihn zu überzeugen, dass sein Vorhaben nicht möglich ist. Er stand noch sehr lange am Bahnsteig, um zu winken.

Das ist meine Erinnerung an den Stralsunder Bahnhof. Da waren zwei Menschen, die möglichst unauffällig einen Konflikt bewältigen mussten, einen Konflikt, der viele Familien im geteilten Deutschland betraf. Meine Erinnerung ist bei aller Tragik sehr innig, denn damals wusste ich nicht, dass es die letzte Begegnung mit meinem Bruder sein würde.

Genau elf Monate später kam mein Bruder bei einem Schiffsbrand in Halifax ums Leben. Ab dem 1. Januar 1973 durfte man, laut Gesetz der DDR, in besonderen Familienangelegenheiten zu Besuch in die BRD reisen. So konnte ich, damals 27 Jahre alt, zur Beerdigung meines 28-jährigen Bruders nach Hamburg fahren.

Der Stralsunder Bahnhof war unsere letzte Begegnungsstätte und wird immer tief in meinem Gedächtnis bleiben.

25. Jubiläum

Die Ortsstelle Stralsund der Stiftung Bahnsozialwerk (BSW) hat rund 220 Mitglieder und Förderer. Dazu gehören die Gruppe der Lokführer und der Chor. Am 25. November wird mit einer Festveranstaltung das 25. Jubiläum gefeiert.

Die Traditionsausstellung zur Eisenbahn in Stralsund ist während der Öffnungszeiten in der Passage am Bahnhof zu sehen.

Weitere Infos : ☎ 03831/288064

Stralsund hat den Bahnhof des Jahres: Geschichten und Erinnerungen

Ihr Herz schlägt für die Eisenbahn

Von der Achse bis zum Lokführerstand gibt es wohl kaum ein Detail, das sie nicht kennen. Ihr Herz schlägt für die Eisenbahn: Peter Haase (76), Dieter-Rüdiger Schulz (77) und Jörg Müller (72) sind seit mehr als einem halben Jahrhundert mit dem Stralsunder Bahnhof verbunden. Die drei Hansestädter haben sich von der Pieke auf hochgearbeitet. Und die Leidenschaft lässt sie bis heute nicht los. In der Stiftung Bahnsozialwerk (BSW) bringen sie ihr Wissen und ihre Erfahrung ein.

„Die Bewahrung der Tradition ist für uns ein wichtiges Anliegen“, sagt Peter Haase, der 1954 seine Lehre als Dampflokschlosser begann und bis 1990 als Leiter des Bahnbetriebswagenwerkes gearbeitet hat. „Wir sind eine Generations von Lokführern, die es so nicht mehr geben wird“, meint Dieter-Rüdiger Schulz, der mit Recht darauf stolz ist, dass er von der Dampf- über Diesel und E-Lok bis zum IC alles mitgemacht hat. Schulz begann ebenfalls 1954 seine Schlosserlehre und war zuletzt bis 1999 Instrukteur für Triebfahrzeuge im Fernverkehr. Jörg Müller startete seine Laufbahn 1960 in Eberswalde.

Bis 1993 war er Vorsteher des Bahnbetriebswerkes in Stralsund und verabschiedete sich 1999 aus dem Unternehmen.

Eine Unmenge an Fotos, Dokumenten, Chroniken und Sachzeugnissen haben die rührigen Männer mit vielen Gleichgesinnten zusammengetragen. Präsentiert wird das Material auf Schautafeln, die in der Passage am Bahnhof während der Öffnungszeiten zu sehen sind.

„Wir sind dem Management der Passage sehr dankbar, dass man uns die Ausstellungsfläche zur Verfügung stellt“, sagt Haase. Ebenso findet die Gruppe Unterstützung im benachbarten IntercityHotel, wo die regelmäßigen Zusammenkünfte an jedem 1. Dienstag im Monat stattfinden. In den Räumen des Hotels und in der Ausstellung stehen zwei Modelle von alten Lokschuppen, die Jörg Trutwig mit Geschick und Einfühlungsvermögen gestaltet hat. „Das ist ein Eisenbahnfreund, der wirklich sehr viel Herzblut in diese Arbeit gesteckt hat“, sagt Haase. Zurzeit stellt Trutwig das dritte Modell her. „So erhalten wir wenigstens auf diese Weise Denkmäler für die Nachwelt“, sagt Jörg Müller, der sich mächtig darüber ärgert, dass die Industrieanlagen dem Verfall preisgegeben wurden. Das sei ein einziges Trauerspiel. Und niemand wüsste, was mit den verfallenen Lokschuppen passiert. Ebenso fehle ein vernünftiges Verkehrskonzept rund um den Bahnhof, kritisiert Müller.

Die Nachricht über die Auszeichnung für Stralsund als Bahnhof des Jahres 2016 durch das Bündnis Allianz pro Schiene haben alle drei Senioren mit Freude gehört. „Aber es gibt auch noch viele Dinge, die im Argen liegen“, findet Jörg Müller. Dazu gehöre unter anderem der Zustand der Fahrradabstellanlage neben dem Bahnhof. „Das Unkraut steht hoch. Das Denkmal für die Eisenbahn, das wir dort geschaffen haben, wurde durch die Überdachung total zugebaut“, moniert der Hansestädter und fügt an: „Wir würden uns wünschen, dass wir als BSW bei der Deutschen Bahn mehr Gehör finden.“

Aus der Geschichte des Bahnhofs

Der erste Zug fuhr am 27. September 1863 in Stralsund ein. Für einen Eisenbahnanschluss hatten sich zuvor seit 1843 Kaufleute der Stadt stark gemacht.

Zunächst wurde nur ein hölzernes Empfangsgebäude mit zwei Wartesälen errichtet. Im Fall eines Angriffs auf die Stadt sollte eine schnelle Zerstörung möglich sein.

Das heutige Bahnhofsgebäude aus Backstein wurde nach einem Entwurf der Königlichen Eisenbahndirektion Stettin errichtet. Am 9. November 1903 begann der Bau. Die Übergabe erfolgte am 29. März 1905.

Auf dem Platz vor dem Bahnhof, wo sich heute Kurzzeitparkplätze und ein Taxistand befinden, hielten früher die Droschken und die Straßenbahn.

Im östlichen Bereich der Halle befanden sich drei Wartesäle, einer ausschließlich für Damen, einer für die 1. und 2. Klasse und schließlich ein weiterer für die Passagiere der 3.

und 4. Wagenklasse.

Der Turm neben der Eingangshalle sollte an die Architektur der drei großen Pfarrkirchen erinnern.

Der Maler Erich Kliefert erhielt in den 1930er-Jahren den Auftrag zur Neugestaltung der Empfangshalle. Die Gemälde, die 1935 entstanden, zeigen Stralsund und Rügen aus der Vogelperspektive.

Das Gebäude wurde in den 1990er-Jahren saniert. Der Bahnsteigbereich erhielt ein Glasdach. In der Empfangshalle wurde Platz für Läden geschaffen.

Eine Reparaturwerkstatt und ein vierständiger Ringlokschuppen waren bereits 1878 auf dem späteren Gelände des Bahnbetriebswerkes Stralsund entstanden. Eine Modernisierung erfolgte in den 1950er- und 1960er-Jahren. Ab 1990 verlor das Werk durch die wirtschaftlichen Veränderungen mit der Wende seine Bedeutung. Es wurde in den Betriebshof Stralsund umgewandelt. Seit 1999 gab es nur noch eine Zweigniederlassung, die am 1. Juli 2001 aufgelöst wurde.

Seit 2010 wird die Station als Hauptbahnhof bezeichnet.

Die Autorin

Sybille Kempf (70) lebt in Altentreptow. Vor der Wende arbeitete sie dort unter anderem als Abteilungsleiterin in einem Baubetrieb. Nach 1990 ging sie in die Politik, war von 1992 bis 2012 Bürgermeisterin. Dienstlich war sie häufig in Stralsund, wo der Sanierunsgträger BIG-Städtebau seines Sitz hat. Dadurch wurden ihre Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Bahnhof immer wieder aufgefrischt.

Sybille Kempf Marlies Walther

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